Lokale Kultur

Szenische Lesung „Die Akte Auguste D.“ mit Ulrike Hofmann und Basil Dorn in der Kirchheimer Bastion

Szenische Lesung „Die Akte Auguste D.“ mit Ulrike Hofmann und Basil Dorn in der Kirchheimer Bastion

Kirchheim. Einen trotz ernster Thematik anregenden, unterhaltenden und zugleich nachdenklich machenden Abend lang wandelte sich der sonst so anheimelnde Gewölbekeller der Bastion in die nüchterne, kalte Kulisse einer „Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische“.

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In protokollarischer Sachlichkeit und Nüchternheit behandelt „Die Akte Auguste D.“ die von Dr. Alois Alzheimer entdeckte „Krankheit des Vergessens“. Wunder werden dabei nicht versprochen, aber doch wichtige Hinweise gegeben, dass allein schon mitmenschliche Zuneigung mehr lindern kann als manches Medikament. Demenzpatienten nicht ihrer Hilflosigkeit zu überlassen und sie zu isolieren, sondern sie möglichst selbstverständlich weiterhin zu integrieren im normalen Alltagsablauf war die zwischen den Zeilen angedeutete Verhaltensregel, die die beiden Besucher aus Berlin spielerisch vermitteln konnten.

„Mit

einander leben – Mit Demenz dazugehören“ lautet das gemeinsame Motto der vielfältigen Veranstaltungen, die im Rahmen der engagierten Kirchheimer Demenz-Kampagne angeboten werden. Mit diesem Abend wurde ein weiterer wichtiger Schritt unternommen, dem fast selbstverständlich erscheinenden und daher auch realistischen Ziel – zumindest gedanklich – gemeinsam etwas näherzukommen.

Erinnert wurde mit authentischen Szenen an den Psychiater und Neuropathologen Dr. Alois Alzheimer und an seine Patientin Auguste D. Der Assistenzarzt der „Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main begegnete bei der stationären Einweisung am 25. November 1901 mit der damals erst 51-jährigen Auguste Deter einer Frau, die an auffallender Vergesslichkeit litt, wie er sie bislang nur von viel älteren Patienten kannte.

Seine wissenschaftliche Beschreibung und Analyse dieser Demenzerkrankung machte ihn weltberühmt und auch die 1906 verstorbene Auguste D. erlangte tragische Bekanntheit als „erste Alzheimerpatientin der Welt“. Dass die Besucher der Lesung die Begegnung zwischen dem wissensdurstigen Arzt, der in einer „vernünftigen“ Teilnahme am „normalen“ Leben stark eingeschränkten Patientin und dem verunsichert und verängstigt dazwischenstehenden Ehemann hautnah und wortgetreu miterleben konnten, liegt am sensationellen Fund des damaligen Krankenblatts nach fast 100 Jahren.

Professor Konrad Maurer, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Frankfurt, war 1997 mehr oder weniger zufällig auf die „Aerztlichen Acten“ dieses ersten dokumentierten Falls gestoßen. Dr. Alzheimer hat dieses bis heute noch genauso erschreckende wie verunsichernde und verwirrende Krankheitsbild diagnostiziert, dokumentiert und nach dem Tod von Auguste D. auch verifiziert. Durch seine Protokolle und Analysen wurde der vor allem durch seine überzeitliche Gültigkeit erschütternde und noch immer irritierende Fall vor dem Vergessen bewahrt.

Gemeinsam mit seiner Frau Ulrike schrieb Professor Maurer die erste Biografie des Entdeckers der „Krankheit des Vergessens“. Ein aus dieser Biografie hervorgegangenes WDR-Hörspiel bildete die Grundlage für eine Bühnenfassung unter der Mitarbeit von Ulrike Hofmann, die nun persönlich – unter anderem in der Rolle der verwirrten Auguste D. – die interessierten Besuchern weiter sensibilisieren konnte.

Basil Dorn und Ulrike Hofmann konnten anregen, die von Dr. Alois Alzheimer schon vor über hundert Jahren vertretene Überzeugung zu praktizieren, nach der ernst gemeinte und gelebte Mitmenschlichkeit schon ein ganz großer Schritt sein kann, wenn es darum geht, eine dementielle Erkrankung im Familien-, Freundes- oder auch Nachbarschaftsumfeld nicht zur existenziellen Bedrohung werden zu lassen.

Die abschließende Diskussion zeigte, dass die von Dr. Alzheimer beschriebene Demenzkrankheit auch heute noch verstanden werden sollte als eine stark veränderten Regeln unterworfene Form des generationsübergreifenden Zusammenlebens von gesunden mit zuweilen verwirrt erscheinenden kranken Menschen, die sich gegenseitig brauchen und einfach nur lernen müssen, Unabänderliches anzunehmen, zu akzeptieren und sich damit gemeinsam bestmöglich zu arrangieren.