Die Theater-AG des Schlossgymnasiums hat großen Erfolg mit ihrem selbstgeschriebenen Stück „Heil Swing“
„Volksschädlinge“ erleben Freiheit in der Musik

Von Bertolt Brecht hat sich die Theater-AG des Schlossgymnasiums unter der Leitung von Bernd Löffler inspirieren lassen und ein eigenes Stück geschrieben über die Swing-Jugend im „Dritten Reich“.

Kirchheim. 
Mitten im Stück wird Brecht sogar zitiert: mit der Szene „Der Spitzel“ aus dem Theaterstück „Furcht und Elend des Dritten Reiches“. Aus dramaturgischen Gründen war es am Schlossgymnasium nicht der Sohn, sondern die Tochter, vor der die Eltern eine unglaubliche Angst entwickeln: Sie fürchten, das Kind könnte ihre kritischen Äußerungen über den Staat und das Regime nach außen tragen. Und das würde Gefahr für Leib und Leben bedeuten. Selbst als die Tochter zurückkommt und tatsächlich nur Schokolade gekauft hat, gibt es für die Eltern keine Erleichterung. Sofort stellen sie sich gegenseitig die Frage: „Meinst du, sie sagt die Wahrheit?“

Diese Szene allein genügt, um überzeugend darzustellen, wieviel an „Furcht und Elend“ während der Naziherrschaft über große Teile der Bevölkerung kam. Denn nicht nur Eltern haben in dem aktuellen Stück der Theater-AG Angst vor ihren Kindern, sondern auch Kinder vor ihren Eltern. Da ist zum Beispiel Marianne, eine begeisterte Swing-Tänzerin wie alle ihre Freunde. Aber ihr Vater ist Gestapo-Offizier und darf natürlich nichts von ihrem Freizeitvergnügen erfahren. Als Marianne bei einer Razzia verhaftet wird, lässt der Vater die ganze Gruppe sofort wieder frei und sagt zu seinem verblüfften Untergebenen: „Die Kinder haben nichts getan.“

Aus heutiger Sicht haben sie natürlich nichts getan. Deshalb fragt auch die Enkelin in der Rahmenhandlung ihre Großmutter Anna, was denn am Swing so schlimm gewesen sein konnte: „Das ist doch nur eine Musikrichtung.“ Im Stück selbst zeigt sich aber, dass der Swing für die jungen Menschen viel mehr bedeutete als nur Musik. Er bedeutete Freiheit – Freiheit von allen sonstigen Zwängen, wie sie die staatlichen Jugendorganisation HJ und BDM mit sich bringen konnten. „Ich habe mich noch nie so frei gefühlt“, sagt Frank deshalb zu seinem empörten Vater, der ihn beim Mittagessen zur Rede stellt.

Bei den beiden Verhören, die in dem Stück „Heil Swing“ dargestellt werden, sagt der Gestapo-Offizier mehr als deutlich, was die Staatsmacht vom Swing hält: Im damaligen Jargon spricht er von „Negertänzen und -musik“. Die Swing-Jugend besteht aus lauter „Volksverrätern“, deren „aufmüpfiges Verhalten“ der Staat nicht tolerieren kann. Beim zweiten Verhör, bei dem allein Frank vernommen wird, geht es noch wesentlich handfester zur Sache. Mit einem Regietrick werden die Prügel auf offener Bühne angedeutet: Immer, wenn das Licht wieder angeht, krümmt sich Frank noch ein bisschen stärker, irgendwann fließt ihm auch Blut aus dem Mund. Vorgeworfen wird ihm, dass er ein Flugblatt der „Weißen Rose“ bei sich trug. „Wer dieses Flugblatt besitzt, ist ein Volksschädling und gehört ausgerottet“, sagt der Offizier.

Prompt verschwindet Frank für viele Monate im Jugendschutzlager. Und nicht einmal sein Vater, ein einflussreicher Industrieller, kann ihm helfen. Im Gegenteil, durch Franks „aufmüpfiges Verhalten“ steht der Vater vor dem wirtschaftlichen Ruin. Klar und deutlich sagt der Offizier, für den seine eigene Tochter Marianne nur von anderen subversiven Elementen „reingezogen“ wurde, zu Frank: „Ich sorge dafür, dass dein Vater keine Parteiaufträge mehr bekommt.“

Gefährlich sind in diesem Stück irgendwie alle, zumindest potenziell: Da gibt es das Jungmädel, das die weibliche Hauptfigur Thea bei der Gruppenführerin anschwärzt und dafür auch noch Lob wegen vorbildlicher Kameradschaft erhält. Da gibt es die Bedienung im Café von Erichs Mutter, die Gespräche belauscht und anschließend den neuen Tanztreff telefonisch der Gestapo verrät.

Schließlich werden selbst die besten Freunde

versehentlich zur Gefahr: Weil Thea sich nicht entscheiden kann zwischen Frank, der das Lager möglicherweise nicht mehr lebend verlassen wird, und dem gemeinsamen besten Freund Erich, wird Erich besonders ungestüm und fordernd. Thea flieht vor ihm und kommt dabei durch einen Fahrradunfall ums Leben. Zunächst einmal ist man als Zuschauer ratlos, dass es bei der ganzen politischen Brisanz ausgerechnet ein banaler Verkehrsunfall sein muss, an dem Thea stirbt. Aber gerade darin zeigt sich, wie trivial Tragik mitunter daherkommt – selbst in einem furchtbaren Unrechtsstaat.

Der Titel „Heil Swing“ wirkt heute möglicherweise unerhört wegen der Verwendung von Nazi-Jargon. Während des „Dritten Reichs“ allerdings war dieser Gruß – den die Swing-Jugend tatsächlich verwendete – noch sehr viel unerhörter, wegen der Verunglimpfung des Grußworts „Heil“ und wegen des Spotts im Ruf „Swing Heil“ anstelle eines staatlich geforderten „Sieg Heil“. Im Stück wird das „Heil Swing“ sogar zum Menetekel an einer Zellenwand, das die Machthaber nicht beseitigen können.

Die Leistung der Theater-AG besteht indessen nicht nur darin, die collagenartig zusammengestellten und durchaus auch heiteren Szenen zu einem düsteren Kapitel deutscher Geschichte selbst ausgearbeitet zu haben. Auch nach einer deutlichen Verjüngung der Truppe bestechen die Theaterleute des Schlossgymnasiums nach wie vor durch hervorragende Schauspieler- und Ensembleleistungen. Nicht zuletzt mussten dieses Mal alle auch noch tanzen, was ihnen in mitreißenden Szenen vor zwei Mal „ausverkauftem“ Haus mehr als gut gelungen ist. Stimmig bis ins Detail waren Frisuren, Kostüme und Requisiten – von den Möbeln über das Fahrrad bis hin zum Grammophon.

Besonders gelungen war die Verbindung zur Musik. Die Musik an beiden Abenden kam von der großartigen Big Band des Schlossgymnasiums unter der Leitung von Jochen Scheytt. Auch wenn sich die Musiker im Hintergrund hielten, waren sie doch ein integraler Bestandteil des Theaterstücks und wurden folgerichtig bei der Razzia auch mit abgeführt. Die Verbindung von Theater-AG und Big Band macht trotz aller beängstigenden Einblicke in einen diktatorischen Alltag Lust auf mehr „Musikstücke“.