Kirchheim
Zwei Menschen leben einen Traum

Reise Ulrich Stirnat hat das Kirchheimer Sommernachtskino besucht und Fragen zum Film „Reiß aus“ beantwortet. Gemeinsam mit Lena Wendt war er zwei Jahre lang in Westafrika unterwegs. Von Andreas Volz

Wie ist es, wenn man zwei Jahre auf Reisen ist und dabei voll und ganz den eigenen Träumen folgen kann? Ulrich Stirnat hat es erlebt: Gemeinsam mit seiner Partnerin Lena Wendt war der Hamburger von 2014 bis 2016 in Westafrika unterwegs. „Nach einem Zusammenbruch und der Diagnose Burnout wollte ich alles hinter mir lassen“, berichtet er im Kirchheimer Sommernachtskino.

Dort lief der Film „Reiß aus“, den er gemeinsam mit Lena Wendt im Anschluss an die Reise produziert hat. So programmatisch wie der Titel ist auch die Unterzeile: „Zwei Menschen - zwei Jahre - ein Traum“. Auf die Frage, ob es nicht eher zwei Träume sein müssten, sagt Ulli Stirnat: „Ich bin nicht mit so einer bestimmten Zielsetzung auf die Reise gegangen. Lena schon. Sie hat auf Reisen immer das Gefühl, frei zu sein. Deswegen gefällt mir der Untertitel recht gut. Es waren keine zwei Träume, es war nur einer - Lenas Traum.“

Dass der Traum auch Albtraum-Sequenzen aufweist, zeigt der Film schonungslos. „Es gibt immer alles auf einmal“, sagt Ulli Stirnat dazu. „Du machst die schönsten Bilder, aber du hast Müllhalden um dich rum. Bei den Gerüchen ist das nicht anders.“ Auch die Reisenden selbst sind häufig an ihre Grenzen gekommen: „Reisen ist nicht immer nur schön. Es ist manchmal auch brutal.“

Trotzdem bewertet Ulrich Stirnat die Reise durchaus als positiv: „Ich hab‘ total viel gelernt, auch über mich selbst.“ Dass er, der vorher noch nicht einmal Räder gewechselt hatte, beinahe täglich am Land Rover rumschrauben musste, hat ihm neues Selbstvertrauen gegeben. Der französischen Sprache, die in Westafrika seit der Kolonialzeit weit verbreitet ist, hat er sich von der technischen Seite aus genähert: Immer wieder war er im Gespräch mit Mechanikern. „Von denen bin ich sehr beeindruckt“, sagt er. Stets haben sie das Auto wieder flott gekriegt.

Die Idee, einen Film zu drehen, kam erst nach und nach: „Wir sind da reingerutscht.“ Lena Wendt ist als Fernsehjournalistin vom Fach. Sie hat aus einzelnen Szenen, die für den Privatgebrauch gefilmt wurden, schon in Marokko ein erstes Video zusammengestellt. Später - in Mauretanien - hat sie für unterschiedliche soziale Projekte Kurzfilme gemacht. Zurück in Hamburg, kam der Gedanke an einen abendfüllenden Kinofilm auf: „Als wir über Spiegel online und danach übers Fernsehen eine gewisse Bekanntheit hatten, meldete sich auch ein Filmverleiher, der uns den Film abkaufen wollte.“ Eine Bedingung wäre gewesen, dass das Unternehmen den Film ändern kann. „Das wollten wir aber nicht. Es ging uns darum, unseren eigenen Film zu machen - und nicht den Film, den irgendwelche Geldgeber haben wollten.“ Also sammelten sie das Geld per Crowdfunding. So konnten sie Westafrika „in den Facetten zeigen, die wir erlebt hatten“.

In der Heimat der Flüchtlinge

2015, im Jahr der Flüchtlingskrise, waren Ulli und Lena genau in den Ländern unterwegs, aus denen viele Flüchtlinge kommen. Sie sahen, wie die dortige Landwirtschaft oder auch die Textilproduktion durch Billigprodukte aus Europa zerstört werden. Ulli Stirnat sieht eine Spirale, die sich immer schneller dreht: „Wenn dann ein Gambier für wenig Geld auf einer Tomatenplantage in Italien schuftet, verschärft er das Problem in seiner Heimat.“ Ideal wäre es also, wenn Europa sich in den Herkunftsländern der Flüchtlinge um Arbeitsplätze kümmert, die das Leben auskömmlich machen.

Extremes Wetter erschwert den Alltag zusätzlich: Passend zum Kirchheimer Wetter Anfang der Woche, berichtet Ulli Stirnat von sechs bis acht Wochen Dauerregen in der Elfenbeinküste: „jedes Jahr“. Nicht nur der Regen hat den Reisenden stark zugesetzt - so sehr, dass sie „die gegenseitige Augenhöhe verloren haben“. Dabei ist „Augenhöhe“ einer der Schlüsselbegriffe in ihrem Film.

„Wir haben die Augenhöhe wiedergefunden“, sagt Ulli, der wieder regelmäßig mit Lena auf Tour ist: In Sachen Kino geht es schon seit Monaten quer durch Deutschland. In Kirchheim war er zwar alleine, aber gleich nach Filmende ist er schon wieder aufgebrochen, nach Rostock. Die große Freiheit sieht möglicherweise anders aus. Zwänge gibt es immer und überall.

Wenn der Hype um ihren Film abgeflaut sein wird, wollen die beiden Seminare anbieten. „Viele Menschen sehnen sich nach Veränderung. Wir könnten ihnen dabei helfen, sich Antworten auf die wichtigsten Fragen zu geben: Wer bin ich, was will ich - und wie kann ich das in mein Leben eingliedern?“ Wichtig ist, dass jeder die Antwort nur in sich selbst finden kann. Auch wenn Ulli Stirnat kein Therapeut ist, kann er berichten, nachfragen, ermutigen. Er hat eine zentrale Botschaft - eine, die er selbst erst mühsam lernen musste, und zwar von Lena: „Alles wird gut. Und wenn mal was Blödes passiert, hat man wenigstens eine gute Geschichte zu erzählen.“