Lokale Wirtschaft

Wachsen oder weichen

In den vergangenen drei Jahrzehnten haben zwei Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe aufgegeben

In den vergangenen drei Jahrzehnten haben im Kreis Esslingen sieben von zehn Bauern aufgegeben. Reinhold Klaiber, Leiter des Landwirtschaftsamts, hat diese Entwicklung in einem Bericht für die „Landkreis-Nachrichten Baden-Württemberg“ beschrieben.

Die Zahl der Milchkühe im Landkreis ist in den vergangenen Jahrzehnten um 65 Prozent zurückgegangen. Archiv-Foto: Jean-Luc Jacqu
Die Zahl der Milchkühe im Landkreis ist in den vergangenen Jahrzehnten um 65 Prozent zurückgegangen. Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques

Kreis Esslingen. Obwohl der Kreis Esslingen bis auf die Schwäbische Alb reicht, ist er mit 515 000 Menschen auf 642 Quadratkilometern Fläche der am dichtesten besiedelte Kreis in Baden-Württemberg – und derjenige mit der geringsten Landwirtschaftsfläche pro Kopf. 1979 gab es hier noch mehr als 2 500 landwirtschaftliche Betriebe, heute sind es weniger als 850. Die Betriebsgröße hat sich in diesem Zeitraum verdreifacht und liegt nun bei 23 Hektar. Die Größe sei immer noch zu gering, um von der Landwirtschaft allein zu leben, meint Klaiber. Und so werden viele Betriebe im Nebenerwerb bewirtschaftet, aktuell etwa zwei Drittel.

Anzeige

Höfe, die dem Haupterwerb dienen, wachsen enorm. 15 Prozent der Höfe bewirtschaften mittlerweile mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche. Sie haben viel Land gepachtet und oft die kleinen Flurstücke, die der württembergischen Realteilung zu verdanken sind, zusammengelegt.

Pferd und Schaf statt Rind und Schwein – so hat sich die Produktion in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Die Zahl der Rinder ist um 60 Prozent gesunken, die der Milchkühe um 65 Prozent. Dieser Trend setzt sich Klaiber zufolge fort, weil die Stallkosten hoch seien und die Erzeugerpreise „unbefriedigend“. Im Ballungsraum haben viele Bauern auf Pensionspferdehaltung umgestellt. Wer genauer hinschaut, entdeckt, dass sich der Pferdemarkt in ein Niedrigpreissegment und ein Premiumangebot mit umfassender Reit-Infrastruktur aufgespalten hat.

Erstaunlich ist, dass die Schafhaltung seit 1979 zugenommen hat, weil die „Rasenmäher“ zur Pflege der Schwäbischen Alb benötigt werden. Sinkende Fleischpreise kehren aber jetzt diesen Trend wieder um.

Die Lage im Ballungsraum ist für Landwirte Fluch und Segen zugleich. Die Nähe zum Kunden nutzt jeder vierte Betrieb zur Direktvermarktung. Regionale Qualitätszeichen wie „Schmeck die Teck“ unterstützen diesen Trend. Auf Direktvermarktung und Nischen setzen, dieses Rezept empfiehlt auch Michael Zimmermann, einer der Vorsitzenden des Kreisbauernverbands. Die Pferdehaltung sieht er „am oberen Limit“ angelangt, zumal die Reiterei stark von der allgemeinen Wirtschaftslage abhänge.

Eines steht für Zimmermann fest: „Der Strukturwandel geht weiter.“ Ist die Produktion von Biogas ein Ausweg? Dazu benötige man ein schlüssiges Konzept für die Wärmeversorgung durch Biogas, meint der Bauern-Obmann. Anders als in den östlichen Bundesländern, wo Energiekonzerne in den Biogas-Markt einsteigen, erwartet er im Kreis Esslingen keine Großanlagen. Auf den Fildern ist nach wie vor der Flächenverbrauch ein heißes Thema. Von 1998 bis 2009 sind zehn Prozent der landwirtschaftlichen Fläche zugebaut worden. Anders ausgedrückt: Täglich verschwindet ein halbes Fußballfeld. Die Filderbauern haben mit Intensivierung und Spezialisierung reagiert. Das Spitzkraut – edel, aber maschinell schwer zu bearbeiten – macht nur noch zehn Prozent des Krautanbaus aus, erlebt jetzt aber eine Renaissance und steht auf der Liste der „Arche des guten Geschmacks“.

Noch ein Sorgenkind beschäftigt Landwirte und Landratsamt: die Streuobstwiesen. Auf 9 500 Hektar stehen 600 000 Obstbäume. Damit sich bücken und pflegen wieder lohnt, wird versucht, mit den Nachbarkreisen die Marke „Schwäbisches Streuobstparadies“ zu etablieren. Regionale Vermarktung und Veredelung sollen besser, der Tourismus angekurbelt werden. Fördergelder haben die Landwirte fest in ihrem Etat eingeplant. Bis zu 15 Förderungen gibt es, die je nach Struktur und Wirtschaftsweise in Anspruch genommen werden können. Der Einkommensanteil durch Beihilfen beträgt zwischen 30 und 60 Prozent. Das Auszahlungsvolumen im Kreis Esslingen für 2010 betrug etwa 6,9 Millionen Euro.