Esslingen. Ein Training, das Familien im Alltag unterstützt? Klingt nach „Super-Nanny“. Nur hat Haushalts-Organisations-Trainerin Isabel Dingnisz überhaupt nichts mit Besserwisser-Pädagogin Katharina Saalfrank gemein. Und Carmen W. passt – anders als die meisten „Super-Nanny“-Mütter – in keine Schublade.
Carmen W. lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einer Wohnung in Esslingen-Sulzgries. Im Flur hängt ein getrocknetes Lebkuchenherz, dahinter steckt ein Foto, das zwei lachende Kindergesichter zeigt. Wände und Schränke in Küche und Flur sind übersät mit bunten krakeligen Kunstwerken. Im Wohnzimmerregal stapeln sich Gesellschaftsspiele, daneben stehen Kinderbücher von Astrid Lindgren. Wohnungen, in denen verwahrloste Kinder leben, sehen anders aus. Dennoch bekommt Carmen W. zwei Mal in der Woche Besuch von HOT-Trainerin Isabel Dingnisz.
Das Haushalts-Organisations-Training (HOT) der Katholischen Familienpflege ist ein Hilfsangebot für Familien in schwierigen Lebenslagen. Im Mittelpunkt steht das Wohlergehen der Kinder. Ziel ist es, ein häusliches Umfeld zu schaffen, in dem Kinder sich entwickeln und gut aufwachsen können. 60 Familien mit insgesamt 165 Kindern hat die Familienpflege zwischen 2009 und 2012 im Landkreis Esslingen betreut. Nach der Pilotphase ist HOT in ein Regelangebot übergegangen.
Die Gründe, warum die HOT-Trainerinnen in eine Familie gerufen werden, sind unterschiedlich. Arbeitslosigkeit, Trennung oder eine schwere Erkrankung können dazu führen, dass der Alltag aus dem Tritt gerät. Wäsche waschen, Geschirr spülen, die Kinder richtig kleiden und ernähren – in Familien, in denen alles rund läuft, sind das Selbstverständlichkeiten. Für Eltern, die mit ihren Kräften am Ende sind oder die all das nie gelernt haben, können solche alltäglichen Dinge zu Herausforderungen werden, die nicht mehr überwindbar scheinen.
In den allermeisten Fällen stehen die Mütter im Fokus der Beratung. Die HOT-Trainerinnen, Familienpflegerinnen oder Erzieherinnen mit langjähriger Berufserfahrung und einer Zusatzqualifikation besuchen die Familien, legen Ziele fest, beraten und trainieren all die Dinge, die schwer fallen: die vorhandene Zeit sinnvoll einteilen, die Kinder entwicklungsförderlich beschäftigen, Morgen- und Abendrituale einhalten, einen Speiseplan erstellen. Der Zeitumfang kann flexibel angepasst werden. Das Haushalts-Organisations-Training dauert jedoch nie länger als neun Monate.
In den meisten Fällen fordert das Jugendamt die Unterstützung der Trainerinnen an. Bei Carmen W. war es anders. Geschwächt durch eine lange Krankheit, fiel ihr durch Zufall ein Flyer in die Hand, der auf das Training hinwies. Sie meldete sich und bat um Hilfe. „Ich habe es als großes Glück empfunden, dass ich diese Stelle gefunden habe“, sagt die zweifache Mutter. Es habe sie keine Überwindung gekostet, um Unterstützung zu bitten, erinnert sie sich. „Wenn man ganz unten ist, ist das nicht das Problem“. Sie weiß aber, dass viele Mütter sich unter Druck setzen, es allein schaffen zu müssen, nach dem Motto: „Ich habe doch nur zwei Kinder und den Haushalt zu versorgen. Das muss irgendwie gehen“.
Carmen W. ist keine typische HOT-Klientin. Sie weiß, wie man seine Kinder richtig kleidet oder für sie kocht. Sie liest ihnen vor, spricht liebevoll mit ihnen und fördert sie. „Ich hatte immer Kraft für meine Kinder“, sagt die 42-jährige gelernte Kinderkrankenschwester, die eine siebenjährige Tochter und einen zehnjährigen Jungen hat. „Aber alles andere ist halt liegen geblieben“.
Als die HOT-Trainerin auf Wunsch von Carmen W. in die Familie kam, nahmen die beiden deshalb als erstes die Kleiderschränke in Angriff. „Manche Schränke waren schon ewig nicht mehr ausgemistet worden“, erzählt Isabel Dingnisz. Mittlerweile ist Ordnung eingekehrt: Hosen, Kleider und T-Shirts liegen auf sauberen Stapeln, davor kleben Zettel, sodass die Kinder wissen, welche Klamotten sie aus dem Schrank ziehen können. Auch die Küchenschränke und den Keller haben die beiden entrümpelt. Die alten Spielsachen der Kinder wurden bei einem Garagenflohmarkt unter die Leute gebracht. Als letztes Ziel wollen Carmen W. und Isabel Dingnisz den Wohnzimmerschrank in Angriff nehmen.
Wichtig beim Haushaltsorganisationstraining ist, dass die Familie die Veränderungen auch wirklich will und etwas dafür tut. Nur herumsitzen und warten, dass sich etwas verändert, läuft nicht. „Wir haben in vielen Familien das Problem, dass die Familien nicht wirklich mitarbeiten“, sagt Isabel Dingnisz. Besonders, wenn die Maßnahme vom Jugendamt verordnet worden ist, fehle häufig die Akzeptanz.
Carmen W. jedoch weiß, was sie an ihrer HOT-Trainerin hat. „Es war nicht so, dass ich eine Haushaltshilfe gebraucht hätte. Ich habe auch nicht zwei linke Hände“, sagt sie. „Aber durch meine Krankheit hat mir einfach die Energie gefehlt, manche Dinge anzupacken“. Isabel Dingnisz habe sie an die Hand genommen und ihr das Gefühl gegeben: „Du bist nicht allein“. Zu zweit bewältige man vieles leichter. „Wichtig für mich war auch, dass ich genau wusste: Sie kommt bald wieder, wenn wir etwas noch nicht ganz geschafft haben“, sagt Carmen W.. Und wenn es ihr mal gar nicht gut geht, hilft die HOT-Trainerin auch einfach nur, den Wäscheberg zu bewältigen, der sich über das Wochenende angesammelt hat. Diese Tage werden aber seltener. Carmen W. sagt, sie spüre, dass die Energie zurückkehrt. „Mir geht es heute schon viel besser als vor einem halben Jahr“, sagt sie und lächelt. „2013 wird, glaube ich, ein gutes Jahr.“
