Lokale Kultur

Tod und Grusel mit Humor gespickt

Im Sommerprogramm der Stadtbücherei stellen Luise Wunderlich und Johannes Hustedt Texte Heinrich von Kleists vor

Kleist Lesung StadtbYcherei Luise Wunderlich
Kleist Lesung StadtbYcherei Luise Wunderlich

Kirchheim. Die literarische Welt erinnert dieses Jahr an Kleists 200. Todestag. So war es für die Kirchheimer Stadtbücherei naheliegend, ihr Sommerprogramm mit einem Kleist­abend zu beginnen. Weitere „Klassiker der Literaturgeschichte“, jeweils mit Musikbegleitung, werden folgen, wie Leiterin Ingrid Gaus ankündigte. Kleist und Musik? Aber ja. Kleist hat selbst verschiedene Instrumente gespielt, am liebsten Klarinette, und die Musik als „Wurzel aller Kunst“ bezeichnet. An seiner Sprache wird die Musikalität gerühmt.

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Eine Klarinette hat der hochkarätige Musiker Johannes Hustedt zu der ausverkauften Lesung der Stadtbücherei nicht mitgebracht, aber verschiedene Flöten, um die Kleisttexte musikalisch zu untermalen, die Luise Wunderlich vortrug. Die Schauspielerin, Sprecherin und Sängerin hat eine Collage aus Texten zusammengestellt, auf die man gespannt sein konnte, handelt es sich doch um einen sperrigen und vielseitigen Autor.

In schwarzer Kleidung, wie es sich für das Gedenken an einen Tod geziemt, treten sie auf, und Hustedt beginnt mit – Bach. Obwohl Bach und Kleist keine Zeitgenossen sind, schafft die „Partita a-moll“ die Atmosphäre, die zum ersten Kleisttext passt: Kleists Abschiedsbrief an Schwester Ulrike, in dem er seinen Tod ankündigt, weil ihm „auf Erden nicht zu helfen war“. Gleichzeitig wünscht er ihr einen Tod mit „nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit“.

Heiterkeit angesichts des bevorstehenden Freitods? Diese Äußerungen „am Morgen meines Todes“ geben der Nachwelt bis heute ein Rätsel auf. Kleist war sich selbst ein Rätsel. Ihm fehlte ein idealistisches oder religiöses „Fangnetz“, das ihn mit seinem unerbittlichen Realismus und seinem Wahrheitsfanatismus hätte auffangen können. „Jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel“, sagt Prothoe in Bezug auf ihre Schwester Penthesilea. Diese Äußerung haben die Gäste als passendes Motto für ihre Kleisthommage gewählt.

Nach dem brieflichen Gedenken an seinen Todestag kam Kleist als Dichter zur Sprache. Zuerst der Erzähler mit dem „Bettelweib von Locarno“, einer schaurigen Gespenstergeschichte, wieder umrahmt von Bachmusik und den Text untermalenden Eigenkompositionen Hustedts. Nach so viel Tod und Grusel war es Zeit, daran zu erinnern, dass in Kleists Texten auch Humor und sogar pralle Komik ihren Platz haben. Das beweisen Anekdoten, wie die über Bach und erst recht Beispiele aus der Komödie „Der zerbrochene Krug“. Luise Wunderlich gab hier wie später bei der „Penthesilea“ nützliche Hinweise zum besseren Verständnis der Textproben aus Theaterstücken. Auch die Musik gab sich jetzt mit dem Bachsohn Carl Philipp Emanuel heiter.

Nach der Pause standen notwendigerweise düstere Texte und Musik an: Schlüsselszenen aus „Penthesi­lea“ und Augenzeugenberichte über Kleists Sterbestunde. Doch ein Kleist­abend darf nicht in Depression enden, siehe sein Abschiedsbrief. Die Zuhörer durften noch einmal lächeln über eine Wertherparodie: „Der neue (glücklichere) Werther“ ist bei seinem Selbstmordversuch nicht so treffsicher wie Kleist selbst, sondern er überlebt, heiratet Lotte und setzt dreizehn Kinder in die Welt.

Natürlich drückte die Art der Rezitation der Kleisttexte durch Luise Wunderlich dem Abend einen Stempel auf. Sie geht mit den Texten um wie mit einer Partitur, setzt Pausen und Zäsuren und verfügt über verschiedene Stimmlagen. Beim „Bettelweib von Locarno“ fragt es sich, ob die Unterbrechung des kleistschen Spannungsbogens und der kleistschen Sprachmelodie durch die Flötenmusik stört oder eine Steigerung bringt. Bei den „Tempi“ des Vortrags wählt die Künstlerin lieber ein getragenes „Andante“ als ein „Allegro“ oder gar „Presto“, das bei Kleisttexten manchmal naheliegt. Luise Wunderlich belebt die Rezitation durch Elemente ihrer Schauspielkunst.

Die ausgefeilte und hochkonzentrierte Darbietung der beiden Protagonisten gab Kostproben der verschieden Dichtungsgattungen, sogar eine aus der relativ unbekannten Lyrik mit dem Distichon „Verwahrung“: „Scheltet, bitte, mich nicht. Ich machte, beim delphinischen Gotte/Nur diese Verse: die Welt nahm ich, ihr wißt‘s, wie sie steht“.

Kleist hat sich von dieser Welt verabschiedet, doch seine Texte sind lebendiger denn je, und der heftig beklatschte Abend hat neuen Appetit auf Lektüre geweckt.