Kirchheim

Wenn Straßennamen lebendig werden

Vortrag Mitglieder des Literaturbeirats befassten sich mit Dichtern, die in Ötlingen auf Straßenschildern zu finden sind. Dabei rückten die unbekannteren Namen in den Blickpunkt des Interesses. Von Ulrich Staehle

Ein Schild, ein Name: Welches geistige Schwergewicht unter anderem hinter Herder steckt, darum ging es in der „Literarischen Abe
Ein Schild, ein Name: Welches geistige Schwergewicht unter anderem hinter Herder steckt, darum ging es in der „Literarischen Abendstunde in Ötlingen“.Foto: Jean-Luc Jacques

Straßennamen sind für die Bewohner einer Straße offensichtlich ein Stück Heimat. Es ist erstaunlich, dass aktuell Bewohner von Hindenburgstraßen sich wohl aus Gewohnheit gegen eine Umbenennung wehren, trotz des Vorwurfs, der Reichspräsident habe Hitler den Weg bereitet. Umso behaglicher fühlt man sich als Bewohner einer Straße, die sich mit einem Dichternamen schmückt. Die Stadtväter greifen auf der Suche nach Straßennamen in einem Neubaugebiet deshalb gern zu Dichtern und Denkern, auch wenn sie mit dem Wohngebiet nichts zu tun haben. So geschehen in Ötlingen bei zwölf Straßen.

Der Literaturbeirat der Stadt Kirchheim hatte die Idee, den Namen auf den Straßenschildern Leben einzuhauchen. Er hat im evangelischen Gemeindehaus zu einer „Literarischen Abendstunde in Ötlingen“ eingeladen. Vier Mitglieder des Literaturbeirats hatten Informationen zu je einem Dichter der Straßenschilder zusammengetragen, Diplomsprecherin Mareike Schmidts war für die Rezitation von Textproben engagiert. Jeder der zwölf Poeten, deren Porträts gezeigt wurden, hätte eine Würdigung verdient, doch das würde ausufern. Fünf davon waren ausgewählt worden, sinnvollerweise gerade die nicht so bekannten: Herder, Hauff, Lenau, Stifter und Kerner.

Renate Treuherz, die Sprecherin des Literaturbeirats, machte mit Johann Gottfried Herder (1744 - 1803) den Anfang. Herder sei mehr „ein geistiges Schwergewicht“ gewesen als ein Dichter. Aus kleinen Verhältnissen stammend, hat er es bis zum Hofprediger und Professor in Weimar gebracht, fühlte sich dort aber nicht im Entferntesten so wohl wie Goethe. Aus Herders reichhaltigen Werken las Mareike Schmidts Passagen aus der „Abhandlung vom Ursprung der Sprache“, einem bedeutenden Text der Sprachphilosophie.

Nun konnten die Bewohner der Wilhelm-Hauff-Straße gespannt sein. Literaturbeirat Joachim Brenner rief dieses Genie ins Gedächtnis. Obwohl Wilhelm Hauff (1802 - 1827) im Alter von nur 25 Jahren starb, war er zu seiner Zeit viel gelesen und ist heute noch beispielsweise mit dem „Wirtshaus im Spessart“ oder mit „Das Kalte Herz“ im Film und auf der Bühne präsent. Und ohne seinen Roman gäbe es auf der Schwäbischen Alb keine Burg Lichtenstein.

In Vertretung der erkrankten Barbara Nagel stellte Renate Treuherz die beiden Dichter Lenau und Stifter vor. Nikolaus Lenau (1802 - 1850) gilt als Dichter des Weltschmerzes, als einer, der vergeblich nach dem Sinn des Daseins sucht. Er war ruhelos unterwegs. Sogar eine erfolglose Amerikareise fand statt. Aus Ungarn stammend, war er mit seinem fremdländischen Aussehen ein Frauenschwarm, ohne selbst sein Glück zu finden. Immerhin lebte er eine Weile im Seracher Schlössle bei Esslingen und gehörte zum schwäbischen Dichterkreis um Justinus Kerner.

Von Adalbert Stifter (1805 - 1868) kennt man noch die Erzählung „Bergkristall“, sonst ist der österreichische Dichter und Pädagoge weitgehend in Vergessenheit geraten. Wegen seiner ausladenden Naturbeschreibungen und dem betulichen Stil ist der österreichische Schriftsteller vor allem von Friedrich Hebbel verspottet worden.

Barbara Haiart vom Literaturbeirat befasste sich schließlich mit Justinus Kerner (1786 - 1862). Der praktizierende Arzt und Mediziner war Wegbereiter der Psychoanalyse und in Weinsberg viele Jahre Gastgeber des schwäbischen Dichterkreises. Nebenbei hat er für die Erhaltung der sogenannten Burg „Weibertreu“ gesorgt. Von seinen Dichtungen ist vor allem die „Württembergische Landeshymne“ bekannt: „Preisend mit viel schönen Reden . . .“. Der Abend endete originell: Die Zuhörerschaft sang dieses Lied unter der Klavierbegleitung von Gertrud Find und mit Unterstützung des projizierten Textes.

Glanzpunkte der Veranstaltung waren die Auftritte der in Ötlingen aufgewachsenen Diplomsprecherin Mareike Schmidts. Sie weiß in perfekter Weise hohe Sprechkunst mit Natürlichkeit zu verbinden. Und eine weitere Ötlingerin, das Urgestein Gertrud Find, sorgte am Klavier mit „Kinderliedern“ von Schumann für „Schnaufpausen“ mit Kunstgenuss.

Diese „Literarische Abendstunde“ des Literaturbeirats war gelungen. In einer Gemeinschaftsleistung wurde ein abwechslungsreicher Abend präsentiert mit einer Mischung aus Information, Poesie, Musik und reichlicher Illustration. Es war ein Abend von der Provinz für die Provinz, aber überhaupt nicht provinziell. Und vielleicht geht jetzt mancher Ötlinger mit verstärktem Heimatgefühl durch diese Straßen mit Dichternamen.

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