Ralf Ginter zeigt im Kirchheimer Kornhaus seine Ausstellung „Panorama und Quadrat – Fotografien“
Unterschiedliche Sehgewohnheiten

Kirchheim. Es ist ein denkbar schlichter Titel, den der Esslinger Fotograf Ralf Ginter für seine aktuelle Ausstellung in der Städtischen Galerie im Kornhaus gewählt hat: ­Panorama und Quadrat. Er verweist auf


die beiden Formatqualitäten, in denen die Exponate ausschließlich gehalten sind, ebenso wie auf die je unterschiedlichen Sehgewohnheiten, die sie beim Betrachter zu aktivieren vermögen.

Lädt das Quadrat, das aufgrund seiner formalen Indifferenz per se hohe Ansprüche an Komposition und Bildaufbau stellt, eher zum meditativen Verweilen ein, fordern die schmalen Quer- und Hochformate der Pa­noramen zu einer dynamisch abtastenden Lesebewegung auf. Nüchtern kalkulierbare Parameter – Formate, Abmessungen, Proportionen – sind für den gelernten Architekten Ralf Ginter ebenso wichtig wie Fragen der technischen Umsetzung.

Bei aller Ratio mangelt es seinen Fotografien jedoch nicht an sinnlichem Gehalt. Auch verfängt er sich nicht in den Fußangeln medialer Selbstreferenz: seine Panoramen thematisieren nicht einfach die technische Machbarkeit extremer Weitwinkelaufnahmen, sie führen vielmehr genuin künstlerische Qualitäten vor Augen, indem sie teils hochmimetisch Realität abbilden, diese jedoch unter fotografisch veränderten Bedingungen des Sehens ins Bild setzt.

Hatte sich Ginter in den vergangenen Jahren insbesondere mit architektonischen Themen, auch der fotografischen Umsetzung von Innenräumen auseinandergesetzt, zeigt die Kirchheimer Ausstellung, dass nun der künstlerische Blick näher an das Motiv rückt. Formatfüllend steht das Interesse fürs Detail im Vordergrund.

In ihrer Einführung im Rahmen der Vernissage wies Kunsthistorikerin Dr. Susanne Lüdtke auf das Phänomen hin, dass sich so ein Wechsel in die Abstraktion vollzieht. Sie verwies dabei auf die hoch ästhetische malerische Anmutung und die filigranen, fast spinnennetzartigen grafischen Muster, die in Ginters quadratischen Arbeiten dem Betrachter assoziativ frei begegnen. Dass der Fotograf diese spannungsreichen Strukturen und Farbenspiele an gänzlich unspektakulären Orten aufgenommen hat, etwa an einem heruntergekommenen Wasserspeicher, spielt dabei keine Rolle.

Auch die Panoramen richten sich nicht mehr an fernen Horizonten aus, sie blicken senkrecht nach unten, zeigen kleine, aber opulente Ausschnitte geformter und bewirtschafteter Natur: die geäderte Anatomie dicht gepfropfter Kohlköpfe etwa oder die irisierende Dichte herbstlichen Ahornlaubs. Solche Einblicke generieren einen dezentralen Bildaufbau, in dem der Gegensatz von dynamischer Kleingliedrigkeit und kontemplativer Regelmäßigkeit letztlich zur Aufhebung gelangt.

Die Ausstellung „Ralf Ginter: ­Pa­norama und Quadrat – Fotografien“ ist bis einschließlich Sonntag, 13. April, im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus in Kirchheim zu sehen. Im Rahmen der Ausstellung findet am kommenden Sonntag, 23. März, um 19.30 Uhr ein Konzert mit dem Grevesmühl-Violinen-Duo statt. Auf dem Programm stehen unter anderem Werke von Mozart und Prokofieff.