Überzeugendes Kulturring-Finale in der Stadthalle mit Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“
Vom Ideal ewiger Jugend

Kirchheim. In die „Welt der Reichen, Schönen und der ganz schön Reichen“ entführte BLB-Intendant Carsten Ramm beim jüngsten Gastspiel der Badischen Landesbühne


Bruchsal (BLB) das Stadthallen-Publikum. Mit der gefälligen Inszenierung eines einstigen „Skandalstücks“ sorgte das BLB-Ensemble für einen gelungenen Ausklang des aktuellen Theater-Abonnements des Kulturrings.

Auf dem Programm stand mit Oscar Wildes erstem und einzigem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ ein Stoff, der dem 1854 in Dublin geborenen Schriftstelle trotz seiner anerkannten Qualität einst nicht nur literarischen Ruhm eingebracht hatte.

Die „anrüchigen Passagen“ des 1891 veröffentlichten Romans sorgten nicht zuletzt wegen der unterstellten autobiografischen Bezüge für Diskussionen und Verrisse durch empörte Kritiker, die auch vor der Person des allein schon durch sein exzentrisches Erscheinungsbild polarisierenden Provokateurs nicht zurückschreckten. Ein von Oscar Wilde angestrebter Prozess gegen einen streitbaren Vertreter des Adelsstandes machte ihn schnell vom Kläger zum Angeklagten und löste im prüden viktorianischen England einen gesellschaftlichen Skandal aus, der den unaufhaltsamen Abstieg des berühmten Schriftstellers zur Folge hatte. Nach einem Aufsehen erregenden Prozess wegen Unzucht wurde Oscar Wilde schließlich zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

In Carsten Ramms moderner Inszenierung wurde Oscar Wildes lebenslange Auseinandersetzung mit Schönheit und Vergänglichkeit, Jugendwahn und Selbstverliebtheit nicht mit aktuellsten Zeiten kontrastiert, in der die Botox-Industrie boomt, angebliche Schönheit und vermeintliche Jugendlichkeit immer öfter mit operativen Mitteln verlängert werden und der Trend zu per Smartphone geknipsten unzähligen Selbstporträts – den sogenannten „Selfies“ – inzwischen fragwürdige narzisstische Ausmaße angenommen hat.

Hennes Holz, der für die musikalische Einrichtung der stimmigen Oscar-Wilde-Produktion der Badischen Landesbühne Bruchsal verantwortlich zeichnet, verortet es zeitlich – mit Einspielungen von „Hey Joe“ von Jimi Hendrix, „Sympathy for the Devil“ und „Time is on my side“ von den Rolling Stones sowie „Behind Blue Eyes“ von den Birds – im Mief und in der Spießigkeit der späten 60er-Jahre. Das musikalisch verbürgte Zeitfenster liegt damit ziemlich genau am Wendepunkt zu den wilden und revolutionären Zeiten der sexuellen Befreiung durch eine zum Marsch durch die Institutionen aufgestellten 68-er Generation.

Die gut gewählten Kostüme von Kerstin Oelker tragen bei der Produktion ein Übriges dazu bei, das Selbstverständnis dieser entscheidenden Epoche zu transportieren. Zudem gibt die maßvoll modernisierte Inszenierung von Intendant Carsten Ramm den Darstellern genügend Gelegenheit, durch eindrucksvolles tänzerisches Talent zu brillieren und den Zeitgeist zusätzlich spielerisch zu vermitteln.

Zunächst erfahren die Zuschauer aber aus treffsicheren Dialogen und zusätzlichen Erläuterungen eines Erzählers, worum es bei diesem Stück um Jugendwahn und unsterbliche Jugend eigentlich geht. Der Künstler Basil Hallward (Matthias Hinz) hat ein großformatiges Porträt von solcher Meisterschaft und Perfektion geschaffen, dass selbst der Zyniker und Mann des Wortes, Lord Henry Wotton (Mehdi Moinzadeh) geradezu sprachlos macht vor grenzenloser Begeisterung. Auch wenn der ängstliche Künstler fürchtet, dass dieses Bild viel zu viel über ihn selbst verrät, will Henry unbedingt den so begehrenswert porträtierten Dorian Gray (Ole Xylander) kennenlernen.

Der Müßiggänger und Bohemien Henry, der Dinge und Menschen nur nach ihrem Äußeren, nicht aber nach ihrem inneren Wert beurteilt, stimmt sofort das Hohelied der Jugend an und rät dem Verführungen aufgeschlossenen, naiven Schönling Dorian, unbe-dingt die zeitlich begrenzte Macht seiner Jugend in vollen Zügen zu nutzen und keine der Gelegenheiten verstreichen zu lassen, die ihm derzeit gerade noch so großzügig gewährt werden.

Dorian Gray weiß um die Gefahren, die seine vergängliche Schönheit in sich birgt, und würde daher seine Seele dafür geben, wenn nicht er selbst, sondern das perfekte Abbild seiner jugendlichen Kraft und Verführbarkeit altern würde. Seine ungestüme Begeisterung für das vielseitige Talent der von ihm geradezu angebeteten Schauspielerin Sybil Vane (Katrin Berg) kosten sie letztlich das Leben. Ihre Leidenschaft und ihr Talent für das Theaterspiel erlischt, als sie Dorian Gray kennen- und lieben lernt, der sie daraufhin mitleidslos fallen lässt und damit in den Suizid treibt.

Ihr Bruder Jim Vane (Andreas Krüger) heftet sich an die Fersen des nicht alternden Schönlings, kann sie aber nicht rächen, sondern kommt bei einem tragischen Unfall ums Leben. Bei Oscar Wild wird er als Treiber bei einer Jagdgesellschaft besserer Kreise „versehentlich“ erschossen, bei BLB-Intendant Carsten Ramm läuft er in einen Bus . . .

Dorian Gray verdankt dagegen seinem jugendlichen Aussehen das Leben, denn er kann den rasenden Bruder dank seines unverändert jugendlichen Erscheinens davon überzeugen, dass er gar nicht der Gesuchte sein kann. Nach einem immer selbstsüchtigeren und ausschweifenderen Leben sieht aber auch der „Prince Charming“ keinen Sinn mehr in einem nur von Äußerlichkeiten bestimmten Leben. Er projiziert seinen Hass auf die in seinem einst makellosen Porträt von Basil Hallwell in einer Art „Spiegel seiner Seele“ festgehaltene „Bürde seiner Schande“, bringt den Künstler um und richtet sich dann selbst.

Oscar Wilde hatte einst aus gemachter tragischer Erfahrung empfohlen, dass man „bei der Wahl seiner Feinde nicht vorsichtig genug sein“ könne. Die Kritik an seinem Roman wies er zurück und machte deutlich, es gäbe keine moralischen und unmoralischen, sondern nur gut oder schlecht geschriebene Bücher.

Nach dem Gefängnisaufenthalt war er mittellos und gebrochen, seine Würde, seinen Humor und etwas „Fortune“ hatte er aber bewahrt. Der Besitzer des „Hotel d’Alsace“ hatte ihn in seinem besten Zimmer untergebracht und bewirtete ihn mit gutem Essen und ausgezeichnetem Wein. Oscar Wilde, der stets viel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt hatte und fast sprichwörtlich für seinen spöttischen Humor bekannt ist, soll kurz vor seinem Tod im Jahr 1900 noch gesagt haben: „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich“ und sich bewusst gewesen sein: „Ich sterbe über meine Verhältnisse.“