Kirchheim

„Wir müssen es nehmen wie Urlaub“

Isolation Absolutes Besuchsverbot und keine Arbeit – die Menschen in den Wohngruppen der Lebenshilfe Kirchheim sind jetzt 24 Stunden am Tag zuhause und zusammen. Von Julia Nemetschek-Renz

Heute gibt’s Lasagne: Kochen bringt Struktur und Spaß in den Corona-Alltag. Von links: Freddy Köhler, Uwe Westphal, Bufdi Silke
Heute gibt’s Lasagne: Kochen bringt Struktur und Spaß in den Corona-Alltag. Von links: Freddy Köhler, Uwe Westphal, Bufdi Silke Harter und Moritz Winkler. Fotos: Julia Nemetschek-Renz

Freddy Köhler vermisst seine Freundin. Eigentlich sehen sie sich immer bei der Arbeit in der Werkstatt in Oberboihingen, aber jetzt nicht. Jetzt ist alles anders, auch und vor allem für Menschen mit Behinderungen. 77 Menschen leben in unterschiedlichen Wohnformen unter dem Dach der Lebenshilfe Kirchheim und für sie alle ist nichts mehr, wie es war. Absolutes Besuchsverbot in den Wohnheimen seit Mitte März, Werkstattschließung, keine Gänge in den Supermarkt, zum Italiener, höchstens kurz runter in den Garten oder Wald. Alles notwendig, weil viele Menschen mit Behinderung in diesen Corona-Zeiten zur Hoch-Risiko-Gruppe gehören.

„Ich hab schon mal mit meiner Freundin telefoniert, aber das ist nicht das Gleiche“, erzählt Freddy Köhler. 59 Jahre ist er alt, seit 2016 wohnt er in der Wohngruppe im „Quartier 107°“. Es sei schon schön, hier zu sein, sagt er, Corona sei ihm echt zu gefährlich, da bleibe er gern zuhause. Zwölf Menschen mit Behinderung haben hier in der Wohngemeinschaft im „Quartier 107°“ ihr Zuhause, mitten in einem großen neuen Wohnhaus am Bahnhof. Betreut werden sie von einem Team aus Heilerziehungspflegern und anderen Fachkräften der Lebenshilfe Kirchheim - jetzt in drei Schichten. Die Tagesschicht an Werktagen unterstützen Mitarbeiter der Werkstätten Esslingen-Kirchheim, Spät- und Nachtdienst machen nach wie vor die Mitarbeiter der Lebenshilfe. „Ich mache den Beruf nicht, weil ich helfen will, wir leben hier zusammen“, erzählt Björn Laure, Heilerziehungspfleger der Werkstätten und nun während der Tagesbetreuung in der Wohngruppe. Und auch die Teamleiterin Sina Kreiselmeier sagt, das hier seien jetzt ihre Kontakte. „Drum herum treffe ich niemanden mehr, ich habe alles strikt eingeschränkt“.

Wie in einer Familie

Und so leben hier auch alle ganz normal zusammen, wie in einer Familie. „Zähneputzen mit drei Meter Abstand geht ja auch nicht, wir pflegen die Menschen genauso nah wie vorher“, erzählt die Heilerziehungspflegerin Kreiselmeier. Sie würde sich nur permanent die Hände waschen, und alle Flächen wie Türklinken und Geländer werden jetzt jeden Tag desinfiziert.

Normalerweise besuchen die Bewohner jedes zweite Wochenende ihre Familie, im Moment nicht. Fast alle bleiben bis mindestens nach den Osterferien hier. Jetzt gibt es Abendbrot: Weißwürste mit Brötchen und Bohnensalat. Ob der Osterhase dann ins Quartier kommt? „Den gibt’s doch gar nicht!“, ruft Uwe Westphal und lacht über den Tisch. Er ist 59 Jahre und lebt auch seit 2016 hier. Wirklich, den Osterhasen gibt es nicht? „Ja, na klar, das ist die Sina, und der Weihnachtsmann auch.“ Die Heilerziehungspflegerin lächelt. Aber Uwe Westphal ist sich ganz sicher, während die anderen noch ein bisschen überlegen. Nebenbei pellt er seinem Sitznachbarn die Weißwurst, der kann das nicht so geschickt wie er.

Vorlesen, Basteln, Mensch ärgere Dich nicht und Lego: Dafür ist jetzt viel Zeit. Hier spielt Teamleiterin Sina Kreiselmeier und
Vorlesen, Basteln, Mensch ärgere Dich nicht und Lego: Dafür ist jetzt viel Zeit. Hier spielt Teamleiterin Sina Kreiselmeier und Moritz Winkler gerade UNO.

Es wird Abend - die einen wollen Fernsehen oder was Spielen, die anderen gehen Duschen, sitzen auf dem Sofa. Uwe Westphal hat Küchendienst und räumt den Tisch ab. Danach will er noch die Schlümpfe gucken, die mag er am liebsten. Und auch am nächsten Morgen ist die Stimmung entspannt und gelassen. In der Küche kochen vier Lasagne, am Tisch wird Memory gespielt, auf der Terrasse gepuzzelt.

Eigentlich alles ganz normal im Quartier in diesen Zeiten und irgendwie doch nicht. Sina Kreiselmeier sieht wie so oft das Gute. Alle könnten länger schlafen, länger wach bleiben, mehr selbst gebackenen Kuchen essen und viel basteln und spielen. Sie strahlt Ruhe aus, wenn sie das sagt. Und lächelt. „In der ersten Woche waren alle so aufgeregt und haben die ganze Zeit gefragt, was passiert, warum sie nicht raus dürfen, nicht arbeiten. Sie haben sich einfach Gedanken gemacht.“ Aber jetzt hätten es alle irgendwie akzeptiert. „Wir müssen das ein bisschen wie Urlaub und Ferien nehmen“, sagt die Teamleiterin. „Und viel Geduld haben.“

Doch jetzt möchte Uwe Westphal sich noch etwas von der Seele reden. Er macht sich Sorgen um seine Mutter. Sie ist 90 Jahre alt, sieht nicht mehr so gut und ist jetzt so viel allein. „Ich rufe sie manchmal an und wir telefonieren“, erzählt er, das sei schon schön. Aber irgendwann soll einfach alles wieder normal sein. Das ist der innigste Wunsch von Uwe Westphal. „Ich warte jede Stunde darauf, dass die Tür aufgeht und es heißt: Ihr dürft wieder raus und Arbeiten gehen!“ Doch wann dieser Wunsch erfüllt wird, das kann den Menschen im Quartier jetzt noch niemand sagen.

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