Kirchheim

Wie der Blues nach Schwaben kam

Veranstaltung Der Musikjournalist Christoph Wagner liest in der Bastion aus seinem Buch „Träume aus dem Untergrund“. Er entführt in eine Zeit, als die Stars noch in der Provinz spielten. Von Günter Kahlert

Zum Thema Blues gab es in der Bastion Geschichten von Buchautor Christoph Wagner, Musik von Blueslegende Jim Kahr und historisch
Zum Thema Blues gab es in der Bastion Geschichten von Buchautor Christoph Wagner, Musik von Blueslegende Jim Kahr und historische Bilder auf der Leinwand.Foto: Günter Kahlert

Es ist eine Zeitreise in die Provinz. Christoph Wagner erzählt in der Bastion Geschichten aus den 60er- und 70er-Jahren, als Blues-Größen sich nicht zu schade waren in Münsingen, Urach oder Nürtingen zu spielen. Der Musikjournalist hat die Zeit „als der Blues nach Schwaben kam“ akribisch recherchiert und in seinem Buch „Träume aus dem Untergrund“ festgehalten. Den passenden „Soundtrack“ dazu liefert in der Bastion Gitarrist Jim Kahr, der selbst zu den Blueslegenden zählt.

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Die Initialzündung für die deutsche Blues-Begeisterung war 1962 das „American Folk Blues Festival“. Es tourte von da an jährlich durch die Lande und zog junge Fans in Massen an. „Zum ersten Mal konnte man authentischen schwarzen Blues live erleben, vorher gab es das allenfalls auf dem amerikanischen Soldatensender AFN“, schildert Christoph Wagner die damalige Faszination der Auftritte. John Lee Hooker, Memphis Slim, T-Bone Walker, Willie Dixon - die Liste der Berühmtheiten war lang. Wagner selbst kennt diese Zeit nur aus vielen Gesprächen während seiner Recherchen, 1962 war er gerade mal sechs Jahre alt. Seinen ersten Kontakt zum Blues hatte er 1970 mit 14 Jahren: Alexis Korner in der Balinger Stadthalle. „Man wusste noch nicht was Blues ist, man fand das einfach cool“, erzählt er. Aber es hat ihn gepackt wie viele andere. Dass der Blues ausgerechnet in die Provinz kam, hat einen einfachen Grund: „Wenn die Jugendlichen nichts selber gemacht haben, war einfach nichts los an ihrem Ort“, schildert Christoph Wagner die Motivation der jungen Leute. Es seien häufig Schülergruppen gewesen, die als Konzertveranstalter auftraten. An seinem Balinger Gymnasium war oft das größte Problem, einen über 18 zu finden, der die Verträge unterschreiben konnte. „Manchmal hat man dann den Vertrauenslehrer dazu gekriegt“, erzählt er schmunzelnd.

Große Musik in kleinen Orten

Und so kamen der Blues und die Künstler tatsächlich verstärkt in größere und kleinere Gemeinden im Schwäbischen. Allein der Begriff hatte Strahlkraft. Eine Tour, die im September 1969 in der Stuttgarter Liederhalle Station machte, firmierte unter „London Blues“. Das schien wesentlich zugkräftiger zu sein als die beteiligten Gruppen. Natürlich kommt Christoph Wagner auch auf die Bastion zu sprechen. Der erste Bluesmusiker, der im Club auftrat war im September 1969 der Sänger Curtis Jones aus Texas. Im November 1969 hatten die Bastioniken einen besonderen Coup gelandet. Sie holten Alexis Korner, den „Vater des weißen Blues“ aus Großbritannien, zu seinem ersten Deutschland-Auftritt. Der fand allerdings nicht in der zu kleinen Bastion statt. Man wechselte in die Stadthalle nach Nürtingen. Seit diesen Anfangszeiten hat diese Musik ihren festen Platz im Programm, und immer wieder waren große Namen dabei wie Memphis Slim oder Big Joe Williams, beide im Jahr 1973.

Ganz einfach waren die deutschen Fans allerdings nicht, gerade für die „authentischen“ schwarzen Bluesmusiker. „Da gab es schon eine Menge Puristen, die wussten, was richtig und was falsch ist“, erzählt Christoph Wagner. Alles musste ursprünglich sein, nichts durfte sich verändern. Als John Lee Hooker Soul und Funk in seine Musik einfließen ließ, kam das gar nicht gut an. „Das passte nicht zu dem idealisierten Bild vom ‚edlen Wilden‘, der ganz ursprünglich in seiner Musik sein ganzes Leid klagte“, erklärt der Musikjournalist. Irgendwie typisch deutsch: Die Fans wussten besser, wie der Blues zu spielen ist. „Aber ich will das gar nicht von oben herab sehen, ich war damals selbst so einer“, erzählt Christoph Wagner und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Da kann auch Jim Kahr, der einst in John Lee Hookers „Coast to coast“-Band spielte, seine Geschichte beitragen. Hooker hatte extra für seine Europa-Tourneen ein Outfit, das abgerissen aussah. Die Leute wollten den „armen“ Musiker sehen. „Dass er daheim in Los Angeles drei Villen und fünf Cadillacs hatte, musste ja keiner wissen“, lachte der Gitarrist.

Ein Abend in der Bastion voller großer und kleiner Geschichten, ein charmanter, aber kein verklärender Blick auf die vielen musikalischen Initiativen auf dem Land. „Für mich sind die ganzen Recherchen auch eine Rehabilitierung der Provinz“, meint Christoph Wagner zu seinen Beweggründen, „hier waren die eigentlich Aktiven.“