Esslingen. Auf der ersten Kreis-Gesundheitskonferenz vor zwei Jahren ging es um den drohenden Mangel an Hausärzten. Die Zwischenbilanz von Walter Kontner, Chef des Gesundheitsamtes, war jedoch kaum mehr als eine kommentierte Liste der vor zwei Jahren aufgestellten Forderungen. Die neuen Zahlen zum Versorgungsgrad, jetzt in vier Kreiszonen aufgeteilt, stifteten eher Verwirrung. Kontner: „Wir sind bei dem Thema noch nicht durch.“
Entlassmanagement gebe es in den Kliniken bereits, leitete Kontner ins aktuelle Thema ein, er sei zudem angenehm überrascht, wie viele ehrenamtliche Initiativen es bereits gebe. Vorstellen durfte sich die Aktion „BesTE Genesung zu Hause“ aus Kirchheim – BesTE steht dabei für Bürgerengagement schafft Teilhabe. Als Ergänzung zum Klinikbesuchsdienst der „Grünen Damen und Herren“ kümmern sich die Ehrenamtlichen um allein lebende Personen, die gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Es wird keine pflegende oder hauswirtschaftliche Hilfe geleistet. Mit „offenen Augen, Ohren und Herzen“ sollen die frisch Entlassenen aufgemuntert werden, berichtet Koordinatorin Monique Kranz-Janssen. Bei Bedarf schauen die Helfer, dass die Wohnung bei Entlassung beheizt ist, der Kühlschrank voll und die Medikamente im Haus. Die Helfer sind jetzt geschult worden, im Dezember gehen sie an den Start. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet.
Die „BesTen“ aus Kirchheim könnten das Problem allenfalls mildern, das der Arzt Ernst Bühler, Medizincontroller der Kreiskliniken, beschrieb. Eine 85-jährige Frau wird nach einem schweren Sturz entlassen, weil sie „nur“ Prellungen“ hat. Wegen ihrer Schmerzen traut sie sich aber nicht, sich zu bewegen. Allein leben und den Haushalt führen, daran ist nicht zu denken. Die Angehörigen sind in Panik. Mit der Oma ins Pflegeheim? Und wer bezahlt?
Bühler fordert strukturelle Änderungen. Der Klinikarzt habe derzeit keine Möglichkeit, die Frau länger zu behalten. Eigentlich hätte er sie gar nicht aufnehmen dürfen, weil sie nichts gebrochen hatte. Der Medizinische Dienst streiche deshalb sogar die Bezahlung von drei von vier Kliniktagen. Sinnvoll wäre eine geriatrische Reha und später eine ambulante Rehabilitation, sagt Bühler, „aber die Umsetzung des Geriatriekonzepts in Baden-Württemberg ist in die Hose gegangen“.
Um zu vermeiden, dass weiterhin 20 Prozent dieser Patienten nach 30 Tagen erneut im Krankenhaus landen, sei eine vorausschauende Planung notwendig. Das beginne bei der Aufnahme in der Klinik, bei der die vorhandene geriatrische Checkliste angewendet werden müsste. Angehörige müssten schon in der Klinik beraten werden. Statt Entlassmanagement seien ein Versorgungsmanagement und verbindliche Kooperationsstrukturen notwendig. Darauf hätten die Versicherten seit vielen Jahren einen gesetzlichen Anspruch. Auch die Krankenkassen seien dazu verpflichtet.
Renate Fischer, Altenhilfefachberaterin des Landkreises, kann sich vorstellen, dass die sieben Pflegestützpunkte und 37 kommunalen Anlaufstellen eine wichtigere Rolle bei der Patientenbegleitung spielen. Allerdings hätten nicht alle Mitarbeiter für ihre neue Aufgabe ein Extra-Zeitkontingent erhalten. Die Besucher der Gesundheitskonferenz führten noch manche Probleme an: Patienten, die ohne Rezept die Klinik verlassen, abgelehnte Reha-Anträge, Bürokratie statt Kommunikation. Alles nur der Gesellschaft zu übertragen, war Gisela Rehfeld, Geschäftsführerin des Altenhilfeträgers DfM, zu wenig: Jeder Einzelne trage die Verantwortung, sich auf eine Notfallsituation vorzubereiten.