Kirchheim

„Unübliche Häufung“ von Überfällen

Kriminalstatistik Der Leiter des Kirchheimer Polizeireviers, Fabian Mayer, sieht trotz einiger aufsehenerregender Fälle genügend Grund für ein gutes Sicherheitsgefühl in Kirchheim. Von Andreas Volz

Wie sicher kann man sich in der Stadt Kirchheim fühlen? Nach etlichen Übergriffen in den vergangenen Wochen war dieses Thema im Finanz- und Verwaltungsausschuss mehr als aktuell - auch wenn die Überfälle nicht der Anlass für den Sicherheitsbericht des Revierleiters waren. Fabian Mayer redete nicht lange um den heißen Brei herum: „Wir müssen gar nicht nach Freiburg schauen. Auch bei uns gab es in den vergangenen Tagen zwei Übergriffe auf Frauen.“ Zum Glück seien es die Frauen selbst gewesen, die durch erfolgreiche Gegenwehr Schlimmeres verhindern konnten. Aber auch an dieser Stelle wollte der Leiter des Kirchheimer Polizeireviers nichts schönreden: „Ich möchte nicht ausdenken, welche Wirkung diese Taten trotzdem auf die Frauen haben.“

Bei der Kriminalstatistik betonte er: „Hinter jeder Zahl steht ein Opfer, ein Schicksal. Auch wenn die Zahlen erfreulicherweise sinken, ist jedes einzelne Opfer stark betroffen.“ Für das laufende Jahr liegen noch keine offiziellen Zahlen vor. Fabian Mayer stellte aber fest: „Da werden wir leicht über dem Ergebnis von 2017 liegen. Das ist auf eine Reihe von Betrugsdelikten zurückzuführen, die gleich als 150 Einzelfälle zählen.“

Was nächtliche Vorfälle betrifft, von denen nicht nur Frauen betroffen waren, sprach Fabian Mayer - bei allem Verständnis für die Lage der Opfer - von einer „unüblichen Häufung“. Als Beispiel nannte er VfB-Fans, die am Kirchheimer Bahnhof Prügel bezogen: „Das hat eine Gruppe von Jugendlichen zu verantworten, die der Polizei bekannt sind. Hier erwarten wir in nächster Zeit Urteile, die die Täter hoffentlich beeindrucken.“

Die Sexualstraftaten belaufen sich in Kirchheim im Fünf-Jahres-Schnitt auf 20 pro Jahr: „2018 werden wir wohl etwas darüber liegen. Das liegt vor allem an einer Person, die sich mehrfach Frauen gegenüber äußerst freizügig gezeigt hat.“ Auch hier rechnet Fabian Mayer in Bälde mit einem Urteil, in dessen Folge der Täter seinen Wohnsitz eine Zeit lang nicht mehr in Kirchheim haben könne. Die Aufklärungsquote bei Sexualstraftaten liege bei über 70 Prozent - auch deshalb, weil sich viele dieser Taten im direkten sozialen Umfeld ereignen: „Ein Paar trennt sich. Es kommt noch einmal zu einer Aussprache und dabei dann zum Übergriff.“ In solchen Fällen sei der Täter kein Unbekannter, nach dem die Polizei lange suchen müsse.

Wohnungseinbrüche sind laut Statistik ebenfalls rückläufig: „Das freut mich am meisten, weil es die Opfer stark beeinträchtigt, wenn jemand in ihrer Wohnung war.“

Rauschgift als „Einnahmequelle“

Nicht immer sind es sinkende Delikt-Zahlen, auf die der Revierleiter stolz ist: „Bei der Rauschgiftkriminalität freut es mich, wenn die Fallzahlen nach oben gehen, weil es zeigt, dass wir intensiv ermitteln.“ In diesem Zusammenhang sprach er auch das Thema „Flüchtlinge“ an: „Einige wenige von ihnen sehen in Betäubungsmitteln eine Einnahmequelle. Aber da sind uns jetzt auch einige ins Netz gegangen.“

46 Prozent aller Straftaten seien von nicht-deutschen Tatverdächtigen begangen worden. „Das ist ein Wert, der für eine Stadt wie Kirchheim relativ normal ist“, stellte Fabian Mayer fest. SPD-Stadtrat Walter Aeugle sah das völlig anders: „Ich finde das nicht normal, weil es nicht dem Anteil an der Bevölkerung entspricht.“ Der Begriff „normal“ beziehe sich nur auf die statistischen Vergleichswerte, meinte der Revierleiter und fügte hinzu: „Der Anteil ist überproportional, das ist richtig.“ Zurückzuführen sei das oft auf das Bildungs- und Einkommensniveau und auf ein entsprechendes Umfeld, in dem Kriminalität stärker verbreitet sei.

Zur Frage nach objektiver und subjektiver Sicherheit sagte Fabian Mayer: „Für das Sicherheitsgefühl müsste man Gesellschaftswissenschaftler befragen.“ Aus Sicht der Polizei meinte er: „Wir haben in Kirchheim Grund für ein gutes Sicherheitsgefühl.“ Seine Mitarbeiter wollen dieses gute Gefühl noch verstärken, indem sie vermehrt in der Stadt präsent sind, vor allem auch in den Abend- und Nachtstunden. „Wir wollen auch weniger auffällig vor Ort sein, um nicht noch für Beunruhigung zu sorgen.“

Grundsätzlich empfiehlt er für das Sicherheitsgefühl jedes Einzelnen: „Zivilcourage zeigen, aufmerksam sein, sich gegenseitig helfen - ohne sich selbst dabei in Gefahr zu bringen. Vor allem aber sollte man trotzdem rausgehen. Wenn alle zuhause bleiben, sind irgendwann nur noch die zwielichtigen Gestalten unterwegs.“

Kommentar: Raus auf die Straße

Es gibt immer mehr Kirchheimer, die es vorziehen, nicht mehr zu Fuß unterwegs zu sein, vor allem jetzt in der dunklen Jahreszeit. Grund dafür sind nicht einfach nur Ängste, die man von außen schnell als unbegründet abtun kann. Grund dafür sind eben aktenkundige Fälle von Übergriffen, die sich in den vergangenen Wochen ereignet haben - mitten in Kirchheim.

Nun ist Angst sicher kein guter Ratgeber. Aber trotzdem ist Vorsicht, die aus berechtigten Ängsten resultiert, immer noch ein besserer Ratgeber als Sorglosigkeit. Grund zur Sorglosigkeit besteht in Kirchheim auch gar nicht. Die Überfälle lassen sich ja nicht abstreiten.

Was aber tun, wenn man verunsichert ist? Zuhause bleiben oder häufiger das Auto benutzen, sind sicher Möglichkeiten, um dem subjektiven Sicherheitsgefühl gerecht zu werden. Andererseits ist es eben nicht gut - auch nicht für das Sicherheitsgefühl -, wenn man deswegen auf Freizeitaktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände verzichtet.

Insofern ist es hilfreich, wenn der Leiter des Polizeireviers auf eine grundsätzlich gute Sicherheitslage verweist und wenn er verstärkte Polizeipräsenz - wohl auch in Zivil - verspricht. Noch besser allerdings (Stichwort „Zivil“) ist sein Hinweis auf die entsprechende Courage. Es wäre schade, wenn sich Einwohner und Besucher Kirchheims von „zwielichtigen Gestalten“ - unabhängig von deren Herkunft, Alter oder Geschlecht - ins Bockshorn jagen ließen.

Auf die Straße zu gehen, ist also nicht nur ein probates Mittel bei Revolutionen. Wer sich auf der Straße bewegt - gegebenenfalls in einer Gruppe, die größere Sicherheit vermittelt - setzt ein positives Zeichen für das Sicherheitsgefühl: für das eigene und für das der Mitbürger. Andreas Volz

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