Kirchheim

Von der schwärmerischen Verklärung des Griechentums

Vortrag Dr. Volker Sack referierte in Kirchheim über die Geschichte des Philhellenentums.

Symbolbild

Kirchheim. „Grüß Gott, Herr Sack“ - diese Begrüßung war an diesem Tag im Kornhaus in Kirchheim öfter zu hören. Der Referent war zwar aus seinem Ruhesitz in Bayern angereist, aber den meisten Zuhörern wohlbekannt. Von 1989 bis 2003 war er Schulleiter des Ludwig-Uhland-Gymnasiums und nebenbei einige Jahre Mitglied des Literaturbeirats, der ihn jetzt eingeladen hatte.

Volker Sack ist Altphilologe und Germanist. Im Ruhestand konnte er sich jetzt in ein Thema vertiefen, das alle diese Fächer betrifft: „Die Verklärung der Stadt Athen in der altgriechischen Literatur und bei den Philhellenen des 18. und 19. Jahrhunderts.“ Philhellenen, das sind Personen, die sich für das Griechentum begeistern und sich geistig mit dem Griechentum verbunden fühlen. Athen als Metropole steht dabei im Mittelpunkt.Den Referenten treibt das Thema um. Schon als Student habe ihn die Geschichte und Bedeutung Athens beschäftigt, erst recht durch seine siebenjährige Tätigkeit als Lehrer in dieser Stadt.

Zu Beginn lud er seine Zuhörer zu einem „Spaziergang“ durch die griechische Literaturgeschichte ein. Erste Beispiele sind der Lyriker Pindar (517 bis 438 v. Chr.) und der Dramatiker Sophokles (497 bis 405 v. Chr.). Aus den Textproben ergibt sich, dass „in den 50 Jahren zwischen dem Ende der Perserkriege und dem Beginn des Peloponnesischen Krieges Athen eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebt“. Der Philhellene Hölderlin hat im Gedicht „Der Neckar“ beklagt, dass es dieses Athen nicht mehr gibt.

Von den Autoren werden vor allem der Historiker Xenophon und der Dramatiker Euripides heute noch gelesen. Athen wird „als Zentrum Griechenlands wahrgenommen, ja sogar der damals bekannten Welt“. Die Griechen, jetzt Hellenen, und Athen sind eins. Athen ist eine von den Göttern geschaffene und gesegnete Stadt. Der göttliche Ursprung bewirkt, dass sich an diesem Ort der Humanismusgedanke entwickeln konnte, ein von Philosophie, Wissenschaft und Ästhetik geprägter „homo humanus“.

Erwartungsgemäß folgt nun der Niedergang. Volker Sack: „Nach dem Verlust der politischen Selbstständigkeit bleibt Athen zunächst weiterhin als kulturelles und philosophisches Zentrum anerkannt“. Doch bereits Cicero ahnt den Abstieg und Fall Athens voraus. Im Mittelalter wird Athen „zum Ort des Jammers, insbesondere nach dem Einfall der Osmanen 1453. Dann aber wird sie auch zum Gegenstand quälender Sehnsucht und unwiederbringlicher Vergangenheit“.

Damit war der Referent beim Philhellenismus des 18. und 19. Jahrhunderts angekommen. Meist junge Männer fühlten sich aufgerufen, den Nachkommen der antiken Hellenen in ihrem Freiheitskampf gegen die Osmanen beizustehen. Der Philhellenismus wurde trotz frühzeitiger Ernüchterung eine gesamteuropäische Bewegung: Als Held gilt der früh umgekommene Lord Byron. Selbst ein König, Ludwig I. von Bayern, ließ sich anstecken und veranlasste, griechische Kultbauten auf dem Münchner Königsplatz nachzubauen. Der Kunsthistoriker Winckelmann schwärmt davon, dass griechische Plastiken eine „edle Einfalt und stille Größe“ auszeichne. Goethe lässt seine Iphigenie in ihrem Exil „das Land der Griechen mit der Seele“ suchen. In Hölderlins Bildungsroman „Hyperion“, auf den Volker Sack ausführlich einging, „steht Athen im Altertum für die verlorene Einheit von Mensch, Natur, Geist und Gott“.

Es ist naheliegend, dass sich bei diesem verklärten Bild Widerspruch erhebt, der in der Moderne vor allem von marxistisch orientierten Interpreten wie Georg Lukacz kommt. Er wirft den Philhellenen, wie allen Romantikern in ihrer Weltfremdheit, „faschistoide Tendenzen“ vor, „die ideengeschichtlich zu Hitler führten“.

Der Referent entgegnete dieser Kritik, dass weder die zitierten Schriftsteller noch die Philhellenen realitätsblind waren, sondern sich an einem Ideal orientierten. Als Beweis, dass auch untadelige Geistesgrößen den Philhellenismus auch in der Moderne hochhalten, diente das Gedicht des in Kirchheim so präsenten Hermann Hesse „Ode an Hölderlin“.Ulrich Staehle

Anzeige