Kirchheim. Es gibt Regisseure, die ihr Publikum gerne verunsichern und über ihre Intentionen lange Zeit im Unklaren lassen – zuweilen sogar
bis über das Ende der Aufführung hinaus . . . Manuel Soubeyrand spielte dagegen von Anfang an mit offenen Karten. Er hatte sogar die WLB-Dramaturgin Katrin Enders vorausgeschickt, um in das Stück einzuführen und auf gewollte Verfremdung und bewusstes Heranrücken an die Moderne vorzubereiten.
Mit Goethes „Egmont“ stand ein eher selten aufgeführtes Stück auf dem Spielplan. Der Rezensent der Mainzer Erstaufführung hatte beklagt, dass es hohe Anforderungen an Schauspieler und Zuschauer stelle, „denen beide gegenwärtig kaum gewachsen seien“. Vielleicht war ja deshalb die vorangestellte „Nachhilfestunde“ angeboten worden.
Wer mutmaßte, dass es wohl Möglichkeiten geben wird, Dinge misszuverstehen oder etwas zu übersehen, lag damit sicher nicht falsch. Eines war aber völlig klar: Hier wird nicht ehrfurchtsvoll und ängstlich mit einem Klassiker umgegangen, sondern versucht, auch der Moderne Platz einzuräumen und auf Bezüge bis in die Gegenwart hinein zu verweisen. Ob ein paar grelle Turnschuhe der Jetztzeit zum steifen weißen Kragen von einst als verlässlicher Unterbau für solcherlei Aktualisierung schon genügen können, sei dahingestellt. Dass die auf das Thema „Aufstieg und Fall“ verweisenden Bilder viel stärker verfremdet waren als gewollt, lag dabei lediglich am Faltenwurf des Stadthallenvorhangs . . .
Bei der WLB-Inszenierung gab es auf jeden Fall viele Überraschungen und Abweichungen von gewohnten Wegen, über die jeder für sich selbst entscheiden muss. Dass nicht nur das gesprochene Wort gilt, sondern ungemein viel auch mit optischen Reizen vermittelt wird, machte schon das eindrucksvolle Bühnenbild deutlich. Einen abgestürzten Kronleuchter in dieser Größe sieht man selten auf Theaterbühnen.
Das die gesamte Guckkastenbühne ausfüllende düstere Requisit wirkte keinesfalls wie ein fröhliches Klettergerüst. Die semiotisch aufgeladene Leuchte konnte vielmehr ohne große Umbauarbeiten die vielen unterschiedlichen Handlungsorte ideal verbinden. Dass die „Lampe“ nach der Pause nicht mehr dalag wie zuvor, sondern auch noch in zwei Hälften zerbrochen war, gab erhellende Hinweise auf den Fortgang der tragischen Handlung.
Musikalisch wurden ebenfalls Historie und Moderne mutig gemischt, denn Beethovens kongeniale Bühnenmusik wurde nur zu Beginn zitiert und lautmotivisch aufgegriffen, dann aber immer intensiver von Silvio Urbiks digitalen Tonkünsten überlagert und zunehmend verdrängt.
Wütender Sprechgesang erklärte dann die aktuelle Lage. Die Niederländer hassen die spanischen Besatzer, die ihnen den Katholizismus aufdrängen und immer neue Steuern und Abgaben diktieren wollen. Plünderungen und Bilderstürmerei sind unübersehbares Zeichen ihrer Wut.
Nicht Margarete von Parma (Nadine Ehrenreich als Halbschwester des spanischen Königs Philipp II) hätte die Macht übertragen werden sollen, sondern dem von allen geliebten und hoch gelobten Grafen Egmont (Stefan Wancura). Nachdem die Herrscherin es nicht geschafft hatte, zwischen Niederländern und Spaniern zu vermitteln, wurde Herzog von Alba (Ulf Deutscher) eingesetzt, der hart durchgreift, den als Hoffnungsträger verehrten möglichen Retter verhaftet, wegen Hochverrat verurteilt und öffentlich hinrichten lässt.
Egmonts Mitstreiter Wilhelm von Oranien (Dietrich Schulz) hatte vor seiner Flucht vergeblich versucht, den von seiner Unverletzbarkeit überzeugten Egmont zu retten. Seine Geliebte Klärchen (Beatrice Boca) scheitert kläglich beim Versuch, Mitstreiter zu mobilisieren, um sich gegen die Machthaber zu erheben. Das Ende der spanischen Fremdherrschaft und die in verlustreichen Kämpfen errungene Unabhängigkeit der Niederlande erlebt sie nicht mehr. Völlig desillusioniert von ihren gescheiterten Rettungsversuchen und völlig verzweifelt über Egmonts bevorstehende Hinrichtung nimmt sie sich das Leben.
Mit großem Interesse hatte Goethe den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und die Französische Revolution verfolgt und im blutigen Befreiungskampf der Niederländer gegen die spanische Fremdherrschaft Parallelen erkannt und aus der sicheren Distanz zu den historischen Ereignissen versucht, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Über zwölf Jahre erstreckt sich die Entstehungsgeschichte dieses Stücks, das Goethe auf seiner Italienreise abschloss. Nachhaltiges Echo blieb den ersten Aufführungen des überzeitlichen Trauerspiels „Egmont“ aber versagt.
Die Kirchheimer Aufführung zeigte aber zweifellos, dass die Kunst der Schauspieler und die Gunst des Publikums inzwischen deutlich zugenommen hat. Darsteller und Publikum kamen mit den einst kritisierten „sprechtechnischen Schwierigkeiten der Monologe“ gut klar und feierten gemeinsam das Ende einer langen Tour durch die Veranstaltungsorte und einen eindrucksvollen Theaterabend in der Kirchheimer Stadthalle.
