Lenningen. Kennen die Lenninger Lotte Lesehr? Die expressionistische Malerin ist in ihrem Geburtsort Oberlenningen kaum mehr bekannt. Das mag an den Ereignissen in der langen Zeit zwischen ihrem Geburtsjahr 1908 und ihrem Tod 2003 liegen. Ohne Echo verhallte hier ihre Wiederentdeckung anlässlich ihres 100. Geburtstages, als landesweit über sie publiziert und im Kirchheimer Kornhaus, im Schloss Schramberg, im Biberacher Braith-Mali-Museum, in der Stuttgarter Staatsgalerie sowie in den Städtischen Galerien Böblingen und Rosenheim Bilder von ihr zu sehen waren und noch sind. Einige Ausstellungsbeteiligungen in München, Karlsruhe, Konstanz, Gera und Dresden, unter anderem mit „Menschenbildern von Otto Dix“, weisen auf ihren künstlerischen Rang. An die hier gebürtige Künstlerin sei jetzt an ihrem zehnten Todestag. am 4. Februar, erinnert. Ihr Sohn, der Stuttgarter Künstler Michael Lesehr zeigt sich darüber erfreut.
In ihrer Biografie spiegeln sich eindrücklich die Zeit- und Kunstgeschichte wider. Lotte war die älteste Tochter des Dr. Johann Otto Schneider und seiner Frau Elise Pauline Maria geborene Dick, einer Fabrikantentochter aus Heilbronn. Der Ingenieur Otto Schneider arbeitete einige Jahre bei der Papierfabrik Scheufelen. Die Oberlenninger Firma galt in der süddeutschen Wirtschaftsgeschichte um die Jahrhundertwende als ein innovatives erfolgreiches Unternehmen. Am 20. Mai 1908 kam Lotte auf die Welt und wurde am 5. Juli in der Sankt Martinskirche nach der Königin Charlotte getauft. Ein Jahr später wurde ihr Bruder Rudolf Immanuel geboren, der als junger Ingenieur nach Argentinien auswanderte. Ihre jüngere Schwester Else kann heuer ihren hundertsten Geburtstag feiern. Sie war Schauspielerin und Tänzerin, die bei der berühmten Mary Wigman, bei Tatjana Gsovsky und Harald Kreutzberg in Berlin Ausdruckstanz studierte. Sie lebt in Stuttgart bei Lottes Sohn Michael, der ebenfalls Künstler ist wie seine Eltern Lotte und Georg Lesehr, einem Bildhauer aus Oberschwaben.
Der Vater Otto Schneider, ab 1911/12 Besitzer der Maschinenfabrik Excelsior in Ludwigsburg, sorgte für die bestmögliche Ausbildung seiner Kinder. Lotte besuchte in Stuttgart das Königin-Katharinen-Stift, später das Mädchenpensionat in Bad Godesberg und in Kassel. Mit vierzehn Jahren habe sie bereits erstaunlich gute Bilder gemalt und konnte dank der Fürsprache ihrer musisch veranlagten Mutter an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart und Berlin und später nochmals in Stuttgart studieren. „Das Stuttgarter Kunstleben in der Weimarer Zeit war von außerordentlich lebendiger Aktivität geprägt . . . auch durch die Gründungen verschiedener Gruppen der Bildenden Künstler . . . Sie deuten auf die Vitalität und den weiten Horizont der Stadt in jenen Jahren hin“, schreibt die Biografin von Lesehr- Schneider, Ingrid von der Dollen.
„Ich verbinde mich mit dem Schicksal meiner Modelle“
Obwohl die Akademie ab 1933 auch parteipolitisch besetzt war, fand die junge Kunststudentin in dem österreichischen spätexpressionistischen Maler Anton Kolik einen „wunderbaren Lehrer“, und er nannte sie seine Meisterschülerin. Kolik hatte in Wien bei Gustav Klimt studiert und war befreundet mit Oskar Kokoschka und Egon Schiele. Die junge Studentin Lotte bekam also von der prägenden Kunst jener Epoche wesentliche Impulse und anspornende Energie.
Ihre Malerei und ihre Grafiken werden wegen der künstlerischen Gestaltungskraft dem Expressionismus zugeordnet. Diese ausdrucksstarke Kunst zeigt das Leben nicht bequem und lieblich, sondern unruhig, herausfordernd, manchmal bereits das Grauen vorausahnend, schließlich verdrängt, verbannt und oft verbrannt oder vernichtet. Die großen Gefühle – Liebe und Trauer, Verlust und Enttäuschung, Krankheit und Verlassenheit, Barmherzigkeit und Todesangst – erfasste die Malerin Lesehr mit magischer Anziehungskraft und zeichnete einfache, dem Schicksal ergebene Menschen: „Wenn ich das Gesicht eines Menschen male oder zeichne, so verbinde ich mich mit seinem Schicksal; seine Herkunft konzentriert sich im Gesichtsausdruck, in der körperlichen Haltung. Beim Nachspüren der Gesichtsform, der Falten, dem Augenausdruck entsteht der erlebte Strich“. Sie malte und zeichnete mit Kohle im Stil expressiver Gegenständlichkeit: Sie erfasste Menschenschicksale, die sich im Gesicht widerspiegeln, die Lebenserfahrung alter Menschen, die Weitsicht kluger Menschen oder auch die Welt psychisch kranker Patienten im Stuttgarter Bürgerhospital.
Während heute Sonderausstellungen mit Werken der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“ Besucherströme anziehen, entdecken jetzt Kunsthistoriker auch wieder vor allem Malerinnen dieser Epoche. Die Autorin der Reihe „Expressiver Realismus – Bildkunst der verschollenen Generation“, Ingrid von der Dollen sieht in Lotte Lesehr eine der Malerinnen des 20. Jahrhunderts, deren Werke nicht nur durch Kriegszerstörung verloren gegangen sind, sondern auch eine der Frauen, die ihre künstlerische Verwirklichung nicht leben konnte. Zum einen beachtete man deren Kunst weniger, zum anderen brachte die Rolle in und für die Familie traditionelle Zwänge, denen sie ihre Begabung unterordnete. Denn nach Lottes Heirat mit Georg Lesehr im Jahr 1938, dem Umzug nach Biberach und der Geburt des Sohnes Michael banden sie die gesellschaftlichen Normen in diese konventionellen Verpflichtungen. Ähnlich war es bekanntlich der musisch begabten Alma Mahler eine Generation früher ergangen.
Lotte Lesehr stand jedoch im Kontakt mit befreundeten Malerkolleginnen und verhalf zwei Künstlerinnen während des Naziregimes zur Emigration nach Amerika, während andere ihrer Kolleginnen im KZ umgekommen sind. Am Ende des Krieges wurde das Biberacher Haus zerbombt und damit zahlreiche ihrer Bilder vernichtet.
Erst in den 1960er-Jahren begann Lotte Lesehr-Schneider wieder zu malen; die gegenstandslose Nachkriegskunst konnte sie nicht motivieren. Sie blieb ihrem Interesse an der Darstellung der Menschen treu, „doch ist ihr Spätwerk nicht sehr umfangreich“, schreibt Ingrid von der Dollen in dem biografischen Bildband „Lotte Lesehr-Schneider 1908–2003 – Vom Wesen des Menschlichen“. Im Vorwort stellte Ulrike Gauss, die ehemalige Leiterin der grafischen Abteilung der Stuttgarter Staatsgalerie, gar „das Werk von Lotte Lesehr in seiner schonungslosen Drastik und der ihr eigenen realistischen Stilsicherheit neben das Œuvre ihrer künstlerischen Zeitgenossen wie Käthe Kollwitz und Otto Dix“, – freilich ohne dessen manchmal beißenden Zynismus, der seine gesellschaftskritischen Gemälde charakterisiert.
Ingrid von der Dollen: Malerinnen im 20. Jahrhundert. Bildkunst der „verschollenen Generation“. Geburtsjahrgänge 1890–1910, München, 2000
Stuttgarter Zeitung und Schwarzwälder Bote 2008
