Lokale Kultur

Vergnüglicher Blick zurück auf „Ein Herz und eine Seele “

Landestheater Dinkelsbühl eröffnete mit Wolfgang Menges Fernseh-Kultserie die neue Theatersaison in der Stadthalle

Kirchheim. Er hat polemisiert und polarisiert, Fernsehgeschichte geschrieben und zugleich auch ungemein gut unterhalten. Mit der Figur des Spießers Alfred Tetzlaff landete der vor allem durch den Tatort-Vorgänger „Stahlnetz“ und das 1970 gesendete Spektakel „Das Millionenspiel“ bekannte Drehbuch-Autor

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Wolfgang Menge 1973 einen Sensationserfolg, der zugleich zeigte, wie leicht man von der falschen Seite Applaus ernten kann, wenn man sich zu virtuos der perfiden Kunst der Ironie verschreibt. Heute sind die Zeiten deutlich anders und „Missverständnisse“ daher weit weniger zu befürchten.

Was da unter dem Serientitel „Ein Herz und eine Seele“ einst im wahrsten Wortsinn über die damals mehrheitlich noch schwarz-weiß sendenden Bildschirme „flimmerte“ und zum großartigen Erfolg avancierte, versammelte aber seinerzeit viele Zuschauer in der begeisterten Überzeugung, dass sich hier endlich einmal jemand traut, auch öffentlich genau das zu sagen, was sie schon immer dachten. Es bestätigte zugleich der etwas genauer hinhörenden schweigenden Mehrheit, dass hier keinesfalls ein nachahmenswerter Held zu feiern, sondern die bewusst überspitzte Karikatur eines in Schubladen denkenden kleinkarierten und chauvinistischen Reaktionärs mitleidsvoll zu belächeln ist.

Das Landestheater Dinkelsbühl wagte sich im aktuellen Spielplan unter der Regie von Peter Cahn an eine Bühnenfassung des grandiosen Fernseherfolgs aus den frühen 70er-Jahren und sorgte damit für einen gelungenen Auftakt der neuen Theatermiete des Kirchheimer Kulturrings in der Stadthalle. Andreas Peteratzinger brillierte in der Paraderolle des zwiespältigen Charakters des Bilderbuch-Reaktionärs Alfred Tetzlaff, der auch in der moderat modernisierten Bühnenfassung wohl nicht immer nur das „Ekel Alfred“ ist, das Wolfgang Menge voll distanzierender und doch vielleicht etwas zu liebevoller Ironie vorführen wollte.

Es bleibt zu befürchten, dass der bewusst verzeichnete Antiheld selbst heute manchen Zeitgenossen immer noch gelegentlich aus dem Herzen spricht und mit seinen dumpfen Parolen möglicherweise noch immer manch unsägliches Klischee bedient, wenn man seine Worte so nimmt, wie sie oberflächlich gesagt werden und sich mutwillig nicht darum kümmert, dass Autor, Regisseur und Darsteller diese „idealisierte“ Kunstfigur bewusst so konsequent überzeichnen, dass man die ironischen Brüche einfach nicht ignorieren kann.

Eigentlicher Star des Kulturring-Abends in der Stadthalle war aber sicherlich Katharina Felling, die in der unterwürfigst ausgefüllten Rolle der „dusseligen Kuh“ von Ehefrau Else ihrem herzallerliebsten Alfred in ihrer entwaffnenden Unterordnung und blindwütigen Naivität tatsächlich etwas die Schau stiehlt. Während sich zunächst alle über den schlimmen Schamverletzer echauffieren, der in den naheliegenden Grünanlagen sein Unwesen treibt und ohne Beweise – aber voll demagogischer Energie – sofort bereit sind, ihren unschuldigen Lebensmittelhändler zu denunzieren, hängt die traumwandlerisch die sie umgebende Welt ausblendende Else noch immer dem Irrglauben an, ein Exhibitionist wäre tatsächlich ein „schöne Dinge“ ausstellender Künstler und sorgt damit für eine vergnügliche Folge fortwährender Missverständnisse und stimmiger Doppeldeutigkeiten.

Während an anderer Stelle von Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger die Rede ist, wundert sie sich fast genauso lange darüber, dass der doch Jude ist und ja auch schon amerikanischer Außenminister war, bevor ihr endlich klar gemacht werden kann, dass nicht von Henry Kissinger die Rede ist, sondern von Ludwig Erhardts Nachfolger, der seinerseits – zu Ekel Alfreds größtem Entsetzen – von „Sozi“ Willy Brandt beerbt wurde.

Etwas zu farblos bleibt dagegen die ebenfalls eher unpolitische „aufmüpfige“ Tochter Rita (Stefanie Steffen), während der schon etwas zu angepasst daherkommende „anarchistische“ Schwiegersohn Michael (Julian Niedermeier) wenigstens gelegentlich noch in die Paraden seines ewig gestrigen Schwiegervaters grätscht und dessen wichtigtuerischen Monologe wenigstens ab und zu ad absurdum führt.

Mit den beiden Episoden „Der Sittenstrolch“ und „Der Silvesterpunsch“ aus dem Jahr 1973 wurden zwei ganz besonders herausragende Episoden ausgewählt, die gleichzeitig das Ende der Schwarz-Weiß-Sendungen einläuteten und den Wechsel vom WDR-Fernsehen zum Ersten Programm (ARD).

Der Sprung in die Vergangenheit der von Heinz Schubert (Alfred Tetzlaff), Elisabeth Wiedemann (Else Tetzlaff), Hildegard Krekel (Rita Graf geb. Tetzlaff) und Dieter Krebs (Michael Graf) vermittelten Vorzeige-Fernsehfamilie der ersten Staffel, wurde dabei jeweils musikalisch mit zeitgenössischen Schlagereinspielungen einerseits und mit Schlagzeiten der Tagesschau andererseits eingeleitet, um dann in die Kammerspielsituation der Episode zu springen, die beide in einer erbärmlichen Niederlage des eher kleinen, aber umso großspurigeren „Titelhelden“ münden.

Bei der Folge „Sittenstrolch“ ist schon bald klar, dass nicht der in erstaunlicher Übereinstimmung zur Denunziation freigegebene Nachbar Rübensahm der gesuchte Übeltäter ist, sondern kein anderer als der im Rahmen der Ermittlungen des Polizisten (Thomas Tucht) immer kleinlauter werdende Alfred.

Beim „Silvesterabend“ wird Tetzlaff anfangs zwar immer munterer und bestätigt zunächst vehement seine klare Führungsposition als Herr im Haus. Da er gleichzeitig durch ständiges Kosten des von ihm angerichteten Punsches immer betrunkener wird, meistert der penetrante Besserwisser zwar noch die ihm schon gar nicht mehr zugetraute Tango-Einlage, scheitert dann aber auch hier umso augenfälliger und macht sich erneut unfreiwillig zum Gespött der von ihm autoritär unterdrückten Familienmitglieder.