Kirchheim. Ein anspruchsvolles Heimspiel für den langjährigen Leiter der Kirchheimer Musikschule, der als Kammermusiker und Solist gleichermaßen geschätzt wird. Eine auf stupender Technik fußende künstlerische Durchdringung war hier ebenso gefragt wie große geistige Spannkraft, die der auswendige Vortrag des komplexen Programms erforderte.
Eine substanzielle Dichte, die sich jedoch – wie die erste Konzerthälfte deutlich machte – in ein durchaus leichtes, filigranes Klangbild hüllen kann. Baldassare Galuppis Sonate Nr. 5 in C-Dur geriet in Arnolds Deutung zu einem espritgeladenen, brillant funkelnden Füllhorn musikalischer Ideen, das die Nähe des venezianischen Meisters zur Welt der Oper ebenso widerspiegelte wie die Errungenschaften zeitgenössischer Instrumentalkunst.
Juveniles Aufschäumen, Eleganz im klassischen Ebenmaß begegnete auch in Mozarts C-Dur Sonate KV 330. Mit stetem, angenehmem Zug nach vorne verlieh Arnold den Ecksätzen Vitalität, Witz und Frische. Sensibel spürte er der eher introspektiven Welt des Mittelsatzes Andante cantabile nach, in der Mozart gänzlich unprätentiös, mit großer Ökonomie der Mittel weite Innenräume aufspannt. Eine beachtliche gestalterische Herausforderung. Kann sich doch hier der Interpret weder in große Gesten noch in virtuoses Glitzern flüchten. Vielmehr muss er – wie es Arnold vorbildlich gelang – innerhalb eines solch intimen Rahmens die klangliche Reduktion zur Entfaltung bringen, ihrem eingeschriebenen Gehalt die nötige Leuchtkraft verleihen.
In der zweiten Konzerthälfte dann der Sprung ins 19. Jahrhundert. Hier konnte nicht nur das beachtliche Klangvolumen des Petrof-Flügels ausgereizt werden, auch dem Pianisten wurde voller Einsatz abverlangt. Mit „La Chapelle de Guillaume Tell“, „Le Mal du Pays“ und „Vallée d´Obermann“ gab Thomas Arnold Einblicke in Liszts Sammlung der „Années de Pélérinage“. Obwohl auch hier wahre Virtuosen-Feuerwerke abgefackelt werden, erschließen sich diese Stücke gerade dank ihrer oftmals ruhigen, innigen Atmosphären als genuin romantische Schöpfungen. Faszinierend, wie Thomas Arnold in das Wechselbad aus technischen, nur mit äußerster Kaltblütigkeit zu bewältigenden Schikanen und einem tiefen, besonnenen Ausloten von natur- und poesiegetränkten Stimmungen eintauchte und diese Gegensätze zur künstlerischen Einheit führte.
Klar konturierte Steigerungen, dynamische Kontraste, zu Klang geronnene kinetische Energie: Mit seiner Interpretation der cis-Moll-Polonaise aus Chopins opus 26 setzte Arnold zum furiosen Abschluss seines Solo-Récitals an. Dieses stand ganz im Zeichen der Chopinschen f-Moll-Ballade opus 52. In keiner anderen Ballade Chopins ist der erzählerische Fluss so organisch, das kompositorische Zugehen auf die abschließende Apotheose so konsequent gehalten wie in dieser. Viele Facetten seiner Kunst scheint der Komponist hier verschmolzen zu haben. Volkstümliches begegnet tiefem Ernst, an Walzer gemahnende Anmut trifft auf kontrapunktisches Kalkül. Eine formale und klangbauliche Vielschichtigkeit, die sich den Hörern erst dadurch als Qualität mitteilte, dass Arnold mit planvoller, geradezu strategischer Intention den Spannungsbogen der Ballade zu plastizieren und mit subtilen künstlerischen Griffen, etwa einem hochkultivierten tempo rubato, gezielt Effekte zu setzen vermochte.
Wie gesagt, leicht hat es sich Thomas Arnold nicht gemacht. Umso durchschlagender sein Erfolg: wiederholte Bravo-Rufe und ein stürmisch eingeforderter Zugabenteil. Dass hierbei auch Chopins „Abschiedswalzer“ erklang – vom Pianisten augenzwinkernd als „Wink mit dem Zaunpfahl“ angekündigt – war glücklicherweise jedoch nur auf das Ende des Konzertabends gemünzt. Dem Kirchheimer Kulturleben bleibt der Pianist Thomas Arnold trotz seines musikpädagogischen Ruhestands auch in Zukunft erhalten.
