Irene Strifler
Kirchheim. Hans-Joachim Hennings ist eine Art „Taubenflüsterer“: Der passionierte Taubenzüchter steht in Diensten der Stadt Kirchheim und kümmert sich um den Taubenschlag im Spital. Täglich steigt er die Stockwerk für Stockwerk steiler werdenden Stiegen hinauf, bis er den Fachwerkgiebel erreicht. Dort kontrolliert er akribisch die Gelege in den einzelnen Fächern des Taubenschlags und tauscht echte Eier gegen Gipseier aus. Außerdem legt er alle zwei Tage Futter nach, um den gefiederten Schlagbewohnern den Aufenthalt möglichst erstrebenswert zu machen. Die Tiere werden also gezielt im Taubenschlag angesiedelt, und ihre Fortpflanzung wird durch den Eier-Austausch unterbunden.
„Seit wir den Taubenschlag betreiben, gab‘s so gut wie keine Beschwerden mehr wegen Taubendreck“, zeigt sich Bürgermeister Günter Riemer ausgesprochen zufrieden mit dem Weg, den die Stadt vor einigen Jahren eingeschlagen hat. Bis dato gab es immer wieder Probleme mit der wachsenden Zahl der Stadttauben. Das Füttern der Tiere ist ohnehin schon lange verboten, doch immer wieder müssen Ordnungsamtsleiter Markus Deger und seine Leute Gespräche führen mit Menschen, die Brotkrumen streuen.
Die Sanierung des Spitals bot die Gelegenheit, den gefiederten Kulturfolgern dort gezielt Kost und Logis zu gewähren. Seit die Tauben überwiegend im Schlag hausen, haben sich die Probleme tatsächlich auf ein erträgliches Maß reduziert, wie die Verantwortlichen beteuern. Die Methode ist so erfolgreich, dass in Jesingen im kommenden Frühjahr ein zweiter Taubenschlag eingeweiht wird. Er ist in der alten Kelter angesiedelt und steht ebenfalls unter der Regie der Familie Hennings.
Dass die Tauben sich im Schlag wohlfühlen, verwundert nicht. Hans-Joachim Hennings mischt ihnen genau das Futter zusammen, das ihnen schmeckt – in Maßen natürlich, denn mehr Nahrung zieht wiederum mehr Tiere an. Außerdem sorgt er für frisches Wasser. So siedeln sich die Vögel gern unter seiner Obhut an. Was sie nicht ahnen: Kaum verlassen sie den Schlag, werden ihre Eier gegen Gipsmodelle ausgetauscht. „350 Eier habe ich in einem Jahr aus dem Schlag geholt“, berichtet der Taubenexperte stolz. Die echten Eier, die wesentlich kleiner als Hühnereier sind, finden sogar noch eine Weiterverwertung, und zwar im Dekobereich: Eine Hobbybastlerin bläst sie aus und verziert sie liebevoll.
Kaum hat Hennings seinen morgendlichen Rundgang abgeschlossen, kehren die Tauben zurück und brüten weiter. Exakt nach 17 Tagen riechen die Tiere Lunte: Da nämlich ist die Brutzeit um, und wenn sich nichts tut, lassen die Tauben das Gelege im Stich. – Jetzt kommt wieder der Taubenwart zum Einsatz. Er holt die Gipseier aus den Nestern, und das Spiel beginnt von Neuem.