Impulsveranstaltung im Henninger-Saal der Kreissparkasse zu konstruktivem Austausch
„Verteidigen Sie die Urbanität “

„Innenstadt Kirchheim – miteinander wohnen, arbeiten, leben“. Unter diesem Titel lud die Stadtverwaltung zu einer Impulsveranstaltung in den Henninger-Saal der Kreissparkasse ein.

Kirchheim. Die Interessen von Händlern, Anwohnern und Besuchern unter einen Hut zu bringen, gleicht nicht nur in Kirchheims Innenstadt der Quadratur des Kreises. „Wir wollen einen vielleicht ungewöhnlichen Weg gehen zu einem verträglichen Miteinander“, kündig­te Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker an. Wie in anderen Städten, gibt es auch in Kirchheim immer wieder Reibungspunkte. Was die Anwohner auf die Barrikaden treibt, sind insbesondere bis in die frühen Morgenstunden andauernde, häufig von Vandalismus begleitete Ruhestörungen.

Ausgehend von einem im Rathaus in Siena hängenden Fresko des italienischen Malers Ambrogio Lorenzetti­ aus dem Jahr 1338, beschrieb die Rathauschefin das für sie wegweisende Bild einer lebendigen Innenstadt, in der Handel getrieben und Kommunikation großgeschrieben wird. Angelika Matt-Heidecker rief in Erinnerung, was die Stadt Kirchheim bereits unternommen hat, um den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden: Sie nannte die Umwandlung der Turmstraße in eine Fußgängerzone ebenso wie die Bemühungen um mehr Sauberkeit und das Vorziehen der Sperrstunde für Biergärten. „Damit wollten wir den Bürgern zeigen, wir wissen um ihre Nöte“, erklärte die Oberbürgermeisterin. Die Stadt sei in einem sehr guten Dialog mit den Gastronomen.

Sorgen machen Angelika Matt-Heidecker indes nächtliche Gelage auf dem Rollschuhplatz. „Es gibt viele Jugendliche, die unter der Woche in der Schule oder im Beruf ihre Leis­tung bringen und sich am Wochenende betrinken“, konstatierte sie. Hier müsse nach den Ursachen geforscht werden.

Bürgermeister Günter Riemer kam nach einer knappen Bestandsaufnahme zu dem Schluss, dass die Rahmenbedingungen der Innenstadt stimmen. Seit dem S-Bahn-Anschluss 2009 sei der ÖPNV insgesamt ausgebaut worden. Es gebe ausreichend Tiefgaragen, Parkplätze und neuerdings einen durchgehenden Taxistand vor der Kreissparkasse. Zudem verwies er auf eine verstärkte Präsenz des Vollzugsdienstes. „Mit der nächs­ten Postkartenaktion wollen wir etwas gegen die Radler in der Fußgängerzone unternehmen“, sprach Riemer ein weiteres leidiges Thema an. Ebenfalls ein Dorn im Auge ist der Stadtverwaltung das verstärkte Anbringen von Aufklebern und Plakaten.

Unter der Überschrift „Heute und morgen – wem gehört die Innenstadt?“, beleuchtete der in Berlin lebende Sozialwissenschaftler und Autor, Dr. Konrad Hummel, die Kirchheimer Innenstadt, die er noch aus seiner Jugend kannte. „Sie ist herausgeputzt und erfolgreich saniert. Verteidigen Sie nicht Häuser, sondern die Urbanität – die Vielfalt.“ Wie sich zeige, seien europäische Städte fragile Gebilde mit einem komplizierten Gleichgewicht. Als Negativbeispiele nannte er Neapel mit „Gated Communities“ – abgeschotteten Wohngegenden für Reiche – Straßburg mit brennenden Vororten, und Hoyerswerda, wo seit den rassistischen Anschlägen niemand mehr hinziehen wolle. „Eine Stadt muss auf die drohende Absetzung von Gruppen reagieren und die Teilhabe der Bürger ermöglichen“, lautete eine Forderung des Referenten. In der Hoffnung auf Arbeit und Urbanität zögen viele Menschen wieder in die Innenstädte. Anders als noch vor 30 Jahren hätten auch in Kirchheim viele Kinder inzwischen einen Migrationshintergrund. Standen früher unter anderem Verkehrsfragen im Mittelpunkt, seien die Städte heute mit Wohlstandsproblemen wie Sucht und Vandalismus sowie demografischen Problemen konfrontiert. „Jede Generation formuliert ihre Schwierigkeiten in einer anderen Sprache“, betonte Hummel. Alkohol gehöre zu den Ritualen der bis zu 30-jährigen „Jugendlichen“, auf die heute großer Druck ausgeübt werde. Das Schulsystem fordere von den Heranwachsenden immer mehr Leis­tung ab. Im Berufsleben angekommen, bekämen sie lediglich befristete Verträge. Am Wochenende über die Stränge zu schlagen, sei eine Art Ventil. „Das ist eine neue Form des Aussteigens“, so Hummel.

Unter der Voraussetzung, dass man sich kenne, könne man Jugendlichen beispielsweise selbstverwaltete Räume geben oder Ruhe- und Lärmzonen schaffen. Notwendig sei, soziale Toleranz zu üben und Provokationen nicht auszuweichen. Der Sozialwissenschaftler plädierte für gemischte Wohngebiete, Kindergärten und Schulen und forderte das Engagement der Elite. „Wir müssen nicht nur über bauliche und ordnungspolitische Maßnahmen nachdenken, sondern auch über Dialogformen.“ Oft habe man es mit Gruppen zu tun, die einem fremd seien. Für ein gedeihliches Zusammenleben müsse man wissen, was den Menschen wertvoll sei.

Im Anschluss trugen die Zuhörer, überwiegend Bewohner und Geschäftsleute der Innenstadt, zusammen, was für sie in der Kirchheimer Innenstadt wichtig ist und wie Gutes verstärkt werden kann. Dabei fielen Begriffe wie Handel, Gastronomie und historische Orte genauso wie Zivilcourage, Akzeptanz und Toleranz gegenüber Jugendlichen. Wert gelegt wird aber auch auf Nachtruhe, Sauberkeit und Sicherheit. Verstärkte Polizeikontrollen wurden ebenso eingefordert wie das Aufstellen eines Müllcontainers auf dem Rollschuhplatz beziehungsweise eine Reinigung des Areals auch sonntags. Ein Redner gab der Hoffnung Ausdruck, dass die Lärmbeläs­tigung in der Innenstadt mit der Umgestaltung des Ficker-Areals nachlassen wird.

Die Anregungen möchte Angelika Matt-Heidecker in verschiedene Gremien wie den Wirtschaftsbeirat, die Arbeitsgemeinschaft „kommunale Kriminalprävention“ sowie „Jugend und Gemeinwesen“ mitnehmen.

„Wir leben in einer fantastischen Stadt, die zum Nutzen aller sein sollte“, betonte Angelika Matt-Heidecker und forderte dazu auf, sich in den Prozess einzubringen, „damit wir einen anderen, Kirchheimer Weg gehen können“. Ihr ist auch wichtig, die Jugendlichen, die an diesem Abend weitgehend fehlten, in den Dialog einzubinden. Auch soll es weitere abendliche Veranstaltungen geben.