Kirchheim. „Still & Leise“ sollte sie sein, die musikalische Einstimmung auf das bevorstehende Weihnachtsfest in der Kirchheimer Zionskirche, die Kirchheims evangelisch-methodistische Gemeinde am Mittwochabend gemeinsam mit ihrem Pastor Volker Seybold zelebrierte. So jedenfalls hatte das Plakat verkündet, mit dem die Untergruppenbacher Gospel AG, deren stellvertretender Vorsitzender Volker Schuler und eine aus ihren Mitgliedern zusammengestellte Band mit der Sängerin Simone Rabe den Konzertabend der Öffentlichkeit schmackhaft gemacht hatte.
„Auf den Tag genau vor einem Jahr“, begrüßte Pastor Volker Seybold die zahlreich erschienenen Gäste, habe man bereits einmal den Advent mit der Gospelband und Simone Rabe ausklingen lassen, damals allerdings nur vor einer Handvoll Zuhörer. Trotzdem, so Seybold, sei allen Beteiligten klar gewesen: Das würde man noch einmal machen, wenn es wieder soweit ist und der Jahrestag von Christi Geburt wieder vor der Tür stehe.
Und so freute er sich umso mehr, nicht nur Simone Rabe, den Bassisten Andreas Weber, Ralf Schuon am Klavier, Daniel Schwenger am Schlagzeug und den Gitarristen Ralf Conrad in der Armbruststraße begrüßen zu können, sondern auch seinen Kollegen Volker Schuler, der neben der Moderation des Abends auch die Gestaltung des darin fast unauffällig eingeflochtenen Gottesdienstes übernahm.
Hoch erfreut zeigte sich der Pastor auch über den Erfolg der Mundpropaganda, die zumindest mitverantwortlich für den guten Besuch der diesjährigen Veranstaltung mit der Gospel AG-Band und ihrer Sängerin Simone Rabe war. Wer nun allerdings Gospelmusik in der Tradition einer Mahalia Jackson erwartet hatte, musste sich getäuscht sehen. Musste – denn die Zeit ist auch an der „frohen Botschaft“ nicht vorbeigegangen, und wie es der bekannte Chorleiter Edwin Hawkins einmal ausgedrückt hatte: „It‘s not the Sound – it‘s the Message!“
Nicht die Musik ist es, worauf es ankommt, sondern die Botschaft. Die war an diesem Abend in der Zionskirche allgegenwärtig: in Simone Rabes klarem Sopran wie im Sound der vierköpfigen Band und in jenen Worten von Pastor Schuler, mit denen er aus seiner Arbeit in der Drogenszene und als Street Worker erzählte. Dabei machte er deutlich, dass es gerade die Elenden und Benachteiligten sind, diejenigen, die „nicht wissen, wie es morgen weitergeht“, denen die frohe Botschaft an Weihnachten zuallererst gilt. „Jenen, die zerbrochenen Herzens sind“.
Ganz und gar nicht gebrochen jedoch klang, was die fünf Musiker zu bieten hatten. Bisweilen kroch sogar eine gewisse Süßlichkeit am Gerüst der Stücke entlang, wie sie eigentlich besser in den Schlagerstudios der amerikanischen Mainstream-Soul-Industrie aufgehoben wäre und aus den Goldkehlchen der Celine Dions und Whitney Houstons in die „earclips“ ihrer Mainstream-Fans strömen dürfte.
Dessen ist sich auch Volker Schuler durchaus bewusst, kündigte er doch den Eröffnungssong des „Still & Leise“-Konzerts, „ A Christmas to Remember“ von Amy Grant als, ja, Schlager an. Diesem Duktus folgte das Konzert mit wenigen Ausnahmen, doch wie gesagt, nicht die Musik, die Botschaft ist das, was zählt, und die kam uneingeschränkt auch deshalb ‘rüber, weil man die Mühe und den technischen Aufwand nicht gescheut hatte, fast alle Texte, sofern sie in englisch gesungen waren, in einer deutschen Übertragung auf einer Leinwand und vor dem Hintergrund zauberhaft schöner Fotos zu präsentieren.
Es war professionelle Arbeit, was dem Publikum musikalisch entgegenwehte. Schon optisch war zu erkennen, dass sich da im Studio und auf der Bühne erfahrene Musiker der Songs angenommen hatten, die aus der Feder so bekannter Songwriter wie Danny Plett oder Albert Frey geflossen und für den Sound des Quartetts und Simone Rabes Stimme nahezu perfekt arrangiert daher kamen.
Aber so wie sich Volker Schuler in seinen Anmerkungen auf die „Alten“ wie den Propheten Jesaja berief, der die Ankunft des christlichen Erlösers als „Immanuel“ („Gott ist mit uns“) verlässlich vorausgesehen habe, so kam auch Simone Rabe nicht ganz um die alte Tradition christlichen Liedgutes deutscher Zunge herum: „Ich steh an deiner Krippen hier“ würdigte deren wohl berühmtesten religiösen Lieddichter Paul Gerhardt in der ebenso berühmten Vertonung durch Johann Sebastian Bach, die in wohl jedem Liederbuch des christlichen Kulturkreises auch heute noch ihren Platz nicht bestritten sieht.
Auch ein Gedicht des deutschen Schriftstellers Jochen Klepper mit dem Titel „Die Nacht ist vorgedrungen“, laut Volker Schuler vor 75 Jahren in einer Stimmung zwischen Zweifel und Zuversicht verfasst, kam in einer für die Rockband-Besetzung arrangierten Vertonung vorzüglich zur Geltung. In „Hauch des Himmels“ sucht die unverheiratet schwangere Maria den Schutz des Verursachers ihrer Last und dem bereits geborenen Heiland wird, wie allen Kindern, ein „Schlaflied“ zum Trost gesungen.
Zum Mitsingen lud Pastor Schuler die Gemeinde in „Herbei, o ihr Gläub‘gen“ ein und sprach vor der abschließenden Hymne „You Raise me Up“ ein Dankgebet. Und wer bis dahin das in einem Gottesdienst – und um einen solchen handelte es sich gewissermaßen, trotz des für das Konzert verlangten Eintrittsgeldes – obligatorische Gebet „Vater Unser“ vermisst hatte, sollte nicht enttäuscht nach Hause gehen müssen: In die Zugabe „Oh Holy Night“ verpackt, fand es sich, von Simone Rabe in leisem Sprechgesang vorgetragen.
