Lokale Wirtschaft

Wohlstand sichern ohne Wachstum

Demografischer Wandel: Bildung, Wohlstand und Gleichberechtigung führen zu sinkenden Kinderzahlen

Reiner Klingholz sprach beim Neujahrsempfang der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen über den demografischen Wandel.Foto: Bulg
Reiner Klingholz sprach beim Neujahrsempfang der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen über den demografischen Wandel.Foto: Bulgrin

Esslingen. Eigentlich sieht die Welt in Esslingen ziemlich gut aus: hohe Kaufkraft, positiver Wachstumssaldo

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MICHAEL PAPROTH

und niedrige Arbeitslosigkeit zeichnen den Wirtschaftsstandort aus. „Es gibt hier nicht viele Leute, die nichts zu tun haben,“ sagte Reiner Klingholz anlässlich des Neujahrsempfangs der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen. Der 61-Jährige sollte es wissen, gilt er doch als ein führender Experte für Aspekte der Demografie. Eigentlich wäre also in der ehemaligen Reichsstadt alles im grünen Bereich, wären da nicht die vielen anderen Städte und Regionen in Deutschland, die schon länger darben und schrumpfen: Bremerhafen beispielsweise oder Dessau-Roßlau. Für deren Finanzierung ist letztlich auch Esslingen zuständig, ebenso wie der weitgehend wirtschaftsstarke süddeutsche Raum insgesamt.

„Ich stehe hier, um das Bewusstsein zu schärfen, für etwas, was noch nicht da ist“, sagte Klingholz zu den zahlreichen Vertretern aus Politik und Wirtschaft im Neckar Forum. Der promovierte Chemiker und Molekularbiologe meint damit den demografischen Wandel, worunter die Veränderungen der Bevölkerungsentwicklung mit Blick auf Altersstruktur, Anteile von Inländern, Ausländern und Eingebürgerten, Geburten- und Sterbefallentwicklung oder Zuzügen und Fortzügen zu verstehen ist. „Die Welt wird sich grundlegend neu aufstellen müssen. Der demografische Wandel ist einmalig“, sagte Klingholz.

Drei Ursachen dafür hat der geschäftsführende Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ausgemacht: Bildung, Wohlstand und Gleichberechtigung von Mann und Frau. „Das führt zu sinkenden Kinderzahlen überall auf der Welt. Wir spüren als erste die Auswirkungen“, sagte Klingholz mit Blick auf das deutsche Wirtschaftswunder, das nach und nach mit mehr Wachstum auch mehr Wohlstand und Bildung und Gleichberechtigung brachte. Zeitversetzt gingen alle Länder „auf den gleichen Entwicklungsweg mit den gleichen Ursachen“, sagte Klingholz. Der Trend hin zu weniger Kindern sei schon in 90 Nationen festzustellen. Für eine stabile Bevölkerungsentwicklung sind etwa zwei Kinder pro Familie nötig. In Deutschland beträgt der Schnitt zurzeit 1,4 Kinder.

Wie dramatisch der Rückgang ist, wird am Beispiel des Irans deutlich. Dort sank die Kinderzahl pro Familie binnen einer Generation von sieben auf 1,8 Kinder. Klingholz wies darauf hin, dass selbst unter den besten Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wie sie in den skandinavischen Ländern anzutreffen ist, die Kinderzahl auch nur bei etwa 1,8 liegt. „Das Bevölkerungswachstum hört auf“, folgerte Klingholz. Noch aber ist in Deutschland wenig zu spüren von den negativen Auswirkungen; noch spüren viele den gewachsenen Wohlstand. Auch deshalb, weil Eltern durchschnittlich 300 000 Euro pro Kind ausgeben – und sich durch weniger Kindern dieses Geld sparen. Sobald aber die Babyboomer, jene fast zehn Millionen Menschen, die zwischen 1957 und 1965 in Deutschland geboren wurden, in den Ruhestand wechseln, wird es in den Altenheimen voller und in den Schulen noch leerer. Zugleich schrumpft trotz einer Zuwanderung von 200 000 Menschen jährlich die Bevölkerung in Deutschland von knapp 82 Millionen auf 79 Millionen im Jahr 2030 und auf 73,6 Millionen im Jahr 2050.

Ebenso geht die Zahl der Auszubildenden von neun Millionen auf 6,5 Millionen zurück – und die Zahl der Menschen im Erwerbsalter sinkt von 50,1 Millionen auf etwa 40 Millionen im Jahr 2050. Die Zahl der Menschen im Rentenalter steigt dagegen von knapp 17 Millionen auf gut 23 Millionen. „Wir können das nicht ändern“, betonte Klingholz und wies auf die Folgen für die Wirtschaft hin: rückläufiges Wachstum, weniger Innovationen und geringere Produktivitätsfortschritte in der voranschreitenden Dienstleistungsgesellschaft.

Vor dem Hintergrund, dass die sozialen Systeme in Deutschland auf Wachstum angewiesen sind, rät Klingholz der Politik, Modelle zu entwickeln, die den Wohlstand der Gesellschaft sichern – und zwar ohne Wachstum. Deutschland stehe schon mit „einem Bein im Post-Wachstum“. Klingholz betonte: „Es ist naiv zu denken, Wachstum ist endlos möglich.“ Das gelte auch für andere hoch entwickelte Ländern.

Zugleich wird in einer „extrem gespaltenen Welt“ das Bevölkerungswachstum etwa in Afrika, aber auch in Ländern wie Indien, weitergehen. Letztlich gingen alle Länder den gleichen Weg, sagte Klingholz. Deshalb rät er vor dem Hintergrund des sich ökologisch verschlechternden Zustands der Erde, das Wachstum gerade in Entwicklungsländern zu fördern, weil die Bevölkerung dort rapide wächst: „Wirtschaftliche Entwicklung stoppt das Bevölkerungswachstum“, sagte der 61-Jährige. Er denkt dabei an Deutschland, wo die Bevölkerung seit 2003 schrumpft.