Kirchheim. Eine wahre Sternstunde erkenntnisbildenden literarisch-theatralischen Erlebens wurde rund 120 Schülerinnen und Schülern des Kirchheimer Schlossgymnasiums beim Besuch der beiden Vertreter von „THEATERmobileSPIELE“ geschenkt. Sie nahmen das Angebot
WOLF-DIETER TRUPPAT
konzentriert wahr und waren spürbar beeindruckt. Das ist nicht eben selbstverständlich, denn was Regisseur Thorsten Kreilos und Schauspieler Georgios Tzitzikos ihrem jugendlichen Publikum „zumuten“, ist tatsächlich eine echte Herausforderung.
Die zunächst eher unscheinbar wirkende und doch spektakuläre Glanzlichter setzende Theaterproduktion mit dem etwas sperrigen Titel „büchner.die welt.ein riss“ ist für die Sekundarstufe II in ganz Baden-Württemberg konzipiert. Die beiden dafür Verantwortlichen sind daher auch von Konstanz bis Mannheim und von Freiburg bis Aalen und darüber hinaus unterwegs und bieten enorm viel. Statt Gefahr zu laufen, das Publikum damit zu überfordern, bieten sie Gelegenheit, eigene Prioritäten zu setzen, „das Zusätzliche“ entspannt zu genießen und dem großen Ziel unterzuordnen.
Schnipsel des gesamten Lebenswerks eines Autors in eine 60-minütige Collage packen zu wollen, ist eigentlich ein fast aberwitziges Unterfangen. Dass das aber tatsächlich funktionieren kann – wenn die Randbedingungen stimmen – wurde im Kirchheimer Schlossgymnasium in gleich zwei aufeinanderfolgenden Veranstaltungen überzeugend vorgeführt. Zwei Gruppen mit jeweils rund 60 Schülerinnen und Schülern mit den Möglichkeiten des von heutigen Jugendlichen nicht unbedingt uneingeschränkt hoch geschätzten Genres „Klassenzimmertheater“ begeistern und bei der Stange halten zu wollen, ist zweifellos ein mutiges Unterfangen. Dass das Risiko in diesem Fall aber klar kalkulierbar war und die Verantwortlich genau wussten, auf was sie sich dabei einlassen, war immer erkennbar und verlieh dieser kleinen Produktion eindrucksvolle Größe.
Was sich hinter, in und vor dem zunächst eher merkwürdig und zufällig anmutenden, von Jutesäcken und verschiedenfarbigen Plastikfolien dominierten Bühnenbild und rund um ein davor zu vermutendes umhülltes Holzkästchen – mit enormem Entwicklungspotenzial – entwickeln wird, ist nicht einmal ansatzweise erahnbar. Nicht zuletzt auch deshalb ist die klug zusammengezirkelte Inszenierung von Anfang bis Schluss überaus spannend, überrascht zuweilen sogar mit in diesem Umfeld gar nicht zu erwartenden albernen und klamaukesken Elementen und verliert doch nie die erforderliche Ernsthaftigkeit und Zielorientierung.
Unangestrengt gezeigt wird, wie unterhaltungs- und vergnügungsorientiert Theater offensichtlich sein kann und muss, wenn es gelingen soll, im Umfeld von Zwang und Prüfungsstress eine willkommene Brücke zu bauen, die die Furcht vor der schon seit Generationen möglicherweise empfundene Grenzmauer gelber Lektüreheftchen vergessen machen und den Weg ebnen kann zu Inhalten, die zweifellos mehr sind als unbequeme und nur für bevorstehende Prüfungen relevante Themen.
Geboten wurde die nicht selbstverständliche Chance, im Vorbereitungsstress auf wichtige Prüfungshürden erkennen zu können, dass vorgegebene Themen nicht nur harte Arbeit und optimierte Konzentration auf das Prüfungsziel bedeuten müssen, sondern durchaus auch Vergnügen und entspannende Erweiterung des eigenen Horizonts bieten können.
Neben kritischen Inhalten, die aktueller eigentlich nicht sein könnten, wenn man bereit ist, sich mit dem zu beschäftigen, was Georg Büchner in den wenigen ihm zur Verfügung stehenden schöpferischen Jahren für die nachfolgenden Generationen hinterlassen hat, bot vor allem auch die kongeniale szenische Umsetzung unendlich viele Anreize. Die Aufführung forderte dazu auf, sich der Welt der Literatur, des Theaters und der kritischen Auseinandersetzung mit Inhalten zu öffnen, die an Aktualität überhaupt nichts verloren haben, wenn man souverän genug ist, die entsprechenden Stellschrauben umzustellen und sich zu fragen, was der viel zu früh gestorbene Georg Büchner auch heutigen Generationen tatsächlich sagen kann.
Die von Georg Büchner in seinem „Hessischen Landboten“ zusammen mit Friedrich Ludwig Weidig 1834 polemisch transportierten Erkenntnisse über „die da oben und wir da unten“ haben sich zwar grundsätzlich gewandelt, sind aber trotz aller geänderter Erscheinungsformen und Ausprägungen noch immer erschreckend aktuell, wenn die entsprechenden Positionen zeitgemäß ausgetauscht werden.
Der gehetzte „Woyzeck“ von einst kann auch heute ganz problemlos auf „moderne Zeiten“ hochgerechnet und entsprechend kritisch bewertet werden. Dazwischen liegen im Büchnerschen Gesamtwerk das Drama „Dantons Tod“, die Erzählung „Lenz“ und das Lustspiel „Leonce und Lena“.
Die Intention, Büchners „quasi-dokumentarische Arbeitsweise“ in eine vielschichtige theatrale Textur einfließen zu lassen, „ohne platt tagesaktuell zu tönen“, wurde jedenfalls nachahmenswert umgesetzt und in der angebotenen Nachbereitung auch noch entsprechend unterbaut.