Kirchheim. Die Erwartungen des Publikums waren groß, als das knapp 30-köpfige Akkordeonorchester unter der Leitung von Claudia Petrow auf der Bühne Platz nahm. In monatelanger Probenarbeit, ergänzt durch drei zusätzliche Probentage, hatten sich die Musiker vorbereitet.
Mit der mehrteiligen Popsuite „La Storia“ von Jacob de Haan wurde sofort klargestellt, dass an diesem Abend moderne Melodien in stimmigen Arrangements mit kernigen Rhythmen vorherrschen würden. Dennoch sollte den Zuhörern einiges mehr als gefällige Unterhaltungsmusik geboten werden. Der argentinische Tango „Revirado“ von Astor Piazzolla war eine akustische Herausforderung und sorgte anstelle von flacher Harmonie für rhythmische und melodische Überraschungen.
In sanftem Moll ging es mit „Windmills of Your Mind“ weiter, der bekannten Filmmusik zu „Thomas Crown“ von 1968. Verspielt gestaltete sich der Swing-Fox „Slapstick“ von Hans-Günther Kölz, bei dem Rainer Lay die schwierige Solostimme mit der gewünschten Gelassenheit zum Klingen brachte. Das probenintensivste Stück und damit Höhepunkt des Auftritts war eine Melodienfolge aus dem Musical „Rocky“ in einer Bearbeitung von Hans-Günther Kölz. Von Ansager Harald Petrow mit dem Tonfall eines Boxkampfmoderators angekündigt, gestaltete es sich mit filigranen Passagen, Klavierkadenzen und einem rockigen Schlussteil sehr spannungsreich. Zum mexikanischen „Sway“, arrangiert von Wolfgang Ruß, entlockte Rainer Jung seinem Saxofon eine unter die Haut gehende Solostimme, während das Orchester den Mambo mit viel Rhythmusgefühl untermalte. Beim rassigen „Brazil“ leisteten Tim Eisele und Jannik Reimann an Drumset und Percussions ganze Arbeit, um den Samba zum Klingen zu bringen. Nach diesem Auftritt auf hohem musikalischem Niveau mit Fingerfertigkeit und unumstößlicher Rhythmussicherheit war die Begeisterung im Publikum so groß, dass das Orchester dessen Applaus mit einer Zugabe belohnte.
Nach der Pause nahm der 21-jährige Solist Matthias Matzke mit seinem Hohner Funflash-Akkordeon auf der Bühne Platz. Vom Ersten Vorsitzenden Holger Reusch als Ausnahmetalent mit einer großen Portion Fleiß und Disziplin angekündigt, begann er seinen Vortrag mit einem sehr einfachen kleinen Lied, nur um nach wenigen Takten mit schelmischem Blick eine Augenbraue hinaufzuziehen und dann seinen flinken Fingern freien Lauf zu lassen. Sofort hatte der sympathische junge Mann die Herzen des Publikums gewonnen. In atemberaubender Geschwindigkeit brachte er die französische Schnellpolka zum Abschluss und erntete den ersten tosenden Applaus. Weiter ging es mit ähnlich temporeicher Kost, wobei der Musiker nicht vergaß, eine große Portion Ausdrucksstärke in seinen Vortrag zu legen. Einen ganz besonderen Effekt erzielte er bei Jazztiteln, indem er mit der rechten Hand Percussioneinlagen auf Verdeck und Balg seines Instrumentes einarbeitete. Auch beim ruhigen „Il Postino“ des argentinischen Filmkomponisten Luis Bacalov mit einer Melodie zum Dahinträumen konnte er mit großer Hingabe das Publikum in seinen Bann ziehen.
Dann wechselte er das Instrument und erklärte die Besonderheiten seines Roland V-Akkordeons. Dieses sieht zwar aus wie ein Akkordeon, doch in seinem Inneren versteckt es anstelle von Stimmzungen eine geballte Ladung an Elektronik, die mit verschiedenen Knöpfen und durch Kinnregister bedient wird. Als erste Kostprobe ließ er „Coupe“ von Hans-Günther Kölz erklingen. Synthesizerklänge mit der Fülle einer ganzen Band durchströmten die Halle. Trotz aller virtueller Klangmöglichkeiten war jeder einzelne Ton durch ihn selbst gespielt worden. Zu „Don’t Be That Way“ von Benny Goodman wählte er für die Melodie zunächst den Klang einer Klarinette. Mit verschmitztem Grinsen beobachtete er die Reaktion des Publikums, als er immer neue Blas- und Saiteninstrumente zum Erklingen brachte. Nachdem jeder im Saal mit den scheinbar unendlichen Möglichkeiten dieses elektronischen Instrumentes vertraut war, trug er noch einen rassigen Tango und eine französische Schnellpolka vor, bei denen neben den wechselnden Klangfarben auch wieder seine flinken Finger Bewunderung fanden. Absoluter Höhepunkt war schließlich die Filmmusik zu „Fluch der Karibik“, die das Kirchheimer Akkordeonorchester vor wenigen Jahren mit voller Orchesterfülle aufgeführt hatte. Doch Matthias Matzke genügte sein V-Akkordeon, um denselben umwerfenden Effekt zu erzielen. Nach einem kaum enden wollenden Applaus beschenkte er das begeisterte Publikum noch mit einer Zugabe, bevor er sich von der Bühne verabschiedete, um im Foyer Autogramme zu geben und sich den interessierten Fragen seiner neuen Anhänger zu stellen. sr
