Lokale Kultur

„Stefanie integriert die Ötztürks“

Das Theaterensemble „Halber Apfel“ begeisterte das bunt gemischte Publikum in der Stadthalle

Stadthalle Kirchheim, Theater Halber Apfel präsentiert "Stefanie integriert die Öztürks"
Stadthalle Kirchheim, Theater Halber Apfel präsentiert "Stefanie integriert die Öztürks"

Kirchheim. Ein gemischteres Theaterpublikum lässt sich kaum vorstellen und die großartige Vorstellung, dass sich nach dem Öffnen des Vorhangs zwei Kulturen vorbehaltlos begegnen, war gut – und wurde durch

Vertreter aus unterschiedlichsten Kulturkreisen sogar weit übertroffen. Dass bei einem Theaterstück mit dem Titel „Stefanie integriert die Öztürks“ sehr viele türkischstämmige Mitbürger die Kirchheimer Stadthalle bevölkern werden, war zu erwarten. Dass auch möglichst viele deutsche Staatsbürger der Einladung des Kirchheimer Vereins BIL-Teck (Bildungsstadt-Teck) folgen werden, immerhin zu hoffen.

Murat Isbogas spöttische aber zutreffende Feststellung, dass „die Deutschen fast alle in der ersten Reihe“ sitzen, konnte niemand missverstehen oder gar in den falschen Hals bekommen. Der Gründer, Leiter, Drehbuchautor und alle anderen Darsteller zwangsläufig in den Schatten stellende Star der Aufführung der Theatertruppe „Halber Apfel“ hatte schließlich 90 kurzweilige Minuten lang mit seinem Ensemble zusammen ein humoristisches Feuerwerk abgebrannt, das seinesgleichen sucht.

Das Stück gab den wenigen deutschen Besuchern ausgiebig Gelegenheit, sich köstlich über die Eigenheiten der vielleicht Tür an Tür mit ihnen lebenden türkischen Landsleuten zu amüsieren, aber zugleich auch herzhaft über sich selbst zu lachen.

Im Zentrum der messerscharfen Analysen und treffsicheren Beobachtungen Murat Isbogas standen vor allem die halbherzigen Integrations-Bemühungen seiner Landsleute, die teilweise schon Jahre oder gar Jahrzehnte im Land sind, ohne die bei einer so langen Zeit zu erwartenden Sprachkenntnisse erlangt zu haben.

Gegenspielerin des unangefochtenen Oberhaupts der Familie Öztürk war die trotz ihres unentwegt gebrauchten bestätigenden „okay“ zweifellos „sehr deutsche“ Stefanie. Sie bietet dem Vater ihrer Freundin eine harmlose Wette an, die er verliert und dann ohne Pardon gezwungen wird, eine Woche lang ausschließlich Deutsch zu reden. Das Ergebnis des gnadenlosen Deutsch-Drills gibt der korrekten Stefanie des Stücks dann aber recht. Schlitzohr Öztürk wird innerhalb weniger Tage zum überzeugten „Goetherianer“, der „seinen Werther“ fast auswendig herunterbeten kann. Die seiner Meinung nach „nur wegen der türkischen Mitbürger“ erfundenen und absolut willkürlich verwendeten drei Artikel „der, die, das“ beherrscht er am Ende der Woche fehlerfrei und kann die bislang konsequent verweigerte Integrationshürde mühelos überspringen.

Dass die thematisierten Sprachprobleme sich von nachwachsender Generation zu Generation oft selbst regeln und tatsächlich viele „zugereiste Türken“ ein weit besseres Deutsch oder auch Schwäbisch sprechen als die „alteingesessenen Ureinwohner“ ist tröstlich. Dass viele Vertreter der ersten Einreisewelle noch immer Probleme mit der Sprache haben, ist dabei leicht erklärbar. Die Menschen, die einst nach Deutschland kamen, hatten ja ursprünglich gar nicht im Sinn, für immer hier zu bleiben und galten daher – sprachlich eigentlich völlig zurecht – als „Gastarbeiter“, deren klar abgestecktes Ziel es war, so schnell wie möglich wieder in ihre eigentliche Heimat zurückzukehren.

Dass aus den unterschiedlich freundlich willkommen geheißenen „Gästen“ längst „Menschen mit Migrationshintergrund“ geworden sind, klingt kompliziert, ist aber gut. Es verbessert aber nicht das weiter bestehende Problem, dass es mit der deutsch-türkischen Kommunikation nicht immer zum Besten bestellt ist und von nahtloser Integration leider keine Rede sein kann. Dass sich die Situation allmählich ändert, wurde zu Beginn der Veranstaltung deutlich, denn zahlreiche Schülerinnen und Schüler konnten vorab für ihre herausragenden Schulleistungen ausgezeichnet werden.

Die vor großem Publikum ausgesprochene Anerkennung galt vor allem überdurchschnittlichen oder auch innerhalb kurzer Zeit enorm verbesserten Mathematiknoten. Herausragende Leistungen im Fach Deutsch waren aber genauso dabei, wie die Bestleistung an einer Hauptschule oder mühelos geschaffte Empfehlungen für den Wechsel aufs Gymnasium.

Dass die im Stück humorvoll vermittelte Botschaft, dass „‘der‘, ‚die‘, ‚das‘ alle Ausländer kaputt macht“ so nicht stimmt, konnte also schon im Vorfeld eindrucksvoll belegt werden und auch, dass die Themen Weiterbildung und Schule zurecht extrem ernst genommen werden. Da kann es dann allerdings schon einmal vorkommen, dass sich nicht nur integrationswillige Eltern, sondern auch gleich noch die extra angereisten Großeltern verpflichtet fühlen, unbedingt am Elternsprechtag teilzunehmen. Neben der Hochzeit ist das dann der zweite Tag, an dem der „Held“ des Stücks glaubt, unbedingt eine Krawatte tragen zu müssen, um den hochgesteckten Erwartungen seines „Gastlandes“ gerecht zu werden.

Woher die vielen Besucher der Stadthalle tatsächlich kamen, klärte Murat Isboga am Ende des Stücks und signalisierte seine Bereitschaft, gerne wieder zu kommen, um auch die Fortsetzung „Almanya ich liebe dich“ auf die Bühne zu bringen. Definitiv vertreten waren bei der gut gelungenen türkisch-deutschen Veranstaltung in alphabetischer Reihenfolge auch Bosnien, Griechenland, Iran, Irland, Kroatien, Norwegen und Palästina.

Das südostafrikanische Kenia musste dann allerdings wieder von der Liste gestrichen werden, denn der gut gelaunte Besucher, der sich bei der Frage nach weiteren Nationen ebenfalls per Handzeichen gemeldet hatte, nahm billigend in Kauf, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit missverstanden wird, wenn er seine Herkunft undeutlich genug ausspricht. Tatsächlich kam er nicht aus Kenia, sondern aus der türkischen Stadt Konya . . .

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