Kirchheim. Das Jahr 1733 bescherte der Musikwelt nicht nur Bachs h-Moll-Messe, im selben Jahr legte auch Georg Philipp Telemann seine „Tafelmusik“ der Öffentlichkeit vor.
Als Gesamtes betrachtet besteht Telemanns Sammlung aus drei gleich aufgebauten Teilen – im Druck werden sie „Productionen“ genannt – mit jeweils sechs Einzelwerken: Suite mit einleitender französischer Ouvertüre und mehreren Tanzsätzen, Quartett mit drei Solostimmen und Basso continuo, Konzert mit mehreren Soloinstrumenten, Trio, Solo und den als „Conclusion“ betitelten Finalen. Somit sind in diesem Konvolut die wichtigsten instrumentalen Gattungen der damaligen Zeit vertreten, Orchester- und Kammermusik stehen austariert nebeneinander.
Im Rahmen ihres Gastspiels in der Kirchheimer Stadthalle versuchten die „Kammersolisten Minsk“ mit Auszügen aus der „Tafelmusik“, die Architektur dieses Telemannschen Opus magnum erfahrbar zu machen. Ein glanzvoller Auftakt in orchestraler Besetzung gelang dem Ensemble mit der e-Moll-Suite für zwei Flöten, Streicher und Basso continuo aus dem ersten Teil der Sammlung.
Unter Dmitri Subow, der die Musiker vom Cembalo aus leitete, entfaltete das Minsker Ensemble eine ausgeglichene und differenzierungsfähige Klangkultur. Trotz der teils recht forcierten Temponahme in den schnellen Sätzen – ein Charakteristikum des Ensembles, das den Abend über mehrfach zu erleben war – wahrten die Künstler Präzision im Zusammenspiel und Nuancenreichtum der Artikulation und überzeugten insbesondere in kantablen Abschnitten als variable Gestalter auch kleingliedriger Details.
Zweifellos lebte der Kirchheimer Auftritt in hohem Maße vom beachtlichen solistischen Potenzial der weißrussischen Musiker. Hatten in der einleitenden Suite bereits Marija Kalesnikowa und Galina Matjukowa an den Traversflöten technische Souveränität und großes künstlerisches Einfühlungsvermögen bewiesen, stellten sich im anschließenden Quartett für Flöte, Violine, Cello und Basso continuo e-Moll aus dem dritten Teil der „Tafelmusik“ noch Juri und Violetta German mit ihrer kultivierten, klangsinnlichen Näherung an Telemann zur Seite.
Diesem durchweg hohen Niveau der historischen Musizierpraxis blieben die Minsker Kammersolisten auch in der zweiten Programmhälfte verpflichtet. Hier erklangen das Quartett für Blockflöte, zwei Traversflöten und Basso continuo d-Moll aus der zweiten „Production“, sowie das Konzert für Flöte, Violine, Streicher und Basso continuo A-Dur aus dem ersten Teil der Tafelmusik.
Höchst eindrucksvoll, wie sich während des d-Moll-Quartetts die Flötistinnen Kalesnikowa und Matjukowa gemeinsam mit ihrem musikalischen Gast Hans-Joachim Fuss an der Blockflöte in virtuosem Wettstreit die Bälle zuwerfen, ihre Stimmen zugleich zu einem lebendig pulsierenden Klangkontinuum verschmelzen ließen.
In seinem auftrumpfenden, feierlichen Gestus rundete das abschließende A-Dur-Konzert die klug gestaltete Programmfolge auch unter dem Gesichtspunkt der auskomponierten Vielfalt barocker Affekte ab. Spannt sich im Gesamten der Tafelmusik der Bogen von fröhlicher Ausgelassenheit bis zu Melancholie und herber Strenge – etwa beim Quartett des dritten Teils – gelang es den Kammersolisten Minsk, im Laufe des Konzertabends eine repräsentative Bandbreite dieses reichen Affektgehalts erfahrbar zu machen.
Viel mehr kann man eigentlich nicht verlangen. So dachte wohl auch das Kirchheimer Publikum, das den Minsker Kammersolisten mit begeistertem Applaus dankte und eine konzertante Zugabe einforderte.
