Kirchheim. „Ich denke an die Hand von Peter Heusel und schaue auf jenes ozeanische Mobile in der Mitte
des Raumes, jenen Schwarm Schreibmaschinenfische“, so Timo Brunke in seiner in Inhalt, Form und Sprachduktus wunderbar zur Ausstellung passenden Einführungsrede, die wohl eher als sprachliche Performance bezeichnet werden konnte. Zeichnungen von Michael Marschner und Mathias Pilsl sind zusammen mit den Arbeiten von Peter Heusel, der grafisch-poetische Blätter mit einer traditionellen Schreibmaschine erzeugt, in der neuen Ausstellung „von wo auch immer her“ in der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen.
Marschner und Pilsl arbeiten seit 2007 an einem gemeinsamen Konzept, Zeichnungen zu produzieren, bei dem beide Künstler jedoch zu unterscheidbaren Ergebnissen kommen. Arbeitsort und motivische Inspirationsquelle ist für sie der urbane Raum. Heute besteht das Bild einer modernen Stadt vor allem aus einem überwältigenden System visuell lesbarer Zeichen, aus Markennamen, Hinweisschildern und subtilen bis grellen Werbebotschaften. Marschner und Pilsl blenden jedoch genau diese Wahrnehmungsebenen, die sich auf den Automatismus der Wahrnehmung von Zeichen und deren Lesbarkeit beschränken, aus. Sie konzentrieren sich vielmehr auf Geräusche, Gesprächsfetzen, Tätigkeiten und Bewegungen, die an ihren Standorten in der Stadt „von wo auch immer her“ auf sie einströmen.
Diese Wahrnehmungen transformieren sie in Linien, Punkte oder in das Knüllen des Zeichenpapiers. „Der Prozess der Darstellung hat für uns System, weil das Blatt für uns ein Feld ist, das widerspiegelt, was um uns herum passiert“, erklärt Michael Marschner. Dabei spielt ein ganzes Regelwerk, ein „Setting“, das sich auf Papierformate, Stifte und Zeitvorgaben bezieht, eine Rolle. Auch Bewegungsabläufe wie das Reinigen einer Neonröhrenschiene oder das Hin und Her von Passanten an einer Haltestelle können zum Motiv werden.
Das heißt, die Künstler schließen das Visuelle nicht ganz aus, aber sie verzichten auf die naturalistische Darstellung, die sich auf Illusionen von Raum und Stofflichkeit oder auf mechanische Zusammenhänge beziehen würde. Es entstehen dabei wunderbar poetische Gefüge aus Linienverläufen, Schraffuren und Punkten, die fast informell wirken, durch das dahinterstehende Konzept jedoch einen Kontext erhalten, der sich ohne jedes Pathos auf die Alltagsrealität bezieht.
Die Kuratorin der Ausstellung ist Sonja Kälberer, Mitglied des Kunstbeirats der Stadt Kirchheim. Die Hängung der Arbeiten hat sie ebenfalls nach dem Prinzip „von wo auch immer“ sehr stringent konzipiert. Wie Geräusche oder Bewegungen in der Stadt unerwartet von oben oder von der Seite auf die Passanten einströmen, finden sich die kleinen Formate von Marschner und Pilsl überraschend hoch, niedrig oder in Gruppierungen an den Wänden.
In der Mitte des Raums hängen die Arbeiten von Peter Heusel an Nylonfäden und Klammern von der Decke herab und bilden die von Timo Brunke als „Schreibmaschinenwolke“ bezeichnete Installation. Auf Heusels Blättern finden sich fein verteilt getippte Worte, die im Blatt Verdichtungen bilden und Leerräume umschließen. Diese Rhythmen schafft der Künstler durch wiederholtes Betätigen der Leertaste und auch mit dem Zeilenhebel seiner mechanischen Schreibmaschine. Durch seine Behinderung kann Peter Heusel kaum lesen, was er da Buchstabe für Buchstabe und mit größter körperlicher Konzentration schreibt. Erst wenn ihm das fertige Blatt vorgelesen wird, kann er mögliche Zusammenhänge verstehen.
Wie bei den Zeichnungen von Marschner und Pilsl entstammen seine Motive dem Alltag: Es sind Kochrezepte, Prospekte für Sportgeräte, Reiseführer von Tübingen oder die Geschichten von Max und Moritz, aus denen er fragmentarisch Begriffe für seine typografischen und maschinellen Zeichnungen entnimmt.
„Ich wollte Künstler in die Städtische Galerie einladen, die von woanders her kommen, nicht direkt aus dem akademischen Kunstbetrieb“, so die Kuratorin Sonja Kälberer. Damit will sie nicht einen Mangel an Authentizität des sonstigen Ausstellungsprogramms kritisieren, sondern sie versteht ihren Beitrag als Ergänzung. Tatsächlich ist der unverbildete, ursprüngliche Zugang zu künstlerischer Tätigkeit zurzeit wieder Thema des Diskurses, nicht erst seit der Veröffentlichung von Christof Schlingensiefs Biografie. Die Auseinandersetzung mit Authentizität auf der einen und professioneller künstlerischer Qualität und Innovation auf der anderen Seite erinnert an die Diskussionen um die „Art brut“, geht aber darüber hinaus. Möglicherweise ist es heute schwerer, etwas nicht zu wissen; das Übermaß an Informiertheit macht das Unmittelbare wieder zum begehrten Kriterium.
Die Ausstellung endet mit der Finissage am Sonntag, 18. November, 17 Uhr. Zur Finissage gibt es eine Führung und ein Gespräch mit den Künstlern Michael Marschner und Matthias Pilsl.
