Kirchheim

Tischlein-wechsle-dich mit Politikern

Speed-Dating Die Lebenshilfe Kirchheim hat zum Thema „Inklusion“ fünf Politiker eingeladen. Statt einer Podiumsdiskussion wurde jeweils an fünf Tischen diskutiert und alle 20 Minuten gewechselt. Von Thomas Zapp

Der Mann mit dem Glöckchen: Martin Wirthensohn läutete alle 20 Minuten zum Wechsel. Fotos: Carsten Riedl
Der Mann mit dem Glöckchen: Martin Wirthensohn läutete alle 20 Minuten zum Wechsel. Fotos: Carsten Riedl

Fünf Politiker, fünf Moderatoren, fünf Tische und ein Diskussionsleiter mit einer Glocke auf seinem Tisch: So sieht der Rahmen für das politische „Speed-Dating“ im Vorfeld der Kommunalwahlen zum Thema „Inklusion“ aus. Im Gegensatz zum Format der Podiumsdiskussion sitzen hier die Teilnehmer im wahrsten Sinne des Wortes an einem Tisch und auf Augenhöhe.

Als Ort haben die Veranstalter von der Lebenshilfe Kirchheim die eher schmucklose Kantine der Kirchheimer WEK-Werkstätten gewählt. Bei dieser Art von Dating kommt es weniger auf den romantischen Rahmen als auf Zweckmäßigkeit und Inhalte an.

Als politische Gäste sind Ulrich Kuhn von der FDP, Wilfried Veeser von der CDU, Marianne Gmelin von der SPD, Peter Rauscher von der Linken und Günter Gerstenberger von den Grünen gekommen. Die Freien Wähler haben keinen Vertreter geschickt. Das etwas sperrige Thema „Inklusion“ ist ein wesentlicher Bestandteil der UN-Behindertenrechtskonvention, die Menschen mit Behinderung das gleiche Recht auf Arbeit einräumt wie Menschen ohne Behinderung. Dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen und integrativen Arbeitsmarkt frei gewählt werden kann.

An diesem Abend geht es aber auch um Inklusion in anderen Lebensbereichen wie Wohnen, Pflege oder Krankenversorgung. So nehmen die Politiker an Tisch eins zum Themenkreis Bildung und an Tisch zwei zum Themenkreis Arbeit Stellung, weiter geht es an Tisch drei über Wohnen bis zu Tisch vier über Gesundheit und Pflege sowie Tisch fünf die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die Moderatoren übernehmen dabei die Einführung in das Thema, sodass auch der geladene Politiker weiß, wozu er sich äußern soll. Der Mann mit der Glocke heißt Martin Wirthensohn und ist Geschäftsführer der Lebenshilfe Kirchheim. Alle 20 Minuten klingelt er, und dann kommt Bewegung in die Speed-Dating-Gemeinschaft: Politiker und Zuhörer wechseln die Tische, nur die Moderatoren bleiben am Platz. So kann jeder Politiker zu jedem Themenkreis befragt werden.

Hier ist eine Diskussion mit Politikern auf Augenhöhe möglich.
Hier ist eine Diskussion mit Politikern auf Augenhöhe möglich.

Manchmal lernen aber auch die Politiker dazu. „Das nehme ich mit, das ist doch interessant. Wie kann ein geistig behinderter Mensch adäquat im Krankenhaus behandelt werden“, sagt Wilfried Veeser, der für die CDU im Kirchheimer Gemeinderat sitzt und für den Kreisrat kandidiert. Angeregt hatte ihn die Frage einer Diskussionsteilnehmerin, die als Heilerziehungspflegerin in einem Heim arbeitet und von einer Bewohnerin mit Downsyndrom erzählt hat, die an einer Essstörung leidet. Spezielle Sprechzeiten in den Krankenhäusern für Menschen mit Behinderung wären nötig, gibt es im Landkreis Esslingen aber nicht.

Die meisten der knapp 30 Teilnehmer des politischen Speed-Datings kennen sich bestens im Thema aus, weil sie Angehörige, persönlich betroffen oder in der Behindertenarbeit tätig sind. Sie stellen gezielte Fragen oder berichten einfach aus Erfahrungen in ihrem Leben. So hört man Eltern, die vom ermüdenden Kampf um Praktikumsplätze für ihre Kinder erzählen, oder alle zwölf Monate den Antrag auf Grundsicherung stellen müssen. „Unser Kind hat das Downsyndrom, das ändert sich doch nicht“, sagt eine Mutter.

„Wir haben dieses Format ausprobiert, weil es eine andere Form des Dialogs ermöglicht“, erklärt Bärbel Kehl-Maurer. Die Vorsitzende der Lebenshilfe weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, ein Kind mit einer Behinderung großzuziehen. Besonders der Übergang von Schule in den Beruf sei aktuell ein großes Problem, sagt sie. „Die Eltern verzweifeln, wenn ihr Kind in der Regelschule war, aber im Arbeitsleben keine Stelle bekommet.“ Da müsse ein Dialog mit den Firmen her. An diesem Abend waren Vertreter der Wirtschaft nicht dabei.

Spätestens in zwei Jahren soll es eine Wiederholung geben. „Wer mich kennt, weiß, dass ich das machen werde“, sagt sie. Ermutigt haben sie die Rückmeldungen sowohl von Politikern als auch von den Gästen. „Ich habe auch schon viele Podiumsdiskussionen organisiert und fand es immer schade, wenn die Gäste zu wenig zu Wort kamen“, sagt sie. Auf dem Podium sei es auch für die Kandidaten schwieriger, Rückfragen zu stellen. Diese Hemmschwelle ist beim Speed-Dating geringer und ist an diesem Abend in den WEK-Werkstätten von den Politikern gerne überschritten worden.