Strom & Wasser zündete in der Bastion ein politisches Feuerwerk – provozierend, aufmüpfig und humorvoll
Systemkritik mit viel Rhythmus

Kirchheim. Heinz Ratz, Bassist und Frontmann von Strom & Wasser, als Liedermacher zu bezeichnen, greift irgendwie ins Leere. Bei Liedermachern denkt man in der Bastion


Brigitte Gerstenberger

freilich sogleich und ganz nostalgisch an Reinhard Mey und seine neckischen Nettigkeiten à la „Ich bin Klemptner von Beruf“. Man könnte auch den Zeiten der kritischen Liedermacher wie Wader und Degenhardt nachtrauern. Muss man aber nicht, denn es gibt sozusagen einen neuen Prototyp dieses Genres. Den Autor und Punkrüpel, den musikalisch mit allen Wassern gewaschenen Ska- und Polka-Freak Heinz Ratz. Ein radikalpolitischer Entertainer, gesegnet mit einer gehörigen Portion Sprachwitz, schauspielerischer Begabung und hoher Musikalität. Eine politisch höchst brisante und energiegeladene Mischung, die Ratz zusammen mit Ingo Hassenstein, Akustikgitarre und Gesang, am Samstagabend auf der Bastionsbühne präsentierte.

Ikarus, eine Lieblingsfigur vieler Künstler, mutiert bei Ratz zum brandschatzenden Prometheus, der die Götterburg in Flammen setzt. „Tausend Jahre schon steht der Götterthron, lebt in Saus und Braus, presst die Arme aus. Lebt in Blutgewalt, mitleidlos und kalt. Nun kommt Ikarus, der, der brennen muss.“ Gegen die zunehmende Verhärtung in der Welt, „das Harte ist ein Krebsgeschwür“ und das Blabla der Politiker setzt Heinz Ratz seinen moralischen Triathlon. Mit seinem aktuellen Projekt „1 000 Brücken Tour“ hat er für Aufsehen gesorgt und deutschlandweites Medieninteresse bewirkt. Im letzten Jahr ist Ratz mit seiner Band Strom & Wasser auf das Fahrrad gestiegen und hat achtzig Flüchtlingswohnheime besucht. Dort hat er beschlossen, eine Band mit Musikern aus diesen Unterkünften zu gründen. Durch dieses Projekt will Ratz auf die Problematik der Asylbewerber aufmerksam machen.

Mit politisch motiviertem Blick schaute Ratz in Kirchheim – „Das Kellergewölbe ist das abgefahrenste, was Baden-Württemberg zu bieten hat“ – auf die Underdogs, die Modernisierungsverlierer, schimpfte auf bürgerliches Establishment und etablierte Politik. „Bayern München ist seit 100 Jahren in der Champions League, was soll sich da noch politisch ändern?“ Zwischendurch erklärt er den Unterschied zwischen Terroristen und Rebellen und verweist dabei völlig respektlos auf das Hinterteil seiner Freundin. Im Zuge der grünen Welle, die Baden-Württemberg gerade ergriffen hat, sei der Hintern seiner Freundin die beste Biowaffe, wesentlich besser als jede SS-20 Rakete.

Viel Rhythmus und scharfe Kante besitzt die Musik. Die wiederholt mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnete Gruppe selbst nennt das Ganze „Randfiguren-Skapunkpolkarock“. Ein höchst unterhaltsames Wechselbad der Gefühle, Musik und Poesie zwischen Lachen und Betroffenheit. Dazu gehört die raubeinige, kraftvoll-pralle Stimme von Heinz Ratz, die zuweilen an Rio Reiser erinnert. Diesem hat er einen Song gewidmet, Rios Herz. „Schade, Rio, dass dein bester Freund kein Profikiller war. Dann wär dein guter Name heute nicht so in Gefahr. Dann gäb‘s kein solches Media-Markt-Gebrösel. Dann wäre Punk noch Punk, und Schnösel wär noch Schnösel.“

Da schöpft einer aus dem prallen Leben, mischt sich ein mit künstlerischer Unbestechlichkeit. Der Weltenbummler Ratz, Sohn eines deutschen Arzts und einer Peruanerin indianischer Herkunft, führte stets ein unruhiges Leben. Mit 47 Umzügen und 16 Schulwechseln lebte er unter anderem in Spanien, Peru, Saudi-Arabien, der Schweiz, Argentinien und Schottland. Der einst auf der Straße lebende Querdenker, Pazifist und Antirassist hat eine erstaunliche Bühnenpräsenz und allerhand Wichtiges zu sagen. Viel davon packt er launig in ausgiebigen Plaudereien, die zwischen den Stücken für Belustigung im Publikum sorgen – lustvolle Systemkritik mit Schmackes und Verstand.