Kirchheim

Verstecken geht jetzt nicht mehr

Kirche Was denken die katholischen Pfarrer Franz Keil und Winfried Hierlemann über den Missbrauchsgipfel in Rom? Sie sagen, was sie sich anders wünschen. Von Peter Dietrich

Finden es gut, dass der Papst beim Thema Missbrauch eine klare Kante zeigt: Die beiden katholischen Pfarrer Winfried Hierlemann
Finden es gut, dass der Papst beim Thema Missbrauch eine klare Kante zeigt: Die beiden katholischen Pfarrer Winfried Hierlemann (links) und Franz Keil.Foto: Peter Dietrich

Es ist ganz toll, dass sich ein Papst mit dem Thema Missbrauch auseinandersetzt und klare Kante zeigt“, findet Franz Keil. „Die Ursachen haben die Bischöfe gut verarbeitet, etwa den Klerikalismus.“ Damit meint er die Einstellung mancher Geistlichen, etwas ganz Besonderes zu sein, mit der Weihe sämtliche Rechte zu haben. Woher das kommt? „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in den Ausbildungsstätten produziert wird“, sagt Franz Keil.

„Je weniger wir Priester werden, desto exklusiver kommen sich manche vor“, ist der Eindruck von Winfried Hierlemann. „Selbst die Pius-Brüder haben Nachwuchs, mit lateinischer Messe“, stellt er mit einem gewissen Erstaunen fest. Nein, es sei in der Kirche nicht so, dass da junge Wilde gegen beharrliche Alte aufbegehren. Eher im Gegenteil. Im Vergleich zu manchen konservativen Jungen sei etwa Kardinal Walter Kasper progressiv. Oft würden diejenigen im Ruhestand, die nichts mehr zu verlieren hätten, die mutigsten Positionen vertreten.

Priester unter Generalverdacht

Gar nicht gefallen hat Franz Keil die Videobotschaft der Opfer beim Missbrauchsgipfel: „Das wäre besser live gewesen.“ Und in der Summe findet er, „dass da nicht wahnsinnig viel herausgekommen ist“. Noch habe sich strukturell nichts verändert. „Das muss jetzt die Bischofskonferenz in die Hand nehmen.“ Das sieht auch Winfried Hierlemann so: Papst Franziskus habe Leitlinien für die Bischöfe aufgestellt. „Jetzt müssen die Bischöfe ran, Kardinal Reinhard Marx sagt das als deren Vorsitzender auch.“ „Mit ihm können wir zufrieden sein“, ergänzt sein Kollege, „er tut, was er kann.“

„Das sind Straftäter, das gehört vor ein weltliches Gericht“, sagt Franz Keil zu Missbrauchstätern. Die nun geforderte kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit dürfe keine Parallelstruktur werden. Winfried Hierlemann will eine „enge Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft, die Kirche muss die Fälle melden“. Manche Bischöfe seien Weltmeister im Vertuschen. Doch in der Diözese bestehe die Stabsstelle schon seit 2012: „Da hat man auch Leute suspendiert.“ Franz Keil bedauert, dass durch die Täter der Ruf von allen leidet: „Wenn vier oder fünf Prozent der Priester Missbrauchstäter sind, kommen dadurch auch die anderen in Generalverdacht. Da musst du bei der Beichte fast die Tür offen lassen.“

„Der Papst will vielleicht mehr, kann aber nicht“, sagt Winfried Hierlemann. Wie stark der Apparat im Vatikan sei, werde ihm vielleicht erst jetzt bewusst. Doch es verändere sich etwas: Die Ehrentitel, für welche die Diözesen an den Vatikan bezahlt haben, hat Franziskus abgeschafft. Es gibt also keinen neuen „Monsignore“ mehr. Und er habe klare Signale gesendet. „Viele haben sich früher hinter Rom versteckt, das geht jetzt nicht mehr“, sagt Franz Keil.

Die beiden Pfarrer freuen sich, dass über den Zwangszölibat zumindest gesprochen wird. „Die Kirche wird kein Dogma zurücknehmen, aber der Zölibat ist kein Dogma“, sagt Franz Keil. Für ihn ist auch eindeutig: „Beim Frauendiakonat muss bald etwas passieren.“ Schon im Jahr 1984 oder 1985, ergänzt sein Kollege, habe die Diözesansynode in einem Papier gefordert, das Diakonat der Frau einzuführen. „Das hängt nun zwischen Rom und Rottenburg.“

Als biblisches Vorbild verweist Franz Keil auf Lydia aus der Apostelgeschichte. „Das Frauenpriestertum müsste eigentlich ebenfalls in Erwägung gezogen werden, und die Sexualmoral in der Kirche könnte gründlich überdacht und geändert werden.“

Mut ist gefragt

Ja, Änderungen treffen auf Widerstand. „In den evangelischen Kirchen haben anfangs auch nicht alle ‚hurra‘ geschrien, als es die ersten Pfarrerinnen gab“, sagt Winfried Hierlemann. Und wenn Reformunwillige austreten? „Da treten mehr aus, weil sich nichts ändert“, sagt Franz Keil. Manches werde vor Ort längst anders gelebt, als es Roms Lehrmeinung entspreche. Doch manches sei in der Praxis schwierig: „Die Krankensalbung darf der Pastoralreferent und Diakon, der vorher die Gespräche geführt hat, nicht spenden, da wird dann der Priester eingeflogen.“

Beide wünschen sich von reformwilligen Bischöfen Mut: „Man muss nicht alles in der Bischofskonferenz durchbringen, manches muss man einfach probieren.“ Was wäre sonst noch zu tun? „Man sollte Hans Küng rehabilitieren“, sagt Franz Keil. Sein Kollege bestätigt: „So dass er es noch erleben kann. Mit Ernesto Cardenal haben sie es auch geschafft. Bei Galileo Galilei kam das so spät, das war fast peinlich.“

Bei aller Kritik vergessen die beiden aber nicht das Positive in ihrer Kirche: „Was in und um Kirchheim in der Seelsorge zum Wohl der Menschen passiert, ist unendlich wertvoll“, sagt Franz Keil.

Die katholische Kirche Maria Königin im Kirchheimer Raunergebiet.Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques
Die katholische Kirche Maria Königin im Kirchheimer Raunergebiet.Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques
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