Kirchheim

Was Stolpersteine zu erzählen haben

Erinnerung Zum Holocaust-Gedenktag sprach Brigitte Kneher am Schlossgymnasium über die Schicksale, die jüdische Mitbürger in Kirchheim während des Nationalsozialismus erlitten haben. Von Andreas Volz

Brigitte Kneher stellte Neuntklässlern die Schicksale vor, die hinter den Kirchheimer Stolpersteinen stehen.Fotos: Carsten Riedl
Brigitte Kneher stellte Neuntklässlern die Schicksale vor, die hinter den Kirchheimer Stolpersteinen stehen. Fotos: Carsten Riedl

Kirchheimer Stolpersteine waren das Thema einer Geschichtsstunde am Schlossgymnasium. Zum Gedenken an den Holocaust „stolperten“ alle Schüler am frühen Morgen über Fotos der Stolpersteine, die im Kirchheimer Stadtgebiet an deportierte und ermordete Juden erinnern - an ganz normale Menschen, die in Kirchheim lebten, bis sie der nationalsozialistischen Verfolgung zum Opfer fielen.

Brigitte Kneher hat in den 1980er-Jahren begonnen, die Geschichte der Juden in Kirchheim zu erforschen. Sie hat Kontakt zu den Überlebenden in aller Welt aufgenommen, sie hat in der Schriftenreihe des Stadtarchivs über ihre Forschungsergebnisse geschrieben, sie macht Stadtführungen zum Thema jüdisches Leben in Kirchheim und sie hat aktiv bei der Zusammenstellung der Stolpersteine mitgearbeitet.

Nun hat sie zum Holocaustgedenktag den Neuntklässlern des Schlossgymnasiums schlaglichtartig die Schicksale früherer Kirchheimer Bürger nahegebracht. Bereits im Mittelalter lebten Juden in Kirchheim. Die Synagoge lag in der heutigen Marstallgasse. Nach den Pestepidemien Mitte des 14. Jahrhunderts wurden die Juden in ganz Europa beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben. Auch für die Kirchheimer Juden wurden deshalb Scheiterhaufen errichtet.

Gut 100 Jahre später erließ Graf Eberhard im Bart Gesetze, in deren Folge Juden kaum mehr in Württemberg leben konnten. Das änderte sich erst 1806, und so ließen sich bis Ende des 19. Jahrhunderts auch einige jüdische Familien wieder in Kirchheim nieder.

Albert Salmon beispielsweise kam 1898 in die Teckstadt und eröffnete in der Dettinger Straße ein Bekleidungsgeschäft. Die Marktstadt lockte zahlungskräftige Käufer an, sodass es sich lohnte, hier einen Laden zu eröffnen. „Albert Salmon wollte hier aber nicht nur Geld verdienen, er wollte sich auch einbringen“, erzählt Brigitte Kneher. In der Freiwilligen Feuerwehr und im Turnverein hat er sich engagiert. Er wurde sogar Ehrenvorsitzender des Sportvereins. „Aus diesem Anlass hat man ihm einen besonderen Bierkrug überreicht. Das war das einzige Andenken, das er später aus Kirchheim in die USA mitnahm.“

Albert Salmons jüngerer Bruder Emil verlor den rechten Arm im Ersten Weltkrieg. Er brachte es bis zum Offiziersanwärter und erhielt das Eiserne Kreuz: „Er dachte, ihm passiere nichts, weil er ja seinen Dienst fürs Vaterland geleistet hatte.“ 1940 wurde er mit seiner Familie von Karlsruhe aus ins südfranzösische Gurs deportiert. Zwei Jahre später verliert sich seine Spur in Auschwitz.

Gustav Reutlinger wiederum konnte Europa verlassen. Später gelang es ihm sogar, für seine Frau Elly und seine Tochter Renate eine Schiffspassage zu buchen. Doch die „St. Louis“ erhielt keine Anlegeerlaubnis auf Kuba und musste umkehren. Unter abenteuerlichen Umständen gelang es Mutter und Tochter anschließend, von Belgien aus doch noch in die USA auszuwandern. „Renate hat es bis heute nicht vergessen, dass sie als Achtjährige plötzlich nicht mehr in die Schule gehen durfte und dass es den anderen Kindern verboten worden war, mit ihr zu spielen.“

Ebenfalls nicht mehr mitspielen durfte irgendwann Kurt Vollweiler, der 1930/31 als Fußball-Torwart mit dem VfB Kirchheim Gaumeister geworden war. Auch er gelangte rechtzeitig in die USA. Er gehörte zu einer Gruppe ehemaliger Kirchheimer, die 1987 zu einem Besuch zurückkehrten. „Die sprachen alle noch Schwäbisch“, erinnert sich Brigitte Kneher an Begegnungen, von denen beide Seiten nicht wussten, wie sie verlaufen würden. Es entstanden aber tiefe Beziehungen, die nicht abgerissen sind: „Heute kommen Kinder und Enkel, um nach den Wurzeln ihrer Familien zu suchen.“

Nicht alle Mitglieder der acht jüdischen Familien Kirchheims konnten ihr Leben retten. 52 Juden, die einst hier wohnten, kennt Brigitte Kneher namentlich: „Von den 13, die deportiert wurden, haben zwei überlebt.“ Deshalb gibt es elf Stolpersteine, die an frühere jüdische Mitbürger erinnern. Drei weitere Stolpersteine tragen die Namen von Zwangsarbeitern.

Kerzen in Form eines Davidsterns erinnerten am Kirchheimer Schlossgymnasium an den Holocaust-Gedenktag.
Kerzen in Form eines Davidsterns erinnerten am Kirchheimer Schlossgymnasium an den Holocaust-Gedenktag.
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