Kirchheim. In den Mittelpunkt seines Jahresrückblicks stellte Rainer Laskowski – seit 1983 Museumsleiter und seit 1985 ehrenamtlicher Beauftragter für Bodendenkmalpflege –das im Dezember vergangenen Jahres abgebrochene Haus in der Marktstraße 19 in Kirchheim. Noch immer klafft dort eine offene Baugrube. Diese ermöglicht zwar einen Blick in die Reste einer ehemals interessanten „Kellerlandschaft“. Dennoch, so Laskowski, schmerze der Verlust. Das ein Jahr nach dem Stadtbrand von 1690 erbaute Fachwerkhaus sei nicht nur ein fester Bestandteil des Häuserensembles beim Rathaus gewesen, sondern wies vom Keller bis zu den Dachgeschossen zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Kirchheimer Stadtgeschichte auf.
Der älteste Keller, noch mit flacher Holzbohlendecke, befand sich im Bereich der nordwestlichen Ecke des Grundstückes, unmittelbar an der heutigen Marktstraße. Er stammt wohl noch aus dem 14. Jahrhundert. Der Einbau eines Kellergewölbes um 1540 lässt sich zeitlich mit dem Umbau Kirchheims zur Landesfestung in Verbindung bringen. Zudem könnten besonders sorgfältig behauene profilierte Sandsteine an der repräsentativ gestalteten Kellertreppe von Kirchen oder anderen Bauwerken stammen, die 1539 unter Herzog Ulrich abgebrochen worden waren. An der Innenseite rot gefärbte Steine im Keller belegen Schäden, die der große Stadtbrand von 1690 verursacht hat. Die Einbeziehung einer Hälfte des südlich gelegenen Nachbarkellers beim Wiederaufbau zeigt, wie nach dem Stadtbrand Häuser mit größeren Grundrissen entstanden. Das 19. Jahrhundert mit seinem wirtschaftlichen Aufschwung verursachte dann zahlreiche Umbauten, wie etwa den Ausbau des ersten Dachgeschosses zu einem Wohnstock. Rainer Laskowski bezeichnete das Haus als „total verbaut“, was eine Sanierung wohl schwierig und kostspielig gemacht hätte. Selbst der Zweite Weltkrieg habe Spuren hinterlassen, als bei Luftschutzmaßnahmen die Keller durch Gänge miteinander verbunden wurden und so Fluchtwege entstanden.
Ganz andere Spuren hinterließ der Brauch, Nachgeburten in Töpfen im Keller zu vergraben – dort, „wo weder Sonne noch Mond hinscheint“. Oft steckte dahinter die Hoffnung, die Nachgeburt – und damit das Kind – vor dem Zugriff von Hexen oder anderem Unheil schützen zu können. Man glaubte, wie noch in den 1950er-Jahren bei Offenburg belegt, dass damit „‘s Kind g’sund bleibt“. Insgesamt 25 manchmal auch umgekehrt eingegrabene Gefäße konnte die archäologische Arbeitsgemeinschaft bergen. Bemerkenswert ist, dass die ältesten Stücke in die erste Hälfte des 16. Jahrhundert gehören. Damit kann nicht nur literarisch, sondern auch archäologisch belegt werden, dass der Brauch auch in Kirchheim bis hin zur Wende vom Mittelalter zur Neuzeit zurückverfolgt werden kann und vielleicht noch weiter zurückreicht.
Eindrucksvolle Einblicke in das „Innenleben“ des Kirchheimer Frauenklosters bot die Ausstellung „Von Mantua nach Württemberg: Barbara Gonzaga und ihr Hof“ im Herbst des vergangenen Jahres. Zu sehen waren Keramik, Ofenkacheln, Bodenfliesen und andere Fundstücke, die in den vergangenen Jahrzehnten im Bereich des ehemaligen Frauenklosters beim heutigen Finanzamt geborgen wurden. Auch ein prachtvoller Kachelofen, der eine Parallele in der Ravensburger Gegend hat, konnte inzwischen identifiziert werden. Es bleibe zu hoffen, so Laskowski. dass der erstmals vorgestellte Klosterplan, eine das gesamte Klosterareal betreffende Rekonstruktion, in naher Zukunft durch Bodenradar oder geoelektrische Untersuchungen überprüft und ergänzt werden kann.
Im Bereich des 1525 erbauten Hauses Herdfeldstraße 17 wurde im früher nicht bebauten hinteren Teil Richtung Friedhofmauer beim Ausheben einer Kellergrube viel Keramik entdeckt. An mehreren Stellen fand sich sogar recht qualitätsvolle Keramik aus der Zeit vom frühen 16. bis ins 19. Jahrhundert. Dass sich keine spätmittelalterliche Keramik fand, ist ein Beleg dafür, dass dieser Teil der heutigen Herdfeldstraße erst ab der frühen Neuzeit bebaut wurde. Der Grund dafür liegt in der Gefährdung dieses Gebiets durch Überschwemmungen, wie zuletzt im Jahr 1931. Für das Jahr 1741 ist belegt, dass im 1840 abgebrochenen Totenkirchlein unmittelbar vor dem Alten Friedhof das Hochwasser der Lindach mannshoch stand. Mitte des 19. Jahrhunderts überschwemmte sogar die Lindachbrücke beim heutigen Finanzamt.
Scharfe Worte fand der Kirchheimer Museumsleiter für den Schwäbischen Albverein und dessen Umgang mit dem Mauersturz auf der Teck im Mai 2010. Damals rutschte ein Teil der äußeren Mauerverschalung des mittelalterlichen Rechteckturms auf der Ostseite in die Tiefe. Der Albverein ließ zur Gefahrenabwehr für Besucher sofort weitere Teile abtragen und abfahren, ohne Experten heranzuziehen und ohne Rücksicht darauf, dass der durch Eckbuckelquader repräsentativ gestaltete Turm, den man in völlig falscher Einschätzung des historischen Wertes für eine touristische Aussichtsplattform des 19. Jahrhunderts hielt, möglicherweise erhalten werden könnte. Jetzt liegt eine bauarchäologische Untersuchung vor, die der vom Landesamt für Denkmalpflege beauftragte Ausgräber Reiner Weiß veröffentlicht hat. Sie belegt, welchen Aufschluss zur Geschichte der Burg Teck auch jetzt noch eine wissenschaftliche Grabung ermöglicht. Es konnte nachgewiesen werden, dass der Rechteckturm im 14. Jahrhundert an die ursprüngliche Ringmauer des 12. Jahrhunderts angebaut wurde. Bis heute zeigt sich der Mauersturz als klaffende Wunde, und es ist nicht abzusehen, ob der Albverein als Besitzer der Burg die Wiederherstellung der alten Verhältnisse ermöglicht – für Rainer Laskowski „eine Schande, wie man mit diesem einzigartigen Wahrzeichen unserer Gegend umgeht“. Die ehemalige Burg Teck habe mehr Aufmerksamkeit und Engagement verdient. Wie sich solche Probleme lösen lassen, zeige die französische Denkmalpflege in der südlichen Vorderpfalz an verschiedenen Burganlagen.
