Die Stuttgarter OB-Wahl beschäftigt auch Kirchheims Landtagsabgeordnete
Stuttgarter OB-Wahl schlägt Wellen

Das schwarz-grüne Kopf-an-Kopf-Rennen in Stuttgart sorgt für Spannung. Die Richtungsentscheidung in der Landeshauptstadt schlägt Wellen bis in die Provinz. Kirchheims Landtagsabgeordnete haben völlig konträre Erwartungen an den zweiten Wahlgang und die Wählerschaft. Karl Zimmermann (CDU) fürchtet einen kompletten Politikwandel mit weitreichenden Konsequenzen, Andreas Schwarz (Die Grünen) sieht richtige Weichenstellungen in greifbarer Nähe.

Kirchheim. Nach dem ersten Wahlgang am Sonntag hat einer klar die Nase vorn: Fritz Kuhn hat nun große Chancen, in zwei Wochen zu Stuttgarts erstem grünem Oberbürgermeister gewählt zu werden. Mit 36,5 Prozent der abgegebenen Stimmen überflügelte er seinen wichtigsten Konkurrenten Sebastian Turner, der 34,5 Prozent der Stimmen auf sich vereinte. Die Grünen könnten nun den Schwarzen im Musterländle nach dem Ministerpräsidenten-Posten sondern auch die wichtigste Position in der Landeshauptstadt streitig machen. – Eine Entwicklung im ehemals schwarzen Südwesten der Republik, die auch die Gemüter außerhalb der Landeshauptstadt bewegt.

„Die Themen der Grünen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, freut sich Andreas Schwarz und nennt gleich wichtige Beispiele: wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder auch Generationengerechtigkeit. Der 33-jährige Kirchheimer ist seit Kindesbeinen politisch aktiv und sitzt seit dieser Legislaturperiode für die Grünen im Landtag. Auch in Stuttgart, dessen Gemeinderat bekanntlich grün dominiert ist, hat sich nach seiner Einschätzung in jüngster Zeit vieles positiv entwickelt. Schwarz verweist auf die Felder Integration, Kinderbetreuung oder auch Mobilität.

Seine politischen Schwerpunktthemen müsse Kuhn nun in den folgenden beiden Wochen klar rüberbringen. „Ich glaube, dass das klappt“, zeigt sich Andreas Schwarz zuversichtlich, aber keineswegs siegesgewiss. Lieber beschwört er die Tugend der Bescheidenheit. Die habe ganz besonders im Schwäbischen große Bedeutung, kann er sich einen Seitenhieb auf den Werbefachmann und Unternehmer Turner nicht verkneifen. Er ist parteilos und wird von der CDU, der FDP und den Freien Wählern unterstützt. „Allein mit Marketing ist keine Wahl zu gewinnen“, vertraut Schwarz auf die inhaltliche Auseinandersetzung der Wähler mit wichtigen Themen.

Der Kirchheimer Grüne verweist darauf, dass Kuhn Erfinder des Spruchs sei „Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“, und für entsprechende Impulse stehe er auch. „Ein Oberbürgermeister schafft keine Arbeitsplätze, das wissen die Leute“, sagt Schwarz. Doch könne er sehr wohl entscheidende Weichen stellen, indem er beispielsweise für Umwelttechnologien und Ressourcenmanagement werbe.

Dass OB-Wahlen Persönlichkeitswahlen sind, empfindet Schwarz als Vorteil des 57-jährigen Grünen, „Die Leute kennen ihn hier, er steht im direkten Kontakt zur Bürgerschaft.“ Und schließlich sieht der Kirchheimer auch Parallelen zum Ministerpräsidenten: „Beide, Kretschmann und Kuhn, strahlen Glaubwürdigkeit aus.“ Allerdings warnt Schwarz davor, jetzt die Hürde der Stichwahl zu unterschätzen: „Das ist kein g‘mäht‘s Wiesle!“

Nur in diesem letzten Punkt dürften der grüne und der schwarze Kirchheimer Landespolitiker einer Meinung sein. Karl Zimmermann, der seit 2001 für die CDU im baden-württembergischen Landtag sitzt, macht sich Sorgen um die Demokratie an sich: „Wo bleibt die Bürgergesellschaft?“ fragt er mit Blick auf die Wahlbeteiligung in Höhe von gerade mal 46,7 Prozent in Stuttgart. Schließlich handle es sich um eine Richtungswahl: „Der Chefsessel im Rathaus wird komplett rumgedreht“, sieht Zimmermann die Kontinuität der Stuttgarter Politik in Gefahr. Ihm gibt zu denken, dass Menschen mit radikalerem Gedankengut stets zur Wahl gingen, wogegen eher konservativ orientierte Bürger zu Hause blieben. „In den kommenden zwei Wochen muss das Lager Turner nun auch die andere Hälfte der Wähler aktivieren“, sieht der 61-Jährige eine Riesenchance für den Kandidaten. An die Stuttgarter richtet er daher den flammenden Appell, die Chance zu wählen wahrzunehmen. 60 Prozent Wahlbeteiligung müssten doch beim OB-Posten der Landeshauptstadt drin sein, grübelt er und fragt sich selbst, wo denn überhaupt das Volk sei, das auch er als Politiker vertrete.

Die Schlüsselfigur der kommenden Wochen ist für ihn Bettina Wilhelm beziehungsweise die SPD. „Man kann nicht Stuttgart 21 wollen und dann einen Stuttgart 21-Verhinderer unterstützen“, pocht er auf Glaubwürdigkeit. Bettina Wilhelm, die ab 2006 Geschäftskreisleiterin in Kirchheim war und seit 2009 Bürgermeisterin in Schwäbisch Hall ist, ging als parteilose Kandidatin für die SPD ins Rennen. Die einzige Frau im Kandidatenreigen holte 15,1 Prozent der Stimmen und war damit alles andere als zufrieden. Gestern hat die 48-Jährige erklärt, ihre Kandidatur zurückzuziehen. Sie gab keine Empfehlung für einen Kandidaten ab, betonte aber inhaltliche Überschneidungen mit Fritz Kuhn. In der Vergangenheit hatte Oberbürgermeister Wolfgang Schuster davon profitiert, dass sich SPD und Grüne im Vorfeld der Wahlen nicht einigen konnten.