Kirchheim. Mit rund 100 bis zum Ende des Jahres bereits fest vereinbarten Lesungen und einem Buch, das schon nach wenigen Absätzen so intensiv für sich spricht, dass man es eigentlich nicht mehr aus der Hand legen will, hatte Alex Capus bei seiner Lesung vor allem auch als Privatperson eine keinesfalls nieder aufgelegte Hürde zu überspringen.
Sibylle Mockler dürfte nicht allein gewesen sein in ihrem Urteil, dass er genauso offen und sympathisch ist, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Bei einer spontanen Unterschriftensammlung wäre diese Aussage garantiert mehrheitsfähig gewesen.
Der 1961 eher „zufallsbedingt“ in der Normandie geborene Schweizer Erfolgsautor ist und bleibt uneingeschränkt überzeugt davon, dass „jeder schreibt, wie er ist“ und konnte das in eigener Sache auch hinreichend belegen. Selten hat sich in der Reihe literarischer Begegnungen ein Autor so persönlich präsentiert wie Alex Capus. Statt die Chance zu nutzen, für die literarische Qualität seines ausliegenden und auf Wunsch auch handsignierten Buchs zu werben, erzählte er lieber erst einmal in anekdotischer Brillanz Interessantes und auch für ihn existentiell Wichtiges aus dem Leben seiner Mutter.
Aus generationenübergreifender Familientradition heraus war sie Grundschullehrerin gewordenen und hatte sich – der sprachlichen Weiterbildung wegen – von der Schweiz aus in ihrem Kleinwagen auf den langen Weg nach England gemacht, wo sie in Oxford einen Sprachkurs gebucht hatte. Nicht nur von einem überraschenden Regenschauer in Paris aufgehalten, blieb sie dort hängen, lernte in der Folge nie Englisch, brachte dafür aber „in biologischer Folgerichtigkeit“ neun Monate später – immer noch in Frankreich – einen Jungen zur Welt, dessen enge Bindung an Frankreich damit ungemein kurzweilig erklärt war.
Um tatsächlich mit Alex Capus auf gleicher Wellenlänge schwingen zu können, ist freilich ein gewisse Offenheit für Humor, Ironie und süffisante Schnoddrigkeit Grundvoraussetzung für eine wenn schon nicht sofort losbrechende Begeisterung, so doch immerhin tolerierende Akzeptanz seines gewählten Erzähltons.
Wer diese Vorgabe zu überspringen vermag, kann sich beruhigt zurücklehnen, sich nichts Wichtiges mehr vornehmen und sich stattdessen in die kurzweilige Geschichte einer trotz widrigster Bedingungen nie endenden, langwierigen Liebe vertiefen. Wie schwer die unerträgliche Leichtigkeit des Seins und wie vergnüglich eine fröhlich und munter daherkommende Erzählung von Liebe und Tod sein kann, machte der hemdsärmelige Autor unmissverständlich deutlich.
Der Schriftsteller Alex Capus ist sich völlig bewusst, dass „die Germanisten“ ihm am liebsten gute Noten vorenthalten würden, weil er sich partout nicht an die in ihren Elfenbeintürmen konsequent hochgehaltene goldene Regel hält, die geforderte Distanz zwischen Autor und Werk zu wahren. Dass ihn seine Leser vermutlich genau für die daraus resultierende Authentizität seiner –nicht ohne Grund – lebensechten Charakterstudien lieben, reicht ihm vollkommen.
Scheinbar mühelos gelingt es ihm auch, eine zauberhafte Liebesgeschichte voller Tragik, Verzicht und Getrenntsein zu entwickeln. Sein trauriges Märchen, das konturenscharf mit der unbarmherzigen Realität zweier Weltkriege verwoben und dabei teilweise nicht erfunden, sondern biografisch bestens belegt ist, bleibt bei aller Schwere im Ton federleicht und süffisant. Zugleich gelingt dem eloquenten Erzähler die schwierige Gratwanderung, nicht zu unverbindlich salopp sondern auch keinesfalls zu unausweichlich mitfühlend zu sein.
Bei einem Roman erst das Ende zu lesen, um dann vorne zu beginnen, ist ein völlig zu Recht streng geahndeter Tabubruch, den Alex Capus aber souverän instrumentalisiert. Gegen alle möglichen Bedenken verstoßend, führt er zunächst die teilweise schwer biografisch vorbelasteten Protagonisten bei einer respektlos und doch liebevoll geschilderten, real verbürgten Beerdigungsszene zusammen, um in auktorialem Plauderton über die charakteristischen Sonderlichkeiten der Mitglieder der Familie zu philosophieren.
Seine Lesung begann Alex Capus konsequenterweise mit dem grandiosen Auftritt der geheimnisvollen Louise Janvier, die bei der Begegnung am offenen Sarg der Trauergemeinde und den Lesern schon allein „durch den Klang ihrer kleinen, energischen Schritte und den harten Absätzen ihrer Stöckelschuhe“ deutlich macht, dass sie nicht zur Familie gehört. Nach diesem dramaturgisch geschickt inszenierten Auftakt entführt Alex Capus seine neugierig gemachten Leser in die unschuldige Jugendzeit von Léon und Louise.
Nachdem er am offenen Sarg den Klang der Fahrradklingel lautmalerisch vorgestellt hatte, spielt anschließend auch das Geräusch eines kratzenden Schutzblechs eine wichtige Rolle bei der ersten Begegnung zweier Menschen, die der Krieg fast um ihr Leben, nicht aber um ihre Liebe bringen konnte. Mögliche Sorgen, dass es vielleicht doch etwas zu sentimental werden könnte, hatte Alex Capus schon zu Beginn mit seiner bei aller Sensibilität begeistert gelebten Unernstigkeit zerstreut, als er Sibylle Mocklers Reihe berühmter Liebespaare wie „Daphnis und Chloe“, „Orpheus und Eurydike“ oder „Romeo und Julia“ respektlos um „Hänsel und Gretel“ erweiterte.
