Kirchheim

Wer zu spät kommt, bleibt allein

Familie Manuela Oßwald ist eine von wenigen Hebammen, die im Raum Weilheim Mütter nach der Geburt betreuen. Ihr Terminkalender ist randvoll. Von Antje Dörr

*
*

Ein kleines Kinderzimmer in einem Ohmdener Reihenhaus. An den Wänden kleben kleine Bärchen, die Spruchbänder in den Pfoten halten. „Schön, dass es dich gibt“, steht auf einem. Von der Decke baumelt ein Flugzeug-Mobile.

Josua interessiert das alles nicht. Er liegt auf seinem Wickeltisch und schreit, was die kleinen Lungen hergeben. Jemand hat ihn aus dem Schlaf gerissen und ausgezogen. Dieser Jemand ist seine Hebamme, und auch wenn die sich viel Mühe gibt, Josua ganz sanft zu untersuchen und in das Tuch zu legen, in dem er gewogen werden soll, schreit der kleine Junge seine unbändige Empörung immer weiter in die Welt hinaus. Manuela Oßwald hängt das Tuch samt Baby an die Kofferwaage und schaut beeindruckt: „Das ist ja eine wahre Gewichtsexplosion“, sagt sie zu Josuas Mutter. Die lächelt. Endlich hat der kleine Junge es geschafft. Sobald er wieder angekleidet ist, verstummt sein Schreien. „Sonst ist er ein ganz Ruhiger. Aber sobald er nackt ist, ist es vorbei“, sagt die Mutter.

Zahl der Hebammen sinkt

Die Familie, deren Sohn eigentlich anders heißt, ist die erste auf Manuela Oßwalds Runde. Ihr Weg wird sie heute morgen von Ohmden über Holzmaden nach Weilheim führen. Manuela Oßwald ist freiberufliche Hebamme. Sie begleitet Frauen durch die Schwangerschaft, bietet Akupunktur, Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse an und besucht die frisch gebackenen Mütter nach der Geburt. Sie berät bei Stillproblemen, kontrolliert, ob die Babys gesund sind und gut zunehmen.

Die Nachfrage nach Betreuung ist riesengroß. Manchmal rufen sogar Frauen aus Esslingen an, die ihr Benzingeld bezahlen wollen, damit sie zu ihnen kommt. Es gibt zu wenige Manuela Oßwalds, und ihre Zahl sinkt ständig.

Wer wissen will, woran das liegt, muss nach Manuela Oßwalds Arbeitszeiten fragen, und danach, wie man es schafft, Beruf und vier Kinder unter einen Hut zu bringen, von denen die ältesten drei Ferien haben und das Jüngste im Kindergarten kein Mittagessen bekommt. Er muss fragen, wie viel Geld eine Hebamme eigentlich bekommt für einen solchen Wochenbettbesuch, der für Manuela Oßwald Routine ist, der Josuas Mutter, die mit einer aufziehenden Brustentzündung kämpft, aber möglicherweise das Weiterstillen ermöglicht hat. Oder besser: Wie wenig Geld. Und wie viele Wochenbettbesuche sie in ihren Morgen pressen müsste, damit sich der Einsatz überhaupt lohnt.

Zwanzig Minuten gestehen die Krankenkassen der Hebamme für einen Wochenbettbesuch zu. Zeit für das Allernotwendigste. Aber nicht für die Bauchmassage, bei der die Mutter entspannt auf dem Sofa liegt und möglicherweise „ins Erzählen kommt“, wie Manuela Oßwald sagt. Darüber, wie es ihr wirklich geht mit dem neugeborenen Kind. Ob sie möglicherweise überfordert ist oder unter Wochenbettdepressionen leidet, die dringend behandlungsbedürftig sind.

Im Raum Kirchheim, Weilheim und im Lenninger Tal gibt es laut der offiziellen Homepage www.hebammensuche.bw noch acht freiberufliche Hebammen, von denen sieben Wochenbettbetreuung anbieten. Kein Wunder also, dass Frauen leer ausgehen, die nicht mit dem ersten positiven Schwangerschaftstest in der Hand zum Hörer greifen, sondern die erst einmal abwarten wollen. Oder die gar nicht wissen, wie viel Eile geboten ist, wenn sie nach der Geburt nicht allein zuhause sitzen wollen mit tausend Fragen, aber ohne Antworten.

Bei Manuela Oßwald vergeht zur Zeit kein Tag, an dem sie nicht einer Schwangeren absagen muss.

Besuch im Flüchtlingswohnheim

Häufig sind es gar nicht die Frauen selbst, die auf den Anrufbeantworter sprechen, sondern Sozialarbeiterinnen, die für ihre Schützlinge um einen Besuch bitten. Nächste Station: Holzmadener Flüchtlingswohnheim. In dem ehemaligen Hotel wohnt eine junge Afrikanerin, deren kleine Tochter mit sechs Fingern an jeder Hand geboren ist. Nach der Geburt wurden die nicht funktionstüchtigen Fingerchen abgebunden. Manuela Oßwald will nachsehen, ob die Wunden gut verheilen. „Bei solchen Frauen mache ich eine Art Notprogramm“, sagt sie, klopft an die Tür und ruft: „Bonjour! Je suis Manuela, la sage-femme“. Die junge Frau öffnet. Das spärlich möblierte Zimmer ist völlig überheizt, Oßwald und die Afrikanerin unterhalten sich so gut es geht auf französisch. Die Hände des kleinen Mädchens sind gut verheilt. Manuela Oßwald ist ein wenig besorgt wegen der Temperatur im Zimmer, möchte wissen, wo das kleine Mädchen schläft, damit es nicht überhitzt. Dann ist der Besuch zu Ende.

Von Holzmaden geht es nach Weilheim. „Jetzt fahren wir zu einer Familie bei der ich jeden Tag bin“, sagt Manuela Oßwald. Zustande gekommen ist der Kontakt übers Jugendamt, das das Paar betreut. Ein junger Mann öffnet die Tür. Seine Bewegungen sind fahrig, er wirkt nervös, redet ununterbrochen. Seine Partnerin kümmert sich gerade um das drei Wochen alte Baby.

Oßwald versucht, den Vater zu ignorieren, und wendet sich der Mutter zu. „Wie war die letzte Nacht?“, fragt sie. „Gut, aber wir haben den Wecker schon wieder nicht gehört“, erwidert die junge Frau. Keine gute Nachricht für Manuela Oßwald: Denn das kleine Mädchen nimmt nicht gut zu und ist so schwach, dass es sich nachts nicht meldet. Dabei bräuchte es die Mahlzeit dringend. „Einmal pro Nacht, das müsst ihr einfach hinkriegen“, ermahnt Manuela Oßwald das Paar.

Das Baby brüllt, der Vater erzählt ohne Unterlass, was er alles unternommen hat, um in den Apotheken rund um Kirchheim eine Milchpumpe zu leihen. Die Hebamme packt ihre Sachen. Im Moment kann sie nicht mehr für die Eltern tun, die bemüht wirken, aber auch völlig überfordert. Morgen wird Oßwald wieder nach dem Baby sehen. Hoffentlich klingelt der Wecker heute Nacht laut genug.

Anzeige