Kirchheim

Wer wartet, gerät in die „Panikzone“

Wirtschaft Die Kirchheimer Beraterin Anja Lippert-Hertle sieht in der Corona-Pandemie eine Chance für Unternehmen. Sie müssen jetzt Strukturen schaffen, um künftig besser auf Krisen reagieren zu können. Von Thomas Zapp

Anja LIppert-Hertle (links) und Jennifer Sattler bilden das Team von Sucseda.Foto: pr
Anja Lippert-Hertle (links) und Jennifer Sattler bilden das Team von Sucseda. Foto: pr

Die Coronakrise lähmt in weiten Teilen die Weltwirtschaft. Aber kann sie auch Entwicklungen in Unternehmen begünstigen?

Anja Lippert-Hertle: Da lohnt sich der Blick auf die Megatrends, die Tiefenströmungen gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen. In Krisenzeiten wird uns aufgezeigt, dass Veränderungen zeitnah angepackt werden müssen. In unserer Zusammenarbeit mit Unternehmern erleben wir vor allem in „wirtschaftlich florierenden Zeiten“, dass notwendige Unternehmensentwicklungen aufgeschoben, Entscheidungen zu Veränderungen vertagt und neue Impulse nur langsam im Arbeitsalltag umgesetzt werden. Durch die aktuelle Krise sind viele Unternehmen gegenwärtig mit der Frage konfrontiert: Was ist jetzt wirklich wichtig? Was können sie jetzt sofort „unternehmen“, um die Phase zu meistern? Die jetzige Krise lässt erkennen, dass es sich gelohnt hätte, mögliche Veränderungen frühzeitiger anzugehen. Nehmen Sie das Beispiel von flexiblen Arbeitszeiten und -orten. Die Möglichkeit, zum jetzigen Zeitpunkt damit zu beginnen, ist sehr anspruchsvoll. Firmen, die dies bereits etabliert haben, konnten nahtlos umstellen.

Stichwort Home-Office: Was müssen Unternehmen leisten, um dezentrales Arbeiten zu ermöglichen?

Lippert-Hertle: Die Technologie erlaubt uns schon heute eine völlig andere Organisation der Arbeit wie durch eine verschlüsselte Anbindung vom Notebook ins eigene Unternehmensnetzwerk, durch eine stabile IT-Infrastruktur sowie die Nutzung von Cloud-Lösungen zur zentralen Speicherung unternehmensrelevanter Daten. Führung auf Distanz bedeutet, dass Unternehmer und Führungskräfte auf die Leistungsfähigkeit und Leis­tungsbereitschaft ihrer Mitarbeiter vertrauen und gleichzeitig wirkungsvolle Führungsimpulse setzen müssen. Dabei spielen Kommunikation, Transparenz und die Festlegung von klaren Regeln zwischen den Führungskräften und den Mitarbeitern eine große Rolle.

Unternehmer-Circle: Die Arbeitswelt von morgen. Foto: pr
Unternehmer-Circle: Die Arbeitswelt von morgen. Foto: pr

Wie können Unternehmer ihre Mitarbeiter motivieren, Verantwortung zu übernehmen?

Motivation beginnt mit der Eigenmotivation und wird ergänzt durch die Anreize, die Führungskräfte setzen. Wichtig ist, dass der Unternehmer und die Führungskräfte die Motivatoren und Demotivatoren ihrer Mitarbeiter überhaupt kennen. Wir stellen bei unserer Beratungsarbeit regelmäßig fest, dass es aus Zeitmangel kaum gezielten Austausch oder persönliche Gespräche gibt. Es geht nur selten um den Mitarbeiter, seine Ideen und sein Entwicklungspotenzial. So wissen Führungskräfte häufig gar nicht, wo ihre Mitarbeiter stehen und was sie umtreibt. Sich Zeit für diese Art von Gesprächen zu nehmen und bewusst miteinander zu kommunizieren ist in der aktuellen Zeit wichtiger denn je. Aktuelle Studien zeigen auf, dass Mitarbeiter durchaus Verantwortung übernehmen wollen. In dem Moment, in dem sie erkennen, dass sie einen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten, wird ihnen ihre Verantwortung bewusst.

Der Megatrend „Globalisierung“ erfährt durch die Coronakrise einen Dämpfer: Was wird sich künftig ändern?

Im Moment sind die Nachteile der Globalisierung deutlich zu spüren, die Frage aber ist, wie wir die Vorteile nutzen können. Globalisierung heißt ja nicht nur, möglichst viel ins Ausland zu verlagern, um möglichst kostengünstig zu produzieren, sondern dass wir die Möglichkeit des globalen Wirtschaftens nutzen, um uns klug aufzustellen. Lieferanten etwa muss man so auswählen, dass man in Krisenzeiten stabil bleibt.

Einen Schub bekommt durch die Krise die „Neo-Ökologie“. Wie kann man diesen Trend auch danach am Leben erhalten?

Laut Zukunftsinstitut wird sich dieser Trend sogar noch weiterentwickeln. Spannend ist, dass beispielsweise Regionalität eine wegweisende und wichtige Rolle spielen wird. In Zeiten der Coronakrise wird dies jetzt schon überdeutlich.

Corona zeigt, wie verwundbar die Wirtschaft ist. Was müssen Unternehmen ändern, damit sie künftig besser auf Krisen reagieren können?

In einer Welt voller Möglichkeiten sind Chancendenker gefragt. Unternehmen müssen entschlossen sein, sich weiterentwickeln zu wollen. Sie sollten Veränderungen proaktiv begegnen, sie als Chance begreifen und in Erfolge wandeln wollen. In stabilen und wirtschaftlich guten Zeiten befinden sich die Unternehmen oft in ihrer Komfortzone. Abzuwarten und erst zu handeln, wenn es der Markt verlangt, treibt Unternehmer aus ihrer Komfortzone direkt in die Panikzone. Von dort aus zu reagieren ist enorm anspruchsvoll und der Handlungsspielraum extrem klein. Genau das erleben wir im Moment.

 

Anzeige