„Ein deutsches Requiem“ in der Kirchheimer Martinskirche – Großartige Leistung
Trost für die Lebenden

Kirchheim. Mit dem „deutschen Requiem“ stand eines der bedeutendsten und populärsten Werke von Johannes Brahms auf dem Programm. Der wegen seiner Verrisse gefürchtete Wiener Kritiker Eduard Hanslick 


urteilte damals: „Seit Bachs H-Moll-Messe und Beethovens ,Missa Solemnis‘ ist nichts geschrieben worden, was auf diesem Gebiete sich neben Brahms ,Deutsches Requiem‘ zu stellen vermag.“

Brahms, ein eher zum Skeptiker neigender religiöser Freigeist, beschäftigte die Idee zu einer Totenmesse über zehn Jahre hinweg – beginnend mit dem Tod seines verehrten Mentors und Freundes Robert Schumann und vertieft nach dem Tod seiner Mutter. Die Texte wählte Brahms aus dem Alten und Neuen Testament aus. So entstand ein Werk, das weniger die Bitte um das Seelenheil der Verstorbenen nach Art eines lateinischen Requiems, als vielmehr den Trost für die Hinterbliebenen musikalisch zum Ausdruck bringt. Ein für die Zeit moderner, universaler Gedanke, die zeitlose Frage der Gegenüberstellung von Vergänglichkeit und Ewigkeitshoffnung.

Die durch Brahms geerdete Glaubenserfahrungen vieler Menschen, gewandet in herrliche Musik, einer großen Zuhörerschaft nahegebracht zu haben, ist das großartige Verdienst von Bezirkskantor Ralf Sach. Seine klare Präsenz und kompetente Musikalität zeigten sich in der Kirchheimer Martinskirche von Beginn an in einem sehr konzentrierten Dirigat mit deutlichen Impulsen und Einsätzen, den ganzen riesigen musikalischen Apparat gleichermaßen fordernd und motivierend. So entwickelte sich der erste Satz aus einer großen Ruhe heraus, vom Chor in sanftem schönen Pianoklang vorgetragen, von den tiefen Streichern (ohne Violinen) erdig grundiert. Orchester und Chor folgten den Intentionen des Dirigenten klangschön und präzise in einem aufblühenden Forte an der Stelle „und kommen mit Freuden“, um dann im Klang wieder verinnerlicht zurückgenommen den Satz zu beschließen, mit sehr schönen Holzbläserklängen im hohen Register.

Der zweite Abschnitt ist als grandios fortschreitender Trauermarsch gestaltet. Nach verhaltenem Beginn mit reichem Klang der geteilten Streicher setzte der Chor unisono, zunächst ohne Sopran, ein mit der Textzeile aus dem Petrusbrief „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. Unerbittlich, wie der unausweichliche Tod, erhob sich die Musik zu einem überwältigenden Höhepunkt; hier hatte der Chor gelegentlich dem Orchester mit massiver Blechbläsersektion zu wenig entgegenzusetzen. Eine sehr bezwingende Musik, die eine unheimliche Wirkung erzielte. Im lichteren Mittelteil des Satzes wusste der Chor durch eine gute Mischung der Stimmregister und leichten, fast tänzerisch anmutenden Chorklang zu gefallen.

Nach der vom Gesamtensemble bravourös bewältigten Schlussfuge des zweiten Teils trat im folgenden Satz erstmals ein Gesangssolist in den Vordergrund. Die Verkündigung der biblischen Worte lag hier bei Kai Preußker in besten Händen. Der junge, lyrische Bariton der Stuttgarter Staatsoper gestaltete seinen Part mit balsamischen Tönen, unforciert in den Höhen und sehr schönen Stimmeinsätzen. Besonders gut gelang auch die Verzahnung von Chor und Solostimme. Der Hoffnung verliehen Chor und Orchester durch groß angelegte Kantilenen in der – auch diesen Satz abschließenden – Fuge Ausdruck, ruhend auf einem schier ewig erscheinenden Orgelpunkt in Celli und Bässen.

Der vierte Satz wird oft in Rezensionen nicht erwähnt, vielleicht weil er im Vergleich zu den anderen Abschnitten etwas unspektakulärer erscheint. Das Ensemble war aber weit davon entfernt, den Satz nur „abzuspulen“, sondern konnte gerade hier seine chorischen Tugenden in einem harmonischen Gesamtklang entfalten. Besonders zu erwähnen sind auch die sauber intonierenden Hörner.

Der fünfte Satz führte den Hörer schließlich in entrückte, himmlische Gefilde. Auf einem wunderbaren Streicherteppich breitete die Sopranistin des Abends, Christine Euchenhofer, ihren ätherischen Sopran aus. Leicht und zart bis in höchste Höhen, mit weit gespannten Bögen, die bruchlos ins Forte geführt werden konnten, setzte sie ein vokales Glanzlicht. Im Verbund mit dem hervorragend korrespondierenden Chor und den weich einsetzenden Holzbläsern verlieh Christine Euchenhofer dem Satz einen ganz besonderen Zauber. Diesen Satz hatte Brahms wohl dem Gedenken seiner Mutter gewidmet.

Der folgende Satz ist sowohl der längste als auch der dramatischste Kern des Werkes. Nach einer Klage über die Vergänglichkeit des Lebens, vom Chor eindringlich deklamiert, schlüpfte der Bariton in die Rolle eines Sehers, der die Zukunft verkündet. Seine Stimme zeigte sich dabei auch den apokalyptischen Orchesterausbrüchen mit sonorer Stimmgebung gewachsen. In pulsierender Spannung und dem zuversichtlichen Duktus im Hinblick auf die Erlösung gelangte auch die Chorfuge „Herr, Du bist würdig“ zu einem klangprächtigen Abschluss. Der Schlusssatz atmete wieder den Geist des Anfangs, der Kreis schloss sich.

Die Präsenz aller Mitwirkenden stand ganz im Dienste der Verkündigung und erzeugte eine Ergriffenheit, die das ganze Werk über anhielt. Einer andächtigen Stille folgte kräftiger Applaus, der alle Beteiligten für ihre großartige Leistung belohnte. Ein besonderer Dank gebührte neben dem Dirigenten, auch für seine gewissenhafte gute Vorbereitung der Ensembles, den Solisten und dem Chor, die kaum Ermüdungserscheinungen aufwiesen, sowie dem „kammerphilharmonischen Orchester“, das sich sichtlich im romantischen Repertoire wohlfühlte und bis in alle Register klangschön und differenziert musizierte. Was bleibt, ist der tief erfahrene Trost, der aus der großartigen Musik sprach.