Kirchheim. Der Tradition seiner bisherigen Programmgestaltungen folgend, hatte Bezirkskantor Ralf Sach Werke ausgewählt, die nicht zum Standardrepertoire großer Kantoreien gehören. Den Anfang bildete Franz Liszts „Via Crucis“, eine ergreifende Kreuzwegvertonung des sonst eher als Komponist virtuoser Musik bekannten Meisters des 19. Jahrhunderts. Neben einer einleitenden Hymne verarbeitet der Zyklus in den 14 Kreuzwegstationen Bibelzitate, mittelalterliche Hymnen und Choraltexte. Ungemein farbig ist auch die musikalische Textur des Alterswerks von Liszt. Unisonopassagen wechseln sich ab mit unbegleiteten Solorezitativen, wuchtigen Turbaechören, gregorianischen Hymnen, Chorälen und Frauenchorsätzen. Grundiert wird alles durch einen expressiven, harmonisch reichen Orgel- beziehungsweise Klavierbegleitsatz. Die Martinskantorei zeigte sich den vielfältigen Aufgaben sehr gut gewachsen. Von ihrem Dirigenten bestens vorbereitet, sangen die Choristen präzise das erste Chorunisono, ausgeglichen in allen Registern und mit schlanker Tongebung, intonatorisch sicher auch bei heiklen harmonischen Wendungen und mit dramatischer Wucht in den Szenen, in denen Jesus unter der Kreuzeslast zusammenbricht.
Besonders gelungen waren auch die Einsätze der Frauenchorpassagen im „Stabat mater“ sowie die Gestaltung der Choräle. Die Hälfte der Stationen sind als reine Klavier- und Orgelsätze konzipiert. Diesen anspruchsvollen Part der musikalischen Mitgestaltung hatte Ralf Sach in die bewährten Hände von Thomas Arnold (Klavier) und Kirchenmusikdirektor Ernst Leuze (Orgel) gelegt. Beide füllten ihre Aufgaben mit großem Einfühlungsvermögen und großer Musikalität aus.
Dabei war die Abstimmung der sich in großer räumlicher Distanz zueinander befindlichen Instrumente schwer zu bewerkstelligen, wechselten sich Orgel und Klavier doch häufig ab oder spielten gar gleichzeitig. In den kurzen solistischen Partien erklangen sehr schöne Kantilenen auf dem Flügel – trotz stimmungstechnischer „Trübungen“ im tiefen Register – sowie farbig registrierte Orgelklänge. Die Rolle des Soliloquenten, meist als Vox Christi, hatte der junge Bariton Sungmi Kim inne. Setzte er anfangs seine Stimme noch zu sehr mit opernhaftem Gestus ein, wusste er im Verlauf des Werkes immer mehr mit lyrischen Tönen und sehr schönen, im Pianissimo verklingenden Phrasen und eindringlicher Textgestaltung zu gefallen.
Das bemerkenswerte Oratorium nach Bildern der Bibel der hochbegabten Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy, entstand in nur sechs Wochen im Jahr 1831 in Berlin. Hintergrund war die Überwindung der Cholera, die in ganz Europa wieder aufgeflammt war. Das erst 1982 wiederentdeckte Werk wurde 1984 uraufgeführt. Im Gesamtensemble der Kirchheimer Aufführung hatte die Komposition kompetente und engagierte Sachwalter: Neben den Chor trat das Schwäbische Kammerorchester, verstärkt durch Mitglieder der Stadtkapelle Kirchheim und die Solisten, auf. Die düster energische Orchestereinleitung dirigierte Ralf Sach kraftvoll, mit packendem Zugriff. Das Orchester wusste mit klaren Streicherakzenten sowie schönen Bläserlinien zu gefallen und konnte die vielfältigen Klangfarben von Fanny Hensels Oratorium adäquat und tonschön ausleuchten.
Die Hauptrolle in diesem Stück spielte der Chor. Von den 16 Einzelsätzen gestaltete er sieben, häufig bis zur Achtstimmigkeit geführt. Beginnend mit der Verzweiflungsgebärde „Wehe, wehe, es ist geschehen“ über die auskomponierten Affekte von Resignation und Zuversicht im kompositorisch weit ausladenden anspruchsvollen „Trauerchor“ bis hin zum triumphierenden Schlusschor hatte die Kantorei an der Martinskirche eine tragende Rolle innerhalb des Oratoriengeschehens. Sie wusste die jeweilige Grundstimmung der Sätze genau umzusetzen. Die romantischen Linien wurden mit großem Atem und einem sehr präsenten, wandlungsfähigen, homogenen Chorklang ausgefüllt. Alles blieb im Fluss, nicht zuletzt auch durch Ralf Sachs fließende Dirigierbewegungen und präzisen Impulse.
Die Solisten sind in diesem Werk überwiegend rezitativisch berichtend beteiligt, der Tenor hat darüber hinaus eine groß angelegte dramatische Arie („Ich bin elend“) zu singen. Christine Euchenhofer, Sopran, gestaltete ihren Part mit schöner, klarer Diktion und runden Spitzentönen. Hubert Mayer übernahm souverän die Rezitative für die erkrankte Altistin und konnte dabei seinen enormen Stimmumfang demonstrieren. In der Arie bewies er dramatischen Gestus und meisterte die exorbitanten Höhen des Stücks textverständlich und geschmeidig. Der Bass von Sungmi Kim stattete seine Partie mit sonorer, warmer Klangfülle aus, wobei er – wie auch die übrigen Solisten – gelegentlich durch das Orchester etwas „zugedeckt“ wurde. Der zuversichtliche, kraftvolle Schlusschor entließ das aufmerksame Auditorium mit der Gewissheit in die Ostertage, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass die Hoffnung über jede Niedergeschlagenheit und Trauer obsiegen kann.
