Coronavirus

Tierisch viel los war gestern

Coronakrise Gelände gesperrt, Besuche verboten: Auch beim Reit- und Fahrverein Weilheim sorgt das Virus für einen Ausnahmezustand. Zumal dem Verein im Jubiläumsjahr wirtschaftliche Einbußen drohen. Von Reimund Elbe

Die RFV-Vorsitzende Heike Glück registriert in diesen Tagen wenig Betrieb auf dem Vereinsgelände auf dem Egelsberg. Fotos: Marku
Die RFV-Vorsitzende Heike Glück registriert in diesen Tagen wenig Betrieb auf dem Vereinsgelände auf dem Egelsberg. Fotos: Markus Brändli

Idyllisch liegt es in der Abendsonne, das Gelände des Reit- und Fahrvereins Weilheim. Dort, wo noch kürzlich im wahrsten Sinne des Wortes tierisch viel los war, signalisiert ein Flatterband nüchtern das aktuelle Problem. „Das Vereinsgelände ist abgesperrt, Besuche von Externen sind nicht mehr erlaubt“, sagt Gregor Küstermann, Zweiter RFV-Vorsitzender. Betreten dürften die Anlage am Ehnisbach nur noch Pferdehalter sowie handverlesene Klub-Funktionäre - und das auch nur unter der Vorgabe unmissverständlicher Regeln.

Das auf dem Gelände angestrebte Minimieren der Kontakte führt beispielsweise dazu, dass die Pferde nur noch direkt in der Box geputzt werden dürfen. Damit soll der nötige Abstand zu anderen garantiert werden. Und: Reiter, die ihre Pferde nicht im Vereinsstall untergebracht haben und daheim die Möglichkeit haben, ihre Pferde zu bewegen, sollen die Reitanlage möglichst wenig nutzen. Zudem existiert ein Anwesenheitsplan. „So können wir sicherstellen, dass sich der Reitbetrieb auf den ganzen Tag verteilt und keine Stoßzeiten entstehen“, heißt es erläuternd auf der Internetseite des Vereins.

Die Maßnahmen zeigen deutliche Wirkung. Über Stoßzeiten müssen sich die Weilheimer aktuell keine Gedanken machen. Das Gelände wirkt wie ausgestorben. Und wenn überhaupt einmal Mensch und Tier zu sehen sind, hat dies in erster Linie mit der Fürsorgepflicht des Vereins gegenüber den insgesamt 65 eingestellten Tieren zu tun. „Pferde sind Fluchttiere, benötigen deshalb täglich mindestens eine Stunde Bewegung. Alles andere wäre gesundheitsgefährdend für sie“, erklärt Heike Glück, Erste RFV-Vorsitzende und zudem Vorstandsmitglied des Württembergischen Pferdesportverbandes. „Das ist im Prinzip wie Gassigehen mit dem Hund. Die Leute sollten deshalb nicht irritiert sein, wenn sie Pferde und Reiter in diesen Zeiten außerhalb des Stalls sehen“, betont Heike Glück.

So ruht zwar der Trainings- und Schulungsbetrieb vollständig, kurze Ausritte oder das Ausführen der Pferde bleiben jedoch aus Tierschutzgründen dringend geboten. „Wir müssen da durch“, spricht die RFV-Vorsitzende sich und den anderen Klubmitgliedern Mut zu, ohne zu wissen, wie lange der Ausnahmezustand anhält.

Während die Beschäftigung mit den Tieren im Rahmen der (eingeschränkten) Möglichkeiten funktioniert, kommen auf den RFV in wirtschaftlicher Hinsicht weitaus größere Aufgaben zu. Das große Springturnier am vergangenen Wochenende - abgesagt. Ebenso wie die zuvor terminierte Mitgliederversammlung inklusive Helferfest. Aktionen mit Jugendlichen und Kindern sind aktuell ebenso kein Thema wie Lehrgänge oder Turnierteilnahmen.

Zusätzliche Einnahmen lassen sich aktuell kaum generieren. 700 Meldungen hatten für das Springturnier vergangenes Wochenende bereits vorgelegen. Statt eines soliden Gewinns im vierstelligen Bereich steht nun unterm Strich eine Null. Hart für den RFV, der 2020 das 50-jährige Bestehen feiert, dabei seinen für rund 150 000 Euro runderneuerten Outdoor-Springplatz feierlich in Betrieb nehmen wollte. „Es wird schwierig“, weiß Gregor Küstermann.

Turnier im August auf der Kippe

Selbst für das Ende August terminierte traditionelle Reitturnier-Event unter der Limburg gibt es angesichts der Coronakrise keine Garantien mehr. Der Reitverein Schutterwald beispielsweise, im Juli als Ausrichter für die baden-württembergischen Landesmeisterschaften vorgesehen, hat bereits beschlossen, „wegen fehlender Planungssicherheit in der aktuellen Situation“ die Titelkämpfe abzusagen. Das Wettrennen gegen das Virus und die Zeit bleibt beim RFV Weilheim ein brisantes Thema.

Auf Leonie Wibmer kommt dabei eine ganz besonders schwierige Aufgabe zu. Sie hat erst vor wenigen Tagen die Betriebsleitung beim RFV von Harald Steinau übernommen. „Für sie ist es in dieser Situation ein schwerer Einstieg“, sagt Heike Glück und denkt jedoch auch an umliegende Vereine. „Wir haben hier in Weilheim zumindest noch den Pferdepensionsbetrieb, mit dem wir Erträge erzielen können“, merkt sie an, manche kleineren Vereine, die lediglich Vereinspferde hätten, seien aktuell deutlich schlechter dran.

Der Reit- und Fahrverein Weilheim: Ein Beispiel von vielen, wie Covid 19 im Jahr 2020 ein Klubleben auf den Kopf stellt.

Ein kurzes „Hallo“ reicht

Schilder an den Zugängen des Reit- und Fahrvereins Weilheim/Teck, Zutrittsverbot für Betriebsfremde
Schilder an den Zugängen des Reit- und Fahrvereins Weilheim/Teck, Zutrittsverbot für Betriebsfremde

In Coronavirus-Zeiten müssen sich auch Reiter auf eine ganz neue Situation einstellen. Auf der Weilheimer Anlage gelten zum Beispiel sehr präzise Verhaltensregeln. Personen mit Krankheitssymptomen dürfen beispielsweise den Stall sowie die Reitanlage erst gar nicht betreten, Zutritt zum Stall haben lediglich die für die Versorgung und Bewegung der Pferde notwendigen Personen. Pro Pferd darf sich nur maximal eine Person auf der Anlage bewegen. Unter anderem müssen die Reiterinnen und Reiter auf Begrüßungsrituale verzichten, ein zugerufenes Hallo reicht aus.

Die Weilheimer haben zudem das Reiterstüble geschlossen. Außerdem sollten sich Pferdebesitzer und -halter grundsätzlich auf den Fall der Fälle vorbereiten. Sollten sie selbst oder Mitarbeiter eines Pferdebetriebes erkranken und in Quarantäne, müsse die Versorgung der Pferde weiterhin sichergestellt sein. So sollte geklärt sein, wer sich um die Fütterung und Bewegung der Pferde kümmert, dass genügend Futtermittel zur Verfügung stehen und ob Informationsketten funktionieren. In Weilheim läuft das wie in anderen Vereinen via WhatsApp-Gruppen. rei

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