Junge Zeitung

Von der Thora zum Koran

Jugendliche befassen sich mit Religionen

Plochingen. Es ist leichter, Moslem zu werden als Jude oder Christ. Das ist eine der Erkenntnisse, die der Trialog der Religionen in Plochingen hinterlassen hat. Der Kreisjugendring hatte eingeladen und etwa 100

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überwiegend jugendliche Menschen kamen, um sich von Fachleuten aus den drei Religionen, die sich auf Abraham als Stammvater berufen, informieren zu lassen.

Die Gastgeber zeigten sich gastfreundlich und verschenkten schon am Eingang Vespertüten, deren Inhalt die Religionen symbolisierte: Datteln für das Judentum, Traubensaft und Brot für die Christen und Pide, ein Gebäck aus Teig und Schafskäse, für die Muslime. Musikalisch wurde der Abend ebenso beziehungsreich zusammengehalten von einer Klezmer-Gruppe aus Stuttgart, dem Posaunenchor aus Plochingen und einer Lauten-Gruppe muslimischer Frauen aus Filderstadt.

Vertreter der drei abrahamitischen Weltreligionen – Judentum, Islam und Christentum – sprachen an diesem Abend über die Werte, Prinzipien und Lebensweisen ihrer Religion. Sie sollen vor allem jungen Leuten helfen, Orientierung im Leben zu finden und sie bei ihrer Identitätsfindung unterstützen. Der KJR hat sich dabei mit der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, Gemeindezentrum Esslingen, mit dem türkisch-deutschen islamischen Kulturzentrum in Plochingen und der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zusammengetan.

In Plochingen ist der Trialog der Religionen nicht neu erfunden worden. Der Islamwissenschaftler Bekir Alboga engagiert sich schon seit Jahren im interreligiösen Dialog. Auch der jüdische Religionslehrer Michael Kerzhner und die geistliche Diözesanleiterin Angela Schmid (BDKJ/BJA) aus Wernau haben Erfahrung mit solchen Gesprächen. Und daraus erfährt man dann, dass sich der Moslem nur zu dieser Form der Religionsausübung bekennen muss und schon ist er einer. Der Christ hat es da schon schwerer, denn er muss getauft werden. Und Jude ist man durch Geburt. Das Judentum, sagt Kerzhner, sei eine Religion der Tat. Aber um ein guter Jude zu sein, müsse man ganz viel lernen. Das wird schon an den 613 Geboten deutlich, die aber meist an ganz unterschiedliche Lebensbedingungen gebunden sind. Also hat ein Jude große Entscheidungsfreiheit: Jeder entscheidet selbst, welche Gebote er ausführt.

Wie der Jude bekennt sich auch der Moslem zur Nächstenliebe, wie Alboga betonte: „Im Namen des Allerbarmenden und Barmherzigen, Gottes Friede sei mit uns, Grüß Gott. Wir sind alle Kinder Abrahams“, sagt er. „Wir sind alle Gäste auf dieser Erde. Wir sind Geschwister, als Mensch und Gläubige.“ Das klingt sehr gut und tolerant, auch wenn er sagt: „Ein Muslim ist derjenige, vor dessen Hand und Zunge, Taten und Worten jeder Mensch sicher ist.“ Und für die Christen ist es das allumfassende Gebot der Nächstenliebe: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dass diese Bekenntnisse oft von der Realität überspült werden und Kriege im Namen des Glaubens geführt wurden und werden, zieht sich durch Jahrhunderte bis heute.

Aber viel interessanter, als darüber zu diskutieren, war für Menschen an diesem Abend, die Formen der Religionsausübung aus erster Hand zu erfahren, beispielsweise, was die Stola des katholischen Priesters zu bedeuten hat: ein Amtszeichen. Pfarrer Thomas Vogel legte sogar ein Messgewand an. Schmid erläuterte auf die Frage einer jungen Muslimin, dass das Kreuz auf katholischen Kirchen den Tod Christi symbolisiert, der Hahn auf evangelischen Kirchen aber die Verleugnung durch Petrus. Dann erfuhr man auch, warum manchmal die katholischen Kirchenglocken so lange läuten: Wenn ein Papst stirbt oder ein neuer gewählt ist, klingen sie 15 Minuten lang, damit die Welt weiß, dass es geschehen ist.