Kirchheim. „Total vernetzt – und alles klar?“ lautet der Titel eines vom Theater „Q-rage“ aus Ludwigsburg präsentierten interaktiven Jugendtheaterstücks „rund um die Neuen Medien und die Gefahren im Netz“. Im Rahmen der 12. Kirchheimer Kinder- und Jugendtheatertage
„Szenenwechsel“ kamen Sandra Hehrlein und Jörg Pollinger gemeinsam mit Techniker Stefan Bettels auf Einladung des vhs-Kulturrings nach Kirchheim, wo sie im nostalgischen Stadtkino-Ambiente eine vergnügliche Nachhilfestunde anboten.
Dass sie der mit ihrem Theaterstück anvisierten Zielgruppe der Klassenstufen fünf bis sieben in Sachen Computer „handwerklich“ nichts beibringen können und müssen, war den beiden Schauspielern dabei völlig klar. Dass Kinder und Jugendliche aber durchaus offen sind für Tipps von zwei jugendlich daherkommenden Erwachsenen, die ihre Sprache sprechen, zeigte sich spätestens bei der sich anschließenden Fragerunde. Schon von Beginn an hatten die am behandelten Thema höchst interessierten Schülerinnen und Schüler erstaunlich diszipliniert mitgearbeitet und in teilweise entwaffnender Offenheit alle von den Moderatoren gestellten Fragen auch wahrheitsgemäß beantwortet.
Dass grundsätzlich Zurückhaltung und allergrößte Vorsicht im Umgang mit Informationen vor allem im weltweiten Netz unheimlich wichtig ist, war die wohl wichtigste zu verinnerlichende Lektion. Wie die Erfahrungen zeigen, können Fehler im Web nie mehr völlig zurückgenommen oder „korrigiert“ werden, wenn sie erst einmal ins Netz eingebrannt sind, das bekanntlich nie etwas wieder vergisst.
Selbst wenn ein verhängnisvoller Eintrag so schnell wie möglich wieder gelöscht wird, kann er in kürzester Zeit schon von vielen kopiert und weitergeleitet worden sein. Er lebt in unterschiedlichsten und nie vollständig erreichbaren Dateien weiter, und die Wahrscheinlichkeit, dass er immer wieder irgendwo auftauchen kann und wird, ist riesengroß.
Dass ein Computer nun einmal keinen Radiergummi hat, mit dem man Störendes oder Missglücktes einfach wieder spurlos wegrubbeln und damit praktisch ungeschehen machen kann, mussten manche der Besucher schon leidvoll erfahren.
In der Rolle der Geschwister Lisa und Henrik machten die Schauspieler Sandra Hehrlein und Jörg Pollinger sehr viele Dinge falsch, um ihrem jungen Publikum zu zeigen, welch verheerende Folgen ein zu sorgloser Umgang mit diesem alle Möglichkeiten der Welt eröffnenden Medium haben kann – und welch hoher Preis gegebenenfalls dafür zu bezahlen ist.
Der Computer ist bei Henrik dauernd in Betrieb, weil er in jeder freien Minute Egoshooter spielt oder unermüdlich an seiner Homepage herumbastelt. Lisa chattet dagegen leidenschaftlich gerne und verwendet ansonsten ihren Computer vor allem für die Schule. Statt ihr Referat zu schreiben, stürzt sie sich im Stück aber erst einmal auf die vielen eingegangenen Klatsch- und Tratsch-Mails und lässt sich von allem ablenken, was ihr bei der lustlosen Informationssuche für ihr Referat im Netz begegnet. Ihr Bruder ist ihr dann aber eine große Hilfe, denn er zeigt ihr, wo man nicht nur Informationen sondern auch fertige Referate finden und downloaden kann.
Angst macht ihr der eigentlich nette und hilfsbereite Bruder dagegen immer dann, wenn er seine Begeisterung über die Gewalt in seinen Computerspielen auch auf den ganz normalen Alltag überträgt. Cool fände er es nämlich, selbst einmal bei einer richtigen Schlägerei mitzumischen oder aber mit einem willkürlich ausgesuchten – und keinesfalls freiwilligen – Opfer ein sogenanntes „happy slapping“ selbst zu filmen, also eine realistische Schlägerei vor laufender Kamera zu „inszenieren“. Sehr zufrieden ist er auch damit, dass er seinen Frust über einen Lehrer mit einem heimlich – und natürlich illegal – im Unterricht gedrehten Videoclip abreagieren kann. Der von ihm sofort an viele Freunde verschickte Videoclip eines Hustenanfalls, an dem der Lehrer fast erstickt wäre, ist kurzfristig der absolute Renner an der Schule – und könnte Henrik Kopf und Kragen kosten.
Hier nutzen die Schauspieler einmal mehr die Gelegenheit, aus der Geschichte herauszutreten, um ihr Publikum umfassend über wichtige Dinge wie etwa das Recht am eigenen Bild zu informieren und darauf aufmerksam zu machen, dass man sich schon strafbar macht, wenn man illegal gedrehten Filme auch nur weiterzeigt. Auch der Besitz solcher Aufnahmen und Filme ist verboten. Gerät man in Verdacht, kann es sein, dass das Handy beschlagnahmt und analysiert wird. Das kann Monate dauern und damit enden, dass das Handy ganz eingezogen wird.
Da Lisa die Gelegenheit nutzt, ein Referat einfach schnell herunterzuladen, hat sie genügend Zeit, um über ihre Mitschülerinnen abzulästern, was nach entsprechender Anzeige bei der Polizei als Straftat verfolgt und geahndet würde. Bei den Klingeltönen, für die sich Lisa viel mehr interessiert als für ihr Referat, warnen die beiden Netz-Experten nachdrücklich davor, zu schnell etwas zu bestellen, was angeblich kostenlos vertrieben wird. Oft sorgt ein Klick dafür, dass mit dem geforderten Anerkennen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, tatsächlich ein Abo abgeschlossen wird, das richtig Geld kostet, und der Köder „gratis“ vielleicht nur für den ersten Klingelton gilt, mit dem ein über Monate nicht mehr kündbares und damit sehr teures Abo beginnt.
Henrik, der gerne Filme dreht und immer auch viele Fotos macht, hat nach einer Party mit viel Alkohol die „geniale Idee“, nicht nur ein Bild von sich machen zu lassen, sondern es auch gleich ins Internet zu stellen. Selbst nach der Ausnüchterung findet er das eigentlich noch ganz witzig. Als er merkt, dass er sich damit zum Gespött der ganzen Schule gemacht hat, ist es schon längst auf unzählige Handys weitergeschickt worden und taucht im Internet auch noch in einer bearbeiteten Version auf, die noch viel schlimmer ist als das Originalfoto.
Aus Enttäuschung darüber, dass Henriks Freund Tom angeblich nichts von ihr wissen möchte, sucht „Pretty Woman“ Lisa inzwischen Trost im Internet und lernt „Hase 1“ kennen, der sich unbedingt mit ihr treffen möchte, und zwar ausgerechnet in einem einsamen Park. Die Gefahr, in der sich seine Schwester damit begeben will, reißt Henrik wieder etwas aus seiner Lethargie. Er kann immerhin dafür sorgen, dass sie mit ihm gemeinsam zu Toms Party geht, bei der er garantiert nicht noch einmal zu viel trinken und gleich noch ein „Beweisfoto“ ins Netz stellen wird.
Damit ihre Zuschauer nicht genauso viele Fehler machen wie die beiden „Helden“ der erzählten Geschichte, empfahl das „Q-rage“-Duo die Internetadresse www.klicksafe.de für weitere Informationen zum Thema „sicher surfen“.
Einen Flyer mit Internet-Tipps für Jugendliche gab es ebenfalls noch mit auf den Weg. Verantwortlich für die Infobroschüre und das Internetportal „klicksafe“ ist die Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) Rheinland-Pfalz, mit der das Theater „Q-rage“ eng zusammenarbeitet – und das ist garantiert eine sehr sichere Adresse . . .
