Kirchheim

Stadträte attackieren Verwaltung

Wohnen Die Wohnungsnot brennt allen auf den Nägeln. Die Stadt Kirchheim soll nach Wunsch des Gemeinderats einige Vorhaben schneller umsetzen. Von Irene Strifler

Den Bau der Tiefgaragen kann man im Vorzeigeareal „Steingauquartier“ beobachten. Foto: Carsten Riedl
Den Bau der Tiefgaragen kann man im Vorzeigeareal „Steingauquartier“ beobachten. Foto: Carsten Riedl

Wer eine Wohnung in Kirchheim sucht, erlebt sein blaues Wunder. Oft geht er leer aus oder muss tief in die Tasche greifen. Das wissen auch Verwaltung und Gemeinderäte. Abhilfe schaffen sollen in Kirchheim neue Baumaßnahmen, etwa am Kirchheimer Güterbahnhof, aber auch auf der Fläche, auf der bisher die Ötlinger Haldenschule steht sowie in der Reutlinger Straße, um nur einige Beispiele zu nennen.

Im Gemeinderat sollte kürzlich eigentlich nur der Steuerungsbericht zum Thema Wohnen vorgestellt werden. Da hat die Verwaltung durchaus Erfolge zu melden: Von einem „Run auf Bauanträge“ sprach Bürgermeister Günter Riemer und freute sich speziell fürs Steingau-Quartier: „Dort geht der Punk ab.“ Stadtplaner Gernot Pohl ergänzte, dass dort momentan sogar verhältnismäßig günstig gebaut werden könne, was überwiegend an der Konzeption liege. Gerade die Tiefgaragen werden beispielsweise gemeinsam erstellt.

Der Steuerungsbericht belegt einige Entwicklungen, auf die Kirchheim stolz sein kann. So betonte der Bürgermeister, dass sich die Anzahl der Wohneinheiten in Kirchheim von 2018 bis 2022 um Tausend erhöhen werde. Immerhin 15 Prozent der neuen Wohnungen fallen in das preiswerte Segment - nicht zuletzt dank der vom Rat erarbeiteten Kirchheimer Sozialbauverpflichtung. Dennoch wird die Entlastung für Menschen mit geringem Einkommen auf dem Markt nicht recht spürbar.

Für sie soll sich am Güterbahnhof etwas tun. Stadtplaner Pohl stellte für 2020 die Erschließung des ersten Bauabschnitts in Aussicht und betonte das aufwendige Prozedere. Richtlinien vom Steingau-Quartier könne man kaum übernehmen, da es sich um viel mehr Wohneinheiten handle. Bislang plant die Verwaltung eine Parzellierung in 16 einzelne Gebiete. Pohl resümierte: „Wir sind vom Gesamtprojekt überzeugt.“

Überzeugt vom Projekt Güterbahnhof, zumindest von seiner entlastenden Wirkung auf dem Wohnungsmarkt, sind auch die Stadträte. Dennoch blies der Verwaltung in der Sitzung der Wind gewaltig ins Gesicht. Speziell am Güterbahnhof, aber auch andernorts, geht es nämlich vielen Räten zu langsam voran. „Wir können nicht mehr als arbeiten“, wehrte sich Gernot Pohl. Auch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker schaltete sich ein und verwies auf eine Reihe von Arbeiten, etwa die Verhandlungen über den Gleiskauf, die hinter den Kulissen ablaufen.

Etliche Stadträte drückten in ihren Wortmeldungen aufs Gaspedal. Kirchheim hätte „lange genug geschlafen“, was bezahlbaren Wohnraum angehe, kritisierte CIK-Vertreter Gerd Mogler: Die viel gerühmte Sozialbauverpflichtung sei angesichts der massiven Wohnungsnot nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Den konkreten Vorschlag, das ganze Güterbahnhof-Areal aus einer Hand bebauen zu lassen anstelle einer Parzellierung machte CDU-Fraktionsführer Dr. Thilo Rose. Damit könne man Zeit sparen. Auch Dr. Silvia Oberhauser, Fraktionsvorsitzende der Frauenliste, will den Worten jetzt schnell Taten folgen lassen: „Wir haben längst ein Konzept, es heißt: preiswerter Wohnraum!“

„Rasch, aber nicht hopplahopp“, wollen die Freien Wähler vorgehen. Für sie befürwortete Hans-Peter Birkenmaier eine Aufteilung des Areals in fünf bis sechs Felder, auf denen dann der Gemeinderat Vorgaben machen könne. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Sabine Bur am Orde-Käß plädierte dafür, Standards zu hinterfragen, um wirklich kostengünstig bauen zu können. So ermögliche der Verzicht auf Keller oder Tiefgaragen serielles Bauen, lautete eines ihrer Spar-Beispiele. Außerdem setzen vor allem die Grünen Hoffnungen in eine Satzung zu Leerstand beziehungsweise Fehlbelegung bestehender Wohnungen.

SPD-Fraktionsführer Marc Eisenmann erkannte im Steuerungsbericht sogar einen „Rückgang an Aktivität“ und regte eine Arbeitsgruppe an. Sie solle aktiv werden, wenn die nächsten Steuerungsberichte zum Thema Wohnen keine befriedigende Qualität böten. Neben weiteren Zielen pochte Eisenmann auf die Erstellung konkreter Projektpläne. So soll Klarheit entstehen, wie zügig auf städtischen Grundstücken wie speziell dem Güterbahnhofsgelände und Reutlinger Straße in Ötlingen der so dringend benötigte bezahlbare Wohnraum geschaffen werden könne. Das Gremium folgte diesem Antragspaket einstimmig.

Sozialbauverpflichtung: Dabei handelt es sich um eine Richtlinie, die Investoren und Bauträger verpflichtet, einen gewissen Anteil an preisgünstigen Mietwohnungen in ihren Objekten zu planen.

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