Lokale Kultur

„Worte, die tragen“

Die Lyrikerin Susann Pineau und die Harfenistin Maja Taube gastierten im Max-Eyth-Haus

Kirchheim. Lyrik war schon immer etwas für Feinschmecker. Die Auflagen von Lyrikbänden sind vergleichsweise gering. Gedichte, zumal moderne, sind keine Massenware. So war es nicht verwunderlich,

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dass sich der Andrang zu einer Lesung von Gedichten bei einer sonntäglichen Matinee in Grenzen hielt. Bereut hat sein Kommen aber niemand.

Susann Pineau, wer ist das? Es lag nahe, dass der Literaturbeirat die Lyrikerin eingeladen hat, denn er ist ja gehalten, Literatur der Region unter die Leute zu bringen. Die Autorin lebt in Bad Boll. Anfangs fühlte sich die zugereiste Familie, ihr Ehemann ist Franzose, fremd in der Gegend, erzählt sie. Doch als sie in der Stadtbücherei Werke von Reiner Kunze fand, entwickelte sich eine immer größer werdende Annäherung zu Gegend und Stadt.

Reiner Kunze, das ist derjenige, der sie als Lyrikerin geadelt hat mit dem Prädikat „makellos“ für ihren neuesten Gedichtband „Der äußerste Punkt“. Die liebevoll hergestellten, durchnummerierten und handsignierten Bändchen sind in der „Edition Toni Pongratz“ erschienen, einem mit viel Idealismus betriebenen Ein-Mann-Verlag, in dem auch Reiner Kunze seit vielen Jahren publiziert.

Susann Pineau las aus diesem Band, angereichert mit Neuproduktionen einer künftigen Sammlung. Sie kündigte an, das Publikum durch die Jahreszeiten und durch äußere und innere Landschaften mitzunehmen. Der Jahreszeit entsprechend begann sie mit „Herbstnebel“, in dem „die Sonne vergreist“, es folgte der Winter mit „Hoffnung“ und „Schneeschmelze“. Dann durfte es Frühling werden, schließlich brach „Hochsommerhitze“ aus, die sich im „Spätsommer“ verabschiedete.

Pineaus Texte wirken nicht schwülstig, denn sie geht sparsam mit Metaphern um, schreibt in Kleinschreibung, in reimlosen Versen und mit freien Rhythmen. Die Strophen setzen sich zumeist aus kurzen Zeilen zusammen wie in der „Hochsommerhitze“: „im garten/sehnt sich/ein leeres fass/nach dem überlaufen“. Die weiteren Strophen streben in einem rhythmisch pulsierenden Ablauf auf den Höhe- und Ruhepunkt, die Schlussstrophe, hin: „aus ihrem [der Erde] innern soufflieren die grillen/dem stummen wetterleuchten/den weg/in deinen schlaf“.

Um ihre Poetik zu erklären, zitiert die Lyrikerin Reiner Kunze: „Das Gedicht ist der Ort der Begegnung zweier Ichs.“ Die Brücke zwischen den Ichs ist die Sprache, „Worte, die tragen“, indem man bei der Suche zum „äußersten Punkt“ geht. Die Suche nach Worten ist mühsame Arbeit: „und ich ringe täglich – wenn auch ums wort“ („in Ehren“).

Bei den Landschaften geht es vor allem um die Causses, eine Landschaft im südlichen Zentralmassiv Frankreichs, der „zweiten Heimat“ der Autorin. Einmal im Jahr findet dort ein Dichtertreffen statt, bei der die karge Gegend aufblüht. Doch auch die Bereiche Großstadt, Armut, Kinderarmut und Kinderlachen werden poetisiert. Und die Musik. Den Abschluss bildeten zwei Gedichte mit einer Hommage an den von Reiner Kunze übersetzten tschechischen Dichter Jan Skácel, der die Befreiung Tschechiens nicht mehr erleben durfte.

Die Musik spielt nicht nur als Thema eine Rolle. Die Verse Pineaus sind voller Musikalität. So ist es naheliegend, dass sie sich mit einer Musikerin zusammengetan hat. Maja Taube bietet mit ihrer „keltischen“ Harfe, halb so groß wie eine Konzertharfe, nicht nur professionelle, selbst komponierte Zwischenspiele, sondern webt sozusagen Klangteppiche mit Farben passend zu den jeweiligen Gedichten, fließend harmonisch oder auch hart und grell.

Die Zwischenspiele bildeten Ruhepunkte. Weitere Gelegenheit zum Verstehen der anspruchsvollen Texte wird dadurch gegeben, dass die Autorin manche Gedichte – wie Reiner Kunze bei seinen Lesungen – zweimal vorträgt oder die Zuhörer den Klang französischer Übersetzungen genießen lässt.

Gastgeberin Renate Treuherz brachte die Resonanz der Veranstaltung treffend auf den Punkt: Die Zuhörer wurden bei der Veranstaltung in ihrer Konzentration gefordert, aber dann „mitgetragen und mitgenommen“.