Lokale Wirtschaft

„Wirtschaft und Ethik schließen sich nicht aus“

Mit der Handwerkerbank Nürtingen wurde vor 150 Jahren der Grundstein für die heutige Volksbank Kirchheim-Nürtingen gelegt

150 Tage lang feiert die Volksbank Kirchheim-Nürtingen in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen. Den Auftakt bildete am Donnerstagabend ein Festakt in der Nürtinger Stadthalle mit einer beeindruckenden multimedialen Reise durch die Geschichte der genossenschaftlichen Bank und einem Vortrag von Ulrich Wickert über „Werte im Wandel“.

Die Theaterspinnerei Frickenhausen präsentierte beim Festakt zum 150-jährigen Bestehen der Volksbank Kirchheim-Nürtingen eine mu
Die Theaterspinnerei Frickenhausen präsentierte beim Festakt zum 150-jährigen Bestehen der Volksbank Kirchheim-Nürtingen eine multimediale Reise durch die Geschichte der Bank. Den Festvortrag hielt Ulrich Wickert, im Bild oben zwischen den beiden Vorstandsmitgliedern Harald Kuhn (links) und Wolfgang Mauch.Fotos: Bernd Hanselmann

Nürtingen. 34 Nürtinger Bürger gründeten im April 1863 die erste genossenschaftliche Bank in der Region: die Handwerkerbank Nürtingen. Aus den bescheidenen Anfängen in den Räumen des Kassiers wurde im Laufe der Jahrzehnte und vieler Fusionen die heutige Volksbank Kirchheim-Nürtingen mit über 51 000 Mitgliedern und einem betreuten Kundenvolumen von 3,6 Milliarden Euro. Zum Auftakt der Jubiläumsveranstaltungen konnten die beiden Volksbank-Vorstandsmitglieder Wolfgang Mauch und Harald Kuhn bei dem Festakt in der Nürtinger Stadthalle über 400 Gäste begrüßen. Die genossenschaftliche Idee „Einer für alle, alle für einen“ habe damals wie heute Gültigkeit, betonten Mauch und Kuhn, und auch der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Jörn Mitsdörffer verwies in seinem Grußwort auf den genossenschaftlichen Gründergedanken, der bis heute das Fundament der Bank bilde: „Bei der Volksbank Kirchheim-Nürtingen steht der Mensch im Mittelpunkt.“

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Vor einigen Jahren sei die Volksbank von vielen gerade wegen ihrer Regionalität und Seriosität als „langweilig“ belächelt worden, erzählten Harald Kuhn und Wolfgang Mauch mit einem Augenzwinkern. „Heute wissen wir: Auch Langeweile kann erfolgreich sein.“ Ab Mai wird die Bank 150 Tage lang das Jubiläum mit zahlreichen Veranstaltungen ausgiebig feiern. Um die Verbundenheit mit der Region zu unterstreichen, wird die Volksbank zudem im Jubiläumsjahr 150 000 Euro für lokale Projekte zur Verfügung stellen. Alle Mitglieder sind aufgerufen, ihrer Ansicht nach förderwürdige Vorhaben vorzuschlagen.

Die Glückwünsche des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands überbrachte dessen Präsident Dr. Roman Glaser. Mit ihren 150 Jahren auf dem Buckel gehöre die Volksbank Kirchheim-Nürtingen zu den ältesten Genossenschaftsbanken in Baden-Württemberg. Die Genossenschaftsidee, so Glaser, erlebe gerade eine wahre Renaissance, und das bodenständige und regional verankerte Geschäftsmodell der Genossenschaftsbanken werde vor allem seit der Bankenkrise von den Kunden überaus geschätzt.

„Seriös und solide“ sei die Volksbank, betonte auch Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich in seinem Grußwort: „Diese Bank handelt mit Produkten, die sie auch versteht.“ Trotz der überaus erfolgreichen Entwicklung sei die Volksbank eine mit der Region verbundene Bank des Volkes geblieben.

Die Geschichte des genossenschaftlichen Kreditinstituts wurde überaus unterhaltsam und abwechslungsreich von der Theaterspinnerei Frickenhausen präsentiert. Auch etliche Mitarbeiter der Bank wirkten bei der kurzweiligen multimedialen Reise durch anderthalb Jahrhunderte Bankgeschichte mit.

Als Festredner hatte die Volksbank den langjährigen Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert in die Nürtin­ger Stadthalle eingeladen. Wickert beschäftigt sich schon seit Langem mit dem Thema Werte. In seinem Vortrag über „Werte im Wandel“ ging er vor allem auf die Bedeutung ethischer Werte in der Wirtschaft ein. Dass die immer wieder geforderte völlige Freiheit für das wirtschaftliche Handeln ins Verderben führt, zeigte Wickert anhand einiger Beispiele auf. So habe ein bekanntes französisches Pharmaunternehmen über Jahre hinweg ein gesundheitsschädliches Diabetes-Medikament vertrieben, das für den Tod von bis zu 2 000 Menschen verantwortlich sei. Aber auch in der Finanzwirtschaft seien im Laufe der Jahre etliche Produkte wie beispielsweise Spekulationen gegen eine Währung oder viele Derivate entstanden, „die gemeinschaftsschädlich sind“ und deshalb nach Ansicht Wickerts nicht erlaubt sein sollten: „Wir müssen verbieten, was der Gemeinschaft schadet.“

Dass Werte einem ständigen Wandel unterzogen sind, verdeutlichte der Journalist und Buchautor an dem Begriff „Verantwortung“. Die Verantwortung für die Umwelt beispielsweise habe es innerhalb weniger Jahre von einem Nischendasein zu einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz gebracht.

„Wirtschaft und Ethik schließen sich nicht aus“, ist Wickert überzeugt. Auch ein Unternehmen müsse sein Handeln darauf ausrichten, dass es heute und in Zukunft keinen Schaden bei anderen anrichtet. Das Fach Ethik sollte deshalb Pflichtfach an jeder wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät werden, forderte Wickert und verwies auf viele Firmen, die erfolgreich wirtschaften und dennoch soziale Verantwortung zeigen. Aber auch jeder Einzelne könne etwas dafür tun, dass Werte wieder mehr Wert haben, indem er darauf achtet, dass er den Gemeinsinn über den Eigensinn stellt. Die 150 000 Euro der Volksbank Kirchheim-Nürtingen für Projekte in der Region seien dafür ein gutes Beispiel. „Dadurch entgeht den Eigentümern der Bank Gewinn und trotzdem akzeptieren sie dies, weil sie das verantwortungsvolle Handeln ihrer Bank mittragen.“

„Wirtschaft und Ethik schließen sich nicht aus“
„Wirtschaft und Ethik schließen sich nicht aus“