Lektüretipps aus dem weiten Feld der Neuerscheinungen im traditionsreichen Literatur-Café des Buchhauses Zimmermann
Von erotischen und von empfehlenswerten Büchern

Kirchheim. Über zwanzig Jahre gibt es schon das Literatur-Café im Buchhaus Zimmermann. Kaffee ausgeschenkt wurde dabei noch nie. Vielmehr werden immer wieder interessante Bücher aus dem überbordenden Angebot herausgepickt 


und mit einem subjektiven aber fundierten „Gefällt mir“ zur Lektüre empfohlen. Zu Beginn der Revue handverlesener Neuerscheinungen befasste sich Dr. Horst Zimmermann mit einem Phänomen, das gleich in dreifacher Grauschattierung auf den Markt drängt: „Shades of Grey“.

Dass diese Erotik-Serie ein echtes Konjunkturprogramm des Buchhandels geworden sei, brachte ihn durchaus ins Grübeln. Empfehlen wollte Dr. Zimmermann die rund 1 800 Seiten starke SM-Trilogie dann freilich nicht. Stattdessen präsentierte er „einen Glücksfund“, auf den er „unvermutet gestoßen“ sei.

Bekannt durch seinen treffsicheren Blick auf die „Generation Golf“ hat der Feuilletonist Florian Illies den belesenen Buchhändler mit einem so klugen wie geistreichen Buch überrascht, einem „großen Lesevergnügen für Liebhaber der Kunst und der Kulturgeschichte“. In dem Band „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ jongliere Illies „kühn mit der fiktiven Gleichzeitigkeit geschichtlicher Ereignisse und verquicke lakonisch Banales und Epochales, lautet das Resümee über eine Neuerschei­nung, die „kenntnisreich und stilsicher Literatur, Kunst und Musik zu einem pointilistischen Bild dieses Jahrhunderts“ zusammenfügt und „in trügerischem Frieden schon das Unheil der Kriege im 20. Jahrhundert erahnen lässt“.

Ganz nahe bei seinen Figuren zu sein, bestätigt Sibylle Mockler Stephan Thomes, „einem Experten für Lebenskrisen von Menschen, die in ihrem Leben alles gut hinbekommen wollen und irgendwann nur noch eine seltsame Leere spüren“. Sein Buch „Fliehkräfte“ wäre dabei so entspannt und leichtfüßig erzählt, dass man es leicht unterschätzen könne.

Tim Parks „Sex ist verboten“ bescheinigt sie, dass er auf unterhaltsame Weise das Dilemma des modernen Menschen aufzeigt, der sich müht, aus der Spirale der täglichen Überforderung einen Ausweg zu finden.

Beeindruckt von Julie Otsukas „Wovon wir träumen“ zeigte sich Sabrina Schömers. Auf 160 Seiten wird die Geschichte der sogenannten „Picture Brides“ erzählt, die Anfang der Zwanzigerjahre den Pazifik überquerten, um von Heiratsvermittlern ausgewählte Ehemänner zu treffen. „Dieses kleine Buch hat mir das Herz gestohlen“, zitierte sie eine Jurorin des PEN/Faulkner Awards, den die Autorin für dieses schlanke Büchlein erhalten hat, und zeigte sich überzeugt, dass es wohl allen Leserinnen und Lesern so gehen wird.

Vor mehr als zwanzig Jahren sind die ersten Notizen zu Richard Fords „Kanada“ entstanden, das sein Publikum schon mit seinen ersten beiden Sätzen fesselt und nicht mehr loslässt. „Zuerst möchte ich von einem Banküberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten . . .“

Im Neapel der Sechzigerjahre spielt Erri de Lucas „Montedidio“, das Conny Beck auf ihre persönliche Empfehlungsliste genommen hat. Dem Autor attestiert sie, dass ihm mit dieser zarten poetischen Liebesgeschichte um einen Dreizehnjährigen, der die Schule verlassen muss, um eine Schreinerlehre zu machen, „ein interessantes Stück europäischer Geschichte im Kleinen gelungen“ sei.

In den Wäldern im Westen Kanadas spielt Frances Greenslades Roman „Der Duft des Regens“. Die kraftvolle und teilweise mystische Geschichte handelt von Loslassen und Ankommen, von Liebe und Verlust und davon, dass Menschen, die man zu kennen glaubt, auch verborgene Seiten haben.

Vor der endlosen Weite Alaskas des Jahres 1920 entwickelt sich in Eowyn Iveys „Das Schneemädchen“ die Geschichte von Mabel und Jack. Sie haben ihre Familie verlassen, um über

Von der Begegnung
mit einem Kind
und einem Fuchs

den Verlust ihres tot geborenen Kindes hinwegzukommen, und treffen auf ein geheimnisvolles scheues Kind in Begleitung eines Fuchses.

Neben diesem „wunderschönen märchenhaften Roman über Liebe, Freundschaft, Verlust und Enttäuschung“ wünscht Gaby Ensinger auch „Souvenirs“ von David Foenkinos möglichst viele Leser. Die Geschichte eines jungen Mannes, der nachts in einem Pariser Hotel als Rezeptionist und bei Tag an seiner Karriere als Schauspieler arbeitet, streift nicht nur das Alter sondern auch Kindheit und Jugend und erzählt eine facettenreiche Familiengeschichte voll überraschender Wendungen.

„Die Zeit, die Zeit“ von Martin Suter und die sonderbaren Rituale von Peter Taler haben Maxi Neumann ganz besonders gefesselt. Seit einem Jahr verbringt er seine Abende genau so wie an dem Tag, an dem seine Frau hinterrücks erschossen wurde. Er ist sich sicher, „dass irgendetwas anders war auf der Straße, vor dem Haus“.

Gefesselt von philosophischen Gedanken über die Zeit und fasziniert von den sonderbaren Plänen des Protagonisten drängt sich immer mehr die Frage auf, wie um alles in der Welt diese Geschichte enden wird. Wer sich überraschen lassen will, muss sich den Ritualen stellen und sich an der Suche beteiligen.

Um „Nullzeit“ geht es in Juli Zehs neuem Buch und damit um die Zeitspanne, die man in einer bestimmten Wassertiefe verbringen kann, ohne beim sofortigen Wiederaufstieg zur Oberfläche gesundheitlichen Schaden zu riskieren. 14 Tage lang hat sich ein Tauchlehrer vertraglich an zwei Schauspieler gebunden, die völlig neurotisch sind und mit ihm und mit sich perfide Spielchen spielen. Entstanden ist daraus eine „gelungene, spannende Mischung aus Unterwasserabenteuer, Aussteigersatire und Beziehungsdrama“.

Den Reigen ihrer Krimiempfehlungen eröffnete Tina Drexler mit „Der König von Berlin“. Wer Horst Evers kennt – der ja bekanntlich für Eile keine Zeit hat – wird nicht erstaunt sein, dass der fantasievolle Autor zwar nie den Plot aus den Augen verliert, aber doch auch sehr vergnügliche Exkurse ins Komisch-Groteske anbietet.

Deutlich ernster ist der Tonfall in Joern Lier Horsts „Winterfest“. Es ist das erste Buch eines in Norwegen

Ein norwegischer
Kriminalbeamter
als Schriftsteller

sehr erfolgreichen leitenden Kriminalbeamten, das in deutscher Sprache erschienen ist und zum Lieblingsbuch norwegischer Buchhändler gewählt wurde.

Gänsehaut und fundiertes Fachwissen verspricht sie mit „Abgeschnitten“. Sebastian Fitzek und Michael Tsokos zeigen darin, was he­rauskommt, wenn sich ein Star des Psychothrillers und ein Rechtsmediziner zusammensetzen: „wunderbar spannende schlaflose Nächte“.

In „Department 19 – Die Mission“ stellt sich Will Hill dem Kampf gegen Vampire und schafft eine spannende Mischung aus Thriller, Fantasy und Gruselgeschichte mit einem Schuss Horror – „kurzweilig, spannend und sehr, sehr blutig . . .“

Harte aber wichtige Kost hatte Ruben Schömer im Sachbuchbereich entdeckt. „Breaking the Silence“ informiert in authentischen Zeugenaussagen über Menschenrechtsverletzungen in den Palästinensergebieten Israels. Jean Zieglers „Wir lassen sie verhungern“ zeigt, dass die Ressourcen der Erde eigentlich für die Ernährung der Menschen rechnerisch gut ausreichen. Dennoch stirbt alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren den Hungertod.

Bernd Stövers „United States of America“ zeichnet ein von großer Objektivität getragenes Bild der Entwicklung einer Supermacht. Wer sich über „Mister Tagesthemen“ und sein interessantes Leben informieren möchte, wird auf Ulrich Wickerts „Neugier und Übermut“ verwiesen. Wer sich dem vielseitigen Roger Willemsen nähern möchte, kann in dem von Sibylle Mocklers empfohlenen „Momentum“ ein buntes Füllhorn ausgebreiteter Texte zu wichtigen, aber auch ganz banalen alltäglichen Momenten finden, die sein Leben aber doch alle auf ihre Art prägten.

Christoph Rehages ungewöhnliche Idee, von Peking aus zurück nach Deutschlang zu gehen, die sich in den Büchern „The Longest Way“ und „China zu Fuß“ niederschlug, faszinierte Simone Schey. Als „Entdeckung des Herbstes“ bezeichnete sie Peter Schmidts Autobiografie „Ein Kaktus zum Valentinstag – Ein Autist und die Liebe“. Besonders konkrete Folgen ihrer gewissenhaften Lektüre von Dagmar Reichels „Komm zum Kaffeeklatsch“ konnte sie zum Ausklang des Abend präsentieren. Auch bei der aktuellen Ausgabe des Literaturcafés wurde zwar kein Kaffee gereicht, aber ein eindrucksvolles Kuchenbuffet unterschiedlichster selbst gebackener Kostproben offeriert.