Kirchheim

Virtuoses, klangschönes Spiel

Konzert Das Schwäbische Kammerorchester und die Solistin Federica Tranzillo überzeugen mit Stücken von Felix Mendelssohn Bartholdy in der Stadthalle. Von Florian Stegmaier

Kirchheim. Stets ist das Schwäbische Kammerorchester sicherer Garant für ein volles Haus. Auch bei seinem Auftritt im Rahmen der Abonnementkonzerte des vhs-Kulturrings durften sich die Musiker über einen beinahe ausverkauften Saal in der Kirchheimer Stadthalle freuen. Das Erfolgsrezept liegt wohl in der Verbindung von hochstehender Orchesterkultur, geschmackvoller Repertoirewahl und der Zusammenarbeit mit hochkarätigen Solisten.

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Der Konzertabend war ausschließlich Felix Mendelssohn Bartholdy gewidmet, der gleich mit zwei seiner bekanntesten Werke vertreten war: dem Violinkonzert e-Moll op. 64 und der vierten Sinfonie A-Dur op. 90, die gemeinhin als „Italienische Sinfonie“ firmiert. Als „Appetizer“ vorweg erklang Mendelssohns vergleichsweise selten gespielte Ouvertüre „Die Heimkehr aus der Fremde“, mit der dem Schwäbische Kammerorchester unter dem bewährten Dirigat von Matthias Baur ein verheißungsvoller Konzertauftakt gelang.

Die Zuhörer fieberten jedoch spürbar dem folgenden Programmpunkt entgegen, der sich als unumstrittener Höhepunkt des Abends erweisen sollte: Mendelssohns Violinkonzert ist ein Liebling des Publikums wie der Virtuosen. Angesichts seiner Popularität vergisst man leicht, wie viel innovativen Elan hier der Komponist hat walten lassen: Die Positionierung der Solokadenz etwa, die inmitten des Kopfsatzes wie eine auf vier Saiten reduzierte Orchesterdurchführung wirkt. Auch dass alle drei Sätze ineinander übergehen, mutet ebenso originell an, wie der unprätentiöse und doch so markante Einstieg.

Als Solistin konnte die junge italienische Geigerin Federica Tranzillo gewonnen werden. Ein Glücksgriff, denn was die 21-jährige Interpretin bot, muss den Vergleich mit arrivierten Größen des internationalen Klassikbetriebs nicht scheuen. Virtuoses, klangschönes Spiel, aber eben noch viel mehr. Tranzillo gehört zu derjenigen Sorte Musiker, die all die spektakulären Aspekte, die zu den großen Virtuosenkonzerten gehören, nicht als atemberaubendes Geplänkel vorführen, sondern die dahinter stehende musikalische Substanz erfahrbar machen können. Eine Qualität, die sich auf das Orchester übertrug. Hör- und sichtbar von der Präsenz der Solistin befeuert, erwies sich das Schwäbische Kammerorchester durchweg als konzertanter Dialogpartner auf Augenhöhe. Für den begeisterten Publikumszuspruch, den ihre eindrucksvolle Mendelssohn-Interpretation erhielt, bedankte sich Tranzillo mit Fritz Kreislers Rezitativ und Scherzo als hochvirtuoser Zugabe. Derzeit studiert Federica Tranzillo am Salzburger Mozarteum. Noch ganz im Bann des Gehörten wurde in der Konzertpause gerätselt, was es für eine Violinistin dieses Formats überhaupt noch zu lernen gebe. Federica Tranzillo wird hoffentlich nicht zum letzten Mal in Kirchheim aufgetreten sein. Es besteht also die Chance, ihre weitere Entwicklung zu verfolgen.

Bei all dem Charisma, das mit dem Violinkonzert verströmt wurde, musste die zweite Konzerthälfte schon mit einem weiteren Hauptwerk bestritten werden, sollte der restliche Abend nicht als bloßer Appendix in Erinnerung bleiben. Dass dies aber nicht der Fall sein würde, machten schon die ersten, selbstbewussten Takte der Italienischen Sinfonie klar. Unter der umsichtigen Stabführung von Matthias Baur wurde mit dem energetisch pulsierenden Kopfsatz ein lichtdurchflutetes, mediterranes Panorama eröffnet. In der plastischen Konturierung der diversen sinfonischen Stimmungsbilder, denen auch melancholisch-nordische Töne nicht fehlen, bis hin zum folkloristisch inspirierten Presto-Finale, bot das Schwäbische Kammerorchester stets eine farbige, lebendige und kontrastreiche Deutung von Mendelssohns wohl „klassischster“ Sinfonie.

Manchen Hörern, die dem Kammerorchester seiner hohen Klangkultur wegen schon länger gewogen sind, wird freilich nicht entgangen sein, dass es an dem Abend passagenweise etwas hinter seinen eigentlichen Möglichkeiten zurückblieb. Dem hervorragenden Gesamteindruck des Konzerts tat dies jedoch keinen Abbruch. Fraglos erwies sich der Mendelssohn-Abend als beglückendes Konzerterlebnis, für das die Musiker von ihrem Publikum ausgiebig gefeiert wurden.