Kirchheim. Drei abwechslungsreiche Tage lang präsentierten der Club Bastion und die Kinobetriebe Frech die ersten Kirchheimer Kurzfilm- und Trickfilmtage. „Maybe Bangladesh“ bot in der Bastion eine außergewöhnliche Kombination von
Trick- und Realfilm, begleitet von Livemusik auf dem Akkordeon.
Den Jüngeren sei es kurz erklärt: Eine Kassette war ein kleines Plastikgehäuse mit zwei Spulen, auf denen sich ein Magnetband drehte. Auf diesem wurden im analogen Zeitalter bis zu 120 Minuten Musik aufgezeichnet.
Auf einer solchen Kassette, die sein Freund Simon fertig bespielt aus Asien mitgebracht hat, hat der Musiker Jochen „Erich“ Abel eine wunderschöne Stimme gehört. Diesen Sänger, der da von „Govinda“ singt, möchte er unbedingt treffen. Doch die Kassette ist nicht beschriftet. Die Musik stamme nicht aus Indien, vielleicht aus Bangladesh, meint der nepalesische Koch, den Erich in Bayern als Ersten befragt. So kam der 50-minütige Film zu seinem Namen. Mit drei Freunden beginnt Erich eine verrückte sechswöchige Reise. Sie führt, mangels Billigflügen nach Bangladesh, zuerst ins indische Kalkutta, offiziell Kolkata.
In die Bastion war Erich mit seinem Akkordeon, das er glänzend beherrscht, sowie gemeinsam mit Carolin Schattenkirchner gekommen. Sie fertigte die Trickfilmszenen und sorgte für den Schnitt. Die Rahmengeschichte des Films trug Harald Kienzler bei, Dramaturgie und Konzept stammen von Helge Thun. Ob das Geschehen rund um die Kassette wirklich von jener religiös-weltumspannenden Bedeutung war, wie Erzähler „Harry“ das im Film enthusiastisch erklärt, mochte jeder der etwa 50 Zuschauer selbst entscheiden. Darüber waren sich Harry und der Hauptdarsteller Erich selbst nicht ganz einig.
Man möge ein wenig lauter stellen, bat Erich vor Beginn der Vorführung, so käme man der indischen Originallautstärke näher. Umgeben von Autohupen, Hundegebell und Handyklingeln irren die Reisenden ziellos durch Kolkata. Unzähligen Indern setzt Erich die Kopfhörer auf, fragt sie nach jenem Lied. Dessen Sprache Tamilisch weist nicht nach Bangladesh, sondern nach Südindien. Mit Bus und Zug unterwegs, sammeln die vier Deutschen immer weitere Informationen. Das Lied gehört zu einem religiösen Tanz, Hauptinstrument ist eine typisch südindische Trommel mit doppelter Membran. In Chennai, erreicht nach 30-stündiger Zugfahrt, bekommt Erich dann den entscheidenden Tipp. Er kauft eine CD des Sängers, findet die in der Stadt ansässige Plattenfirma. Dort erfährt er, dass der Sänger Vidhyabhushana in Bangalore wohnt, nur noch 360 Kilometer entfernt. So kommt es schließlich zur Begegnung der beiden Musiker.
„Maybe Bangladesh“ vereint viele Zutaten: Zu köstlichen Trickfilmszenen, etwa jener zur Erklärung des indischen Straßenverkehrs, gesellen sich eindrückliche Aufnahmen des indischen Alltags. Sie verraten weit mehr über das Land als manche Tourismuswerbung. Ein klein wenig „Sendung mit der Maus“ ist in „Maybe Bangladesh“ ebenfalls enthalten, etwa bei der Erklärung der mit einer Morsetaste versehenen Bushupe. Die Musik ist eine gelungene Melange aus West und Ost, für Aufnahmen mit indischen Musikern kehrte Erich ein Jahr später extra nach Kolkata zurück. Am Ende reichte sein dreimonatiger Aufenthalt gerade aus. Die „Indian Standard Time“ ist eben eine gelassene Zeitrechnung, deren Schilderung werden die Zuhörer so schnell nicht vergessen. Ebenso wenig Erichs Beschreibung seiner zweieinhalbstündigen – gefühlt fünfstündigen – Fahrt durch Kolkata, um einen Musiker zu treffen, mit U-Bahn, Bus, Motorradrikscha und Fahrradrikscha und dem Akkordeon im Gepäck.
Zusätzlich zum Hauptfilm gab es interessante Kurzfilme zu sehen. Einer davon entstand, als Erich in Kolkata am Straßenrand eine Tasse Tee trank und plötzlich ein Wanderzirkus mit seinem Auftritt begann. Ein anderer dokumentierte den Versuch, sich in Indien an die Verkehrsregeln zu halten. Da wurde Erichs Rat verständlich, einfach loszugehen. Dann umfließe einen der andere Verkehr wie Wasser sein Hindernis.
Nur ein anfängliches Hindernis für die Filmemacher war, dass eine solche Reise viel Geld kostet, die Filmausrüstung kam noch dazu. Also wurden Bekannte per Rundmail und am Telefon um Spenden gebeten. Als Gegenleistung wurde den Spendern eine Postkarte aus Bangladesh versprochen. Dass sie diese nie bekamen, dürfte klar sein. Dafür bekam jeder einen Dankesbrief aus Bangalore, vom dortigen Schreibdienst am Straßenrand fast fehlerfrei getippt. Eineinhalb Tage brauchte Erich, bis er das für die Verzierungsstempel benötigte Stempelkissen aufgetrieben hatte.
Wer für den Abend noch nicht genug vom Film hatte, konnte von der Bastion direkt ins Tyroler wechseln. Dort lief ab 22.30 Uhr der zweite Teil von „Deutscher Kurzfilmpreis unterwegs“. Am Sonntag folgten Animationsfilme aus Baden-Württemberg, internationale Kurzfilme für Kinder und Produktionen der Filmakademie Baden-Württemberg.
