Lokale Kultur

Von Motten, Maden und Katzenzungen

„Seel‘s Tierleben“ präsentiert die Passagierliste einer persönlich zusammengereimten Arche Noah

Hans-Hilmar Seel
Hans-Hilmar Seel

Kirchheim. Trotz Ruhestand hat Hans-Hilmar Seel viel zu wenig Zeit. Wenn der künstlerisch ambitionierte Rentner nicht gerade malt, macht er sich gerne über unterschiedlichste Dinge einen Reim und hält das

alles auch noch gewissenhaft zwischen Buchdeckeln fest. Dabei entstehen aber keineswegs entrückte poetische Ergüsse, sondern handfeste Hilfen und vergnügliche Begleiter für den Alltag.

In seinem Buch „Zeit zum Leben“ hat er beispielsweise 365 Gedichte zu unterschiedlichsten Themen zusammengestellt und kann seine Leser damit durch die unvermeidlichen Höhen und Tiefen eines ganzen Jahres führen. In seinen beiden jüngsten veröffentlichten Projekten „Wie aus Hasen Hosen werden“ und „Rattenschwanz & Katzenzungen“ lädt der jung gebliebene und experimentierfreudige Autor ein zu vielerlei Spielereien in Wort und Bild, bei denen natürlich auch das berühmte „Teekesselchen“ nicht fehlen darf.

Hans-Hilmar Seels neuestes Buch ist ein gewissenhaft sortiertes und mit eigenen Zeichnungen bebildertes Nachschlagewerk. Es wird zwar hoch gesteckten wissenschaftlichen Ansprüchen und möglicherweise erwarteter Vollständigkeit nicht gerecht, dafür kann es aber uneingeschränktes Lesevergnügen nicht nur versprechen, sondern auch halten.

Der im Scholastika Verlag erschienene Band „Seel‘s Tierleben“ ist laut Hans-Hilmar Seels Untertitel „Ein animalisches Fictionary“, das auf über 200 Seiten all seine „Tiergedichte von A bis Zet“ versammelt. Viel Interessantes über die menschliche Seite der Tiere ist dort zu finden, aber auch vieles, was Menschen von Tieren unbedingt lernen sollten oder vielleicht auch einfach übernehmen könnten.

Hans-Hilmar Seel hat sich bei seinem neuesten Buch zweifellos vom Klassiker „Brehms Tierleben“ inspirieren lassen. Sein Ansatz ist - bei allem Respekt vor dem uneingeschränkt wertgeschätzten Original - aber ein ganz anderer. Er verspricht nicht einmal ansatzweise die unbedingte Unfehlbarkeit des Wissenschaftlers, der alles weiß, richtig deuten und erklären kann, sondern reimt sich mit sichtlichem Vergnügen, subjektiver Betrachtung und interessanten Mutmaßungen durch die Welt der ihm grundsätzlich oder auch persönlich bekannten Tiere.

Um das ambitioniert angestrebte Ziel der alphabetischen Vollständigkeit zu erreichen, ist der Autor durchaus bereit, seiner Leserschaft auch einmal ein „X“ für ein „U“ vorzumachen. Ansonsten ist aber (fast) alles aufgelistet, was da kreucht und fleucht. Obwohl der Autor seine geplante Sammlung zunächst mit Reimen auf alltägliche Tiere wie Hund, Katze und Pferd begann, konzentrierte er sich schon bald auch genauso intensiv auf eher unscheinbare und unspektakuläre Tiere wie etwa Motten: „Hast du Motten bei dir im Haus, / gehen dir bald die Löcher aus. / Flicken und Stopfen kannst du vergessen, / weil die Motten die Löcher fressen.“

Auch von Maden lässt er sich z+u einem Gedicht motivieren: „Manch eine Made mag Vegetarier sein. / Ihr schmeckt ein jeder Apfel fein. / Die andere schert das einen Dreck. / Sie lebt und frisst viel lieber im Speck“.

Dem Aal entlockt er sogar noch mehr Reime: „Der Aal hat keine Schuppe, / das ist ihm ziemlich schnuppe, / denn mit seinem dicken Schleim / stellt er sich auf alles ein. / Weil er so gut gleiten kann, / eckt der Aal ja nirgends an. / Dazu schleimt er manchmal viel / und kommt geschmeidig an sein Ziel. / Wer dererlei zu eigen hat, / wird beschrieben als aalglatt“.

Dass Hans-Hilmar Seel bei der von höchst subjektiven Auswahlkriterien bestimmten Besetzung seiner persönlich zusammengestellten Arche Noah nicht durch den Wunsch nach Vollständigkeit angetrieben wurde, zeigt ein Blick auf das für jede afrikanische Safari klar vorgegebene Ziel, „unbedingt“ die „Big Five“ sehen zu müssen. Afrikanischer Elefant, Spitzmaulnashorn, Löwe und Leopard haben es in sein Boot geschafft, einen Büffel sucht man dort allerdings vergebens.

Dass es mit der erforderlichen Neutralität und Distanz zum mit Herzblut ausgesuchten Beobachtungs-“Gegenstand“ nicht immer allzu weit her ist, zeigen beispielhaft die beiden Einträge unter dem Buchstaben „I“. Da wird nicht neutral und um Allgemeingültigkeit bemüht die Spezies Igel respektive Iltis vorgestellt, sondern ganz gezielt des Igels „Borsti“ gedacht oder auch an den besonderen Duft von Iltis „Stinki“ erinnert.

Finden sich in Brehms Tierleben durch ihre wissenschaftlich ermittelten Eigenschaften klar definierte Vertreter einer bestimmten Spezies, wimmelt es in „Seel‘s Tierleben“ nur so von individuellen Persönlichkeiten. Biber „Castor“, Flusskrebs „Zwacki“, Kater „Krümel“ oder Ziege „Zicki“, sie alle fungieren als individuelle Vertreter für im Biologiebuch klar definierte und akkurat unterschiedene Tiergruppen.

„Miesmuschel Klara“ und die „Qualle Medusa“ vervollständigen den Reigen individualisierter Tierpersönlichkeiten, die von Aal und Affe bis hin zu Yak, Zecke und Zobel eine illustre Menagerie repräsentieren, die trotz perfekt gereimter Annäherungen doch noch viele Rätsel für sich behalten kann. Aus seinem persönlichen Verhältnis zu Katzenzungen macht der Autor dagegen kein Geheimnis, sondern gesteht: “Was dem Schokoladier gelungen, / sind sicherlich die Katzenzungen. / ihr zarter Schmelz begeistert mich, / ja sie sind ein Genuss für sich“.

Dem Wendehals hingegen steht er kritisch gegenüber, denn das ist für ihn jemand „Der seine Fahne nach dem Wind, / die Meinung nach dem Chef abstimmt. / Der nach der Lage des Gefechts / flexibel steht, mal links mal rechts.“

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