Junge Zeitung

Wie Kirchheimer aus anderen Kulturen Weihnachten feiern

Weihnachtsbaum, Bescherung und essen, bis der Arzt kommt: Ohne diese Dinge können wir uns Weihnachten nicht vorstellen. Sophie Schädel und Vanessa Frenz haben Kirchheimer Jugendliche, die aus anderen Kulturen stammen, gefragt, wie sie die Feiertage verbringen.

Leyla Vazirova (26) ist gebürtige Aserbaidschanerin. Für die Muslima ist nicht Weihnachten, sondern Silvester der eigentliche Feiertag.

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Was tun Sie als Muslima am 24. Dezember? Feiern Sie diesen Tag überhaupt?

Heiligabend hat in meiner Religion keine Bedeutung, deshalb feiern meine Mutter und ich diesen Tag auch nicht. Eigentlich ist er für uns ein Tag wie jeder andere. Aber ich finde, dass es wichtig ist, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Deshalb haben wir zu Hause beispielsweise einen Tannenbaum. Wir singen und feiern auch ein bisschen, aber eben alles ohne religiösen Hintergrund. Es war zwar in meinem ersten Jahr in Deutschland seltsam, dass an einem Tag alles still steht, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Gibt es für Sie ein ähnliches Fest?

Ja, für meine Mutter und mich ist Silvester ein sehr wichtiges Fest, weil es auch in Aserbaidschan groß gefeiert wird. An diesem Tag kochen meine Mutter und ich von früh bis spät, um das Essen rechtzeitig fertig zu bekommen. Abends ziehen wir uns hübsche Kleider an. Zu aserbaidschanischen Kindern kommt an diesem Tag Väterchen Frost mit langem, weißem Bart und einem roten Mantel und bringt die Geschenke. Um Mitternacht gibt es ein riesiges Feuerwerk und überall sind Lichter, sodass man meinen könnte, es sei Tag.

Gibt es aserbaidschanische Traditionen für Silvester?

Es gibt viele Traditionen. Zum Beispiel wollen Aserbaidschanerinnen am Silvestertag herausfinden, wen sie einmal heiraten werden. Sie legen ein Reiskorn für jeden Verehrer in eine Pfanne und erhitzen sie. Das Reiskorn, das zuerst hochspringt, steht für den künftigen Ehemann. Es ist auch wichtig, sich passend zu kleiden. Für jedes Jahr steht ein anderes Tier. Beispielsweise sollte man im Jahr der Ziege etwas mit Ziegenfell tragen, und im Jahr des Schweins ist etwas Rosafarbenes Pflicht.

Mit wem feiern Sie solche Feiertage?

Ich feiere immer mit meiner Mutter und mit den anderen acht aserbaidschanischen Familien, die in Kirchheim leben. Mit ihnen feiern wir auch Geburtstage und sie waren eine große Hilfe für mich, vor allem, als ich nach Deutschland kam und kein Wort Deutsch konnte. An Silvester vermisse ich meinen Mann noch mehr als sonst, weil ich dieses wichtige Fest gerne mit ihm feiern würde. Er ist noch in Aserbaidschan und wartet seit einem Jahr auf sein Visum. Eigentlich habe ich gehofft, er würde dieses Jahr noch nachkommen, aber es sieht leider so aus, als müsste ich Silvester wieder ohne ihn feiern. Aber Silvester wird in Aserbaidschan gefeiert, um die Hoffnung auszudrücken, dass das nächste Jahr noch besser wird als das vergangene. Vielleicht geht mein Wunsch in Erfüllung und mein Mann kann nächstes Jahr kommen.

Venukah Srikanthan (18) gehört dem hinduistischen Glauben an. Ein bisschen Weihnachten muss aber dennoch sein.

Venukahs Eltern stammen aus Sri Lanka. Da ihre Familie hinduistischen Glaubens ist, ist Weihnachten für sie kein Feiertag. „Wir haben ja unsere eigenen Götter und die dazugehörigen Feste“, erklärt Venukah. Weihnachtsessen und Gottesdienst an Heiligabend fallen also flach.

Komplett wird aber doch nicht auf Weihnachten verzichtet: Auf dem Balkon steht eine kleine geschmückte Plastiktanne. „Das gehört irgendwie dazu“, findet Venukah. Am ersten Weihnachtsfeiertag gibt es Geschenke. Die hinduistische Familie geht in die Kirche und betet, denn sie respektiert auch andere Götter als die eigenen. „Jeder, der das Bedürfnis dazu hat, sollte Weihnachten feiern - egal welchen Glauben er hat“, sagt Venukah.

Auch am Schulgottesdienst vor den Weihnachtsferien nimmt die 18-Jährige immer teil. Da sie im Schulchor singt, tritt sie um Weihnachten herum oft auf.  Auch die Weihnachtsfeier ihres Handballvereins und die Weihnachtsfeiern des Arbeitskreises Asyl verpasst sie nicht. Venukah ist offen für alles. Andere Religionen und deren Rituale kennenzulernen, findet sie gut. „Ich wäre gerne mal bei einer „richtigen“ Bescherung dabei, nur um einen Eindruck zu bekommen“, sagt sie.

Venukah schätzt an der Weihnachtszeit die Gemeinschaft. Egal ob zwischen Freunden, der Familie oder Bekannten. „Dieses Gefühl überall zu spüren, ist eine schöne Sache“, findet sie. Falls sie selbst einmal eine Familie hat, wird es auf jeden Fall weiterhin Geschenke zu Weihnachten geben. „Ob es aber eine traditionelle Bescherung geben wird, weiß ich noch nicht. Denn ich will meine Kinder vor allem hinduistisch erziehen“, sagt Venukah.

 Yuonan Korish (19) ist katholischer Christ. Der Iraker ist mit seinen Eltern während des Irakkriegs nach Deutschland gekommen.

Wie feierst du Heiligabend?

Irakische Christen feiern Weihnachten nicht am 24., sondern am 25. Dezember. Wir singen zwar keine Weihnachtslieder, aber wir hören den ganzen Tag über arabische Musik. Wir schmücken den Weihnachtsbaum, und nachmittags gehen wir in die Kirche. Abends essen wir zusammen und alle bekommen Geschenke. Die bringt bei uns nicht der Weihnachtsmann, sondern der Nikolaus. Er hat wie der deutsche Weihnachtsmann einen langen weißen Bart und trägt einen roten Anzug.

Wie hast du mit deiner Familie im Irak Weihnachten gefeiert? Hattet ihr dort als Christen  Probleme?

Christen werden im Irak zwar nicht immer gerne gesehen, aber große Probleme hatten wir nie. Wir haben Weihnachten genauso gefeiert wie hier in Kirchheim, außer, dass wir im Irak am 24. immer auf einen Rummel gegangen sind. Das tun wir hier nicht mehr.

Mit wem wird in Deutschland gefeiert?

Wir treffen uns jedes Jahr mit meinem Onkel und seiner Familie. Das sind unsere einzigen Verwandten, die in unserer Nähe wohnen. Die anderen leben über die ganze Welt verteilt. Ein Onkel wohnt in Syrien, einer in Kanada, einige aus meiner Familie wohnen in Amerika. Es ist schade, dass wir nicht mit ihnen zusammen feiern können.

Was gibt es an Weihnachten zu essen?

Meine Mutter kocht ein traditionelles Gericht aus Reis, Kartoffeln und Fleisch. Außerdem gibt es Plätzchen aus Dattelteig, Walnüssen, Kokos und Blätterteig.

Was trägt man im Irak an Weihnachten?

Die Männer tragen traditionelle Roben mit bunten Mustern und weiten Ärmeln und dazu eine Kappe. Diese Kostüme sind immer handgearbeitet. Die Frauen haben schöne Kleider an.

Was ist für dich das Schönste an Weihnachten?

Mir gefällt es, dass die Familie zusammen feiert und alles vorbereitet, zum Beispiel den Baum schmückt. Vor allem aber bin ich froh, dass mein Vater mit uns feiern kann. Er ist erst seit zwei Monaten in Deutschland, weil er so lange auf seine Einreiseerlaubnis warten musste. Er kann kaum Deutsch und muss sich hier erst noch einleben. Aber er ist auch sehr froh, hier bei uns zu sein.

Als Kind hat Ömer Savas (29) seine deutschen Freunde um ihre Weihnachtswunschlisten beneidet. Heute gehören für ihn Weißwurstessen, Christbaumloben und Krippenspiel zum Weihnachtsfest dazu. 

Bei Ömer Savas war an Heiligabend nix mit Weihnachtsbaum und Lego-Ritterburgen. Da seine Familie muslimischen Glaubens ist, gab es an Heiligabend nur ein kleines Geschenk und ein Essen mit Freunden. “Ich habe meine Freunde immer um ihre Wunschlisten beneidet”, erinnert sich Ömer, der in Holzmaden aufgewachsen ist und heute in Kirchheim lebt. „Sowas gibt’s an islamischen Feiertagen nicht.” Ömer verstand damals, dass seine Familie Weihnachten nicht feierte, weil es nicht ihre Kultur war. Für ein Kind, meint er, ist es trotzdem schwer einzusehen - vor allem, weil die türkischen Feiertage, die er stattdessen hatte, fast untergingen im Vergleich zum großen Weihnachts-Brimborium, das den ganzen Dezember andauerte.

Heute hat Ömer eine deutsche Freundin und verbringt Heiligabend mit deren Familie. Ganz traditionell gibt es morgens Weißwurstfrühstück in der Stadt. Dann geht man in die Kirche, macht Bescherung und besucht die Oma. “Ich finde, das gehört auch zur Integration dazu: sich ein Krippenspiel anzuschauen und den riesigen Aufwand sehen, der betrieben wird, um zu übermitteln, was Weihnachten eigentlich bedeutet.”

Die islamischen Feiertage und den ersten Weihnachtsfeiertag verbringen die beiden bei Ömers Familie. Den zweiten Weihnachtsfeiertag begeht Ömer, original schwäbisch, mit seinen Freunden beim „Christbaumloben“. „Wir fahren durch Holzmaden, sagen bei jedem Christbaum meiner Kumpels ‘Oh, des isch aber ‘n hübscher Christbaum’ und trinken einen“, erklärt er. Eine Tradition, zu der alle Freunde an Weihnachten aus Köln, Berlin und München nach Hause fahren. Ömer möchte das alles auch einmal so weiterführen, wenn er selbst eine Familie hat. “Meine Kinder sollen die islamischen Feiertage und Weihnachten feiern, denn das Wichtigste an beidem ist doch das Zusammenkommen mit geliebten Menschen”, sagt er.