Mit „Gegen den Wind“ begann Ralf Bauers Karriere, mit „Gut gegen Nordwind“ feiert er in Kirchheim Premiere
Trotz Schauspielstress immer im Gleichgewicht

Kirchheim. Wenn eine Theateraufführung gleich an drei aufeinanderfolgenden Abenden im „Musentempel“ Stadthalle angeboten wird, 
müssen sich die Verantwortlichen ihrer Sache und der zu erwartenden Besucherströme sicher sein. Die Rechnung könnte aufgehen.

Wenn ein Star wie Ralf Bauer den – vom Kammertheater Karlsruhe geebneten – Weg nach Kirchheim findet, könnte vor allem das weibliche Interesse an einem vielversprechenden Abend im Kirchheimer Stadttheater geweckt sein. Wenn mit Daniel Glattauer dann auch noch der Autor des von vielen begeistert ver­schlungenen Sensationserfolges „Gut gegen Nordwind“ für die Bühnenfassung verantwortlich zeichnet, ist das schon die halbe Miete.

Sollte dann auch noch durchsickern, dass Darstellerin Dorkas Kiefer schon vor Playboy-Fotografen posierte, dürften sich vermutlich auch noch ein paar begleitende Ehemänner finden lassen, die sich auf einen ungewöhnlichen gemeinsamen Theaterabend freuen . . .

Von Donnerstag 13. bis Samstag, 15. Dezember, jeweils ab 20 Uhr, gewähren Dorkas Kiefer als Emmi Rothner und Ralf Bauer als ihr Internet-Lover Leo Leike tiefe Einblicke in ihr Gefühlsleben. Im Vorabgespräch räumte Ralf Bauer überraschenderweise ein, dass ihm die Rolle des virtuosen aber leider nur virtuellen Lovers eigentlich nicht direkt auf den Leib geschrieben ist. Er konnte sich zunächst nicht vorstellen, dass ein Stück auf der Bühne funktionieren kann, bei dem sich zwei einsam vor ihrem Computer sitzende Menschen durch einen tückischen Tippfehler zufällig in der virtuellen Welt „begegnen“, sich dann immer besser kennen- und schließlich auch lieben lernen, ohne persönlichen Kontakt miteinander zu haben.

Daniel Glattauers Geniestreich hatte auch schon als Buch viele Skeptiker eines Besseren belehren können, denn einer kometenhaften Renaissance des vielleicht zu Recht etwas aus der Mode gekommenen literarischen Klassikers Briefroman, räumten wohl nur wenige eine echte Chance ein. In Zeiten von SMS-Boom, Twitter-Gewitter, Facebook-Orgien und springflutartiger Mail- und Spam-Vermüllung war nur schwer vorstellbar, dass eine ausschließlich per außerehelichem E‑Mail-Verkehr wiedergegebene Liebesgeschichte solchermaßen für Furore sorgt. Dank der immensen Nähe, die geradezu voyeuristische Einblicke in intimste Gedankenwelten der Akteure ermöglicht, konnte der anfängliche „Geheimtipp“ rasch sensationelle Verkaufszahlen schreiben.

Der sympathische „Frauenflüsterer“ Ralf Bauer bekennt sich uneingeschränkt dazu, eigentlich gar kein Blind-Date-Typ zu sein. Er könne sich nicht vorstellen, dass er sich Hals über Kopf in eine ihm völlig fremde Frau verlieben kann ohne sie zu sehen, zu riechen, zu spüren und zu berühren, lautet seine klare Ansage. Ist ein bekennender eher haptisch ausgerichteter Romantiker tatsächlich die ideale Besetzung für einen vorwiegend aus der Ferne und in der Fantasie agierenden Frauenversteher wie Leo Leike?

Ralf Bauers anfänglichen Vorbehalte gegen diese Rolle wurden ihm nach dem Besuch einer Inszenierung des Stücks mit Aglaia Szyskowitz und Walter Sittler genommen. Walter Sittler sagte damals nach der Vorstellung zu ihm: „das wäre eine Rolle für dich“ – und wie der großartige Erfolg im Kammertheater Karlsruhe belegt, sollte er ja recht behalten mit seiner kameradschaftlich-kollegialen Prognose.

Bei der in seiner Geburtsstadt Karlsruhe absolvierten Premiere konnte Ralf Bauer dann nicht nur ein begeisterndes Heimspiel feiern, sondern im Theatersaal zugleich auch so etwas wie einen Abend im Kreis der Familie verbringen.

Der trotz aller Erfolge von Starallüren völlig verschont gebliebene Ralf Bauer ist nicht nur bekennender Badener, sondern auch ausgeprägter Familienmensch. Neben seinen vielen Cousins und Cousinen, Tanten und Onkels, sei selbst sein Opa gekommen, um gemeinsam die Premiere vor der Haustüre zu feiern und ihn mit ihrer unübersehbaren Präsenz zu überraschen.

Zugleich begegnete der Absolvent der Stage School of Dance and Drama in Hamburg auch bei den folgenden vielen Auftritten im Kammertheater des mit ihm befreundeten Schauspielerkollegen und dortigen Geschäftsführer, Bernd Gnann, vielen alten Bekannten. Dabei waren auch immer wieder Menschen, die einfach nur „mit ihm groß geworden“ sind und ihn noch aus seinen Anfangszeiten beim legendären TV-Kinderformat „Disney Club“ kannten und dann auch 1995 „hautnah“ seinen großen Durchbruch mit der Fernsehserie „Gegen den Wind“ und sein erstes Engagement für einen Tatort miterlebt hatten.

Seither ist Ralf Bauer viel unterwegs gewesen und hat bei seiner Arbeit erfreulich viel von der Welt gesehen. Er möchte sich aber überhaupt nicht festlegen lassen auf eine mögliche Priorität für die Bühne oder aber für Film und Fernsehen. Er schätzt vor allem den Wechsel und die damit immer wieder sich ändernde Herausforderung neuer Aufgaben.

Als unbezahlbares Privileg weiß er zu schätzen, dass er sich seine Rollen aussuchen und es sich auch einmal „leisten darf“, etwas ablehnen zu können. Ganz falsch findet es der erstaunlich offene und ehrliche Star allerdings nicht, wenn der Zyniker Harald Schmidt gerne damit kokettiert, dass er sich seine Rollen am liebsten nach den Drehorten auswählt. Auch Ralf Bauer stand schließlich schon an vielen spektakulären fernen Settings vor der Kamera.

Dass er sich dabei nicht nur für die touristischen Schönheiten dieser Welt, sondern vor allem auch ungemein stark für das Schicksal der unter schwierigen Bedingungen lebenden Menschen interessiert, zeigt vor allem sein großes Engagement für das tibetische Volk, das trotz massiver Aggressionen der kommunistischen Regierung am buddhistischen Glauben festhält und immer wieder den Mut finde, „trotz aller damit verbundener Gefahren, der Weltöffentlichkeit die Wahrheit zu sagen.“

Beeindruckt von der Gewaltlosigkeit ihres Widerstandes in der Tradition Mahatma Gandhis nutzt er seine Popularität auch dazu, um auf das Schicksal unterdrückter Menschen aufmerksam zu machen. Ralf Bauer unterstützt den Freiheitskampf der Tibeter auf der ganzen Welt und engagiert sich auch für „UNICEF“.

Dass er im Sommer 2009 ein Treffen von 25 000 Menschen mit dem Dalai Lama am Brandenburger Tor moderierte, ist ihm dabei nicht so wichtig. Tibet nicht zu unterstützen würde für ihn aber bedeuten, dem gewaltlosen Weg zur Konfliktlösung keine Chance zu geben und sich dadurch mitschuldig zu machen, wenn Gewalt entsteht.

Das große Engagement von Ralf Bauer für ein überaus faszinierendes Land, das er selbst erstaunlicherweise noch nie bereist hat – und doch sehr gut kennt – verdankt er einer tibetischen Freundin. In ihrem Umfeld im Wiener Kaffeehaus-Milieu hat er schon viele Exil-Tibeter sehr gut kennengelernt und dadurch vielleicht tatsächlich intensivere und direktere Einblicke in ihr Schicksal und die Situation im Land, als ein rein touristischer Aufenthalt wegen der für Ausländer geltenden Einschränkungen ermöglicht.

Ralf Bauers Begeisterung für traditionelles oder auch das tibetische Yoga Lu Jong entwickelte sich aber schon sehr früh. Mit neun Jahren begann seine Faszination für den Judosport, den er später auch unterrichtete. Durch seinen „unsteten Lebenswandel“ als Schauspieler war es aber irgendwann einmal nicht mehr möglich und sinnvoll, einem lokalen Klub anzugehören, um dort zu trainieren.

Durch die an jedem Ort der Welt ohne Klubausweis möglichen Übungen des Yoga und der damit verbundenen Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und der Atmung, entdeckte Ralf Bauer einen Weg, „seinen Körper beweglich zu halten, sein Bewusstsein zu schärfen und sich seiner selbst klarer zu werden“. Auch hier verdankt er viele Facetten seines fundierten Wissens der Weisheit seiner tibetischen Freundin Tseten, von der er lernte, dass Meditation dazu beitragen kann, „dass ich, egal in welche Situation ich gerate, niemals aus dem Gleichgewicht komme“.

 

Karten gibt es online, unter www. stadttheater kirchheim.de, im Vorverkauf bei Gneitings Reisebüro am Rossmarkt, Metzgerstraße 10, in Kirchheim, Telefon 0 70 21 / 4 50 66 und an der Abendkasse.